Dienstag , 23 Juli 2019

Die gestohlene Jugend

junge_soldaten_ww2Herr Schrander ist 87 Jahre alt und keineswegs ein gefälliger Zeitgenosse. „Die Last des Alters“, sagen seine Nachbarn. Seine Frau, ebenfalls in dem Alter, sieht das anders. „Ach, er war immer schon ein recht schwieriger Mensch“, urteilt sie mit einer gewissen Resignation in der Stimme, „irgendwie ist er einfach nicht in der Lage, sich gebührend auf seine unmittelbaren Nächsten zu konzentrieren.“ „Doch, ein fürsorglicher Vater und Großvater ist er stets“, so seine Kinder und Enkel, „das muss man ihm lassen, aber …“

Auch ich habe Herrn Schrander näher kennengelernt, habe mich des Öfteren mit ihm unterhalten. Und ja, es ist ganz offenbar, es wird im Umgang mit ihm relativ schnell eine Barriere spürbar, eine Grenze im zwischenmenschlichen Bereich, die einer – ich sag mal – herzlichen Annäherung kaum eine reale Möglichkeit bietet. Vermutlich ist es das, was man diesem Menschen vorwirft. So gesehen sei er ein Egoist, sagt man, ein Ehemann, Vater und Großvater, der zwar allzeit und in jeder Beziehung seinen Verpflichtungen gerecht wird, es dennoch aber an spürbarer Warmherzigkeit, ja an wahrer Liebe eben, fehlen lässt. So, oder ähnlich so, das Urteil, oder besser gesagt, die Verurteilung, seitens der Personen, die den Menschen Harald Schrander kennen, oder zumindest glauben ihn zu kennen. Klar, so gesehen, ist alles ganz leicht verständlich. So gesehen ist das der Fall. Ein komplizierter Mensch. Ein Egoist. Punkt.

Hin und wieder ergab es sich, dass Herr Schrander mir von seiner Jugend erzählte, von dem Stadtteil Hamburgs, in dem er aufwuchs, von der großen, geräumigen Wohnung in der dritten Etage. In der Regel waren es immer dieselben Geschichten, die ich zu hören bekam. Wie in Trance, so schien es mir in solchen Situationen, erzählte er dann, erinnerte sich an seine Eltern, an die Mutter, die ihn etwas verwöhnte, an den Beruf seines Vaters. Dass er im Alter von gerade mal 18 Jahren nicht nur am Rande mit den verheerenden Folgen des Zweiten Weltkrieges konfrontiert wurde, sondern bereits ein aktiver Teil jenes Wahnsinns war, das fand in seinen Geschichten zwar ebenfalls Erwähnung, aber, und das war auffällig, immer nur sehr beiläufig. Hier, genau an dieser Stelle, wurden einige Begebenheiten ein-, wieder andere ausgeklammert. Nicht etwa, dass es das Ergebnis einer gezielt konstruierten wie konsequent geübten Strategie war, nein, den Eindruck hatte ich nie.

So mit der Zeit allerdings habe ich dann doch einiges aus jenen Tagen während des Krieges erfahren. Erwähnungen, Gedankenfetzen von ihm, die sich mir, so nach und nach, wie bei einem Puzzle, zu einem Bild formierten. Jedenfalls habe ich es so empfunden. Ein fürwahr schreckliches Bild, das sich mir auf diese Weise bot, ein Einblick, der sich sogleich und unbeirrt in der vordersten Reihe meines Erinnerungsvermögens einen Platz gesucht hat. Im Jahre 1942, als die diktatorische Herrschaftsform Hitlers ihren militärischen Zenit erfuhr, kämpfte Harald Schrander als Soldat an vorderster Front. Der Russlandfeldzug benötigte jeden Mann, so hieß damals die Parole, und für den Krieg hatte ein Achtzehnjähriger gefälligst ein Mann zu sein, hatte gehorsamst Menschen totzuschießen, beziehungsweise sich totschießen zu lassen. All die Gräueltaten, die üblicherweise mit jedem Krieg einhergehen, die waren die Begleiter des Mannes Harald Schrander.

hh_bombenangriff_ww2Anfang August des Jahres 1943 bekam Harald Schrander für vier Tage Fronturlaub. Die Royal Air Force hatte im Rahmen der Operation Gomorrha die Stadt Hamburg bombardiert, und in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 den Stadtteil Rothenburgsort nahezu völlig zerstört. Sein Stadtteil wurde im Feuersturm dem Erdboden gleichgemacht, sein Zuhause. Nun stand er da, inmitten einer flächendeckenden, unüberschaubaren Ansammlung von Trümmern, und zwar direkt dort, wo er meinte, in dem monströsen Berg aus Steinen, herausgerissenen Türen und Fenstern, die Überreste des Hauses zu erkennen, in dem sich die elterliche Wohnung befand. Wie ich Harald Schrander verstanden habe, ist er dabei gewesen, als man noch einige der bis zu Unkenntlichkeit verstümmelten und verbrannten Leichen aus diesem Trümmerhaufen barg. Zwei schwarz verkohlte, geschrumpfte Körper waren unter ihnen, in denen er glaubte, seine Eltern erkennen zu können.

Kann denn ein Mensch überhaupt derartige Erlebnisse verarbeiten, beziehungsweise sie so in dem Bereich der eigenen Psyche integrieren – wie auch immer das gehen soll -, dass das, was man ein normales Leben nennt, überhaupt noch im Rahmen des Möglichen liegt? Ich wage das doch sehr zu bezweifeln. Jedenfalls liegt es völlig jenseits meines Vorstellungsvermögens. Ist es denn nicht vielmehr so, dass sich all die brutalen Grausamkeiten, das Töten von Männern, Frauen und Kindern, die Vergewaltigungen, die Liquidierungen ganzer Dörfer und Städte, und das sind nun mal die Spielregeln des Krieges, dass sich diese Erfahrungen fest und unauslöschlich in die menschliche Seele brennen – ja sich dem Betroffenen über das Erinnern immer und immer wieder als Film präsentieren. Ich mag hier kein Fragezeichen setzen. Nein, der Krieg hat einen langen Atem, seine zerstörerische Kraft, die ist mit der Beseitigung von Trümmern längst noch nicht gebannt.

Heutzutage spricht man von traumatisierten Soldaten, und Psychiater stehen bereit, wenn sie aus den Kriegsgebieten heimkehren. Das ist eine relativ neue Maßnahme. Was die Generation betrifft, der Harald Schrander angehört, so wurde das in jener Zeit anders gehalten. Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ging der Soldat zur Tagesordnung über. So wurde aus dem Gefreiten Harald Schrander, übergangslos der Maschinenschlosser Harald Schrander. Sein Körper orientierte sich fortan an die Abläufe, die das Leben zu Friedenszeiten bietet und fordert, seine Seele aber, die war noch lange im Krieg. Als Ehemann, Vater und Großvater, gab er, was er geben konnte, gab er alles, was er hatte, gab er, was ihm der Krieg noch ließ. Ja und es stimmt tatsächlich, er ist ein recht komplizierter Mensch, einer, der sich nicht gebührend auf seine unmittelbaren Nächsten konzentrieren kann, einer, der eine herzliche Annäherung kaum zulässt.

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