Montag , 22 Juli 2019
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Wenn Satire real wird: Bitterer Ernst mit leichtem Schmunzeln

gutti_schuh_1Demjenigen, der zivilen Ungehorsam übt, geht es damit um die Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten innerhalb der bestehenden Ordnung, nicht um Widerstand, der auf die Ablösung einer bestehenden Herrschaftsstruktur gerichtet ist. So steht es geschrieben und obwohl es im Grunde schon fast den Ursprung der gestrigen Spontan-Aktion einiger Menschen beschreibt, ist es nicht ganz richtig. Denn natürlich geht es auch um Widerstand und die Ablösung einer bestehenden Struktur. Dies jedoch nur auf die Herrschaftsstruktur zu beschränken wäre längst nicht genug.

Ausgehend von einem Artikel des Kollegen Peter Reuter hier bei The Intelligence, welcher ausschließlich satirischer Natur ist, entstand eine Aktion auf dem Wellmann eXtremkabarett-blog, die zunächst auch vor allem zum Schmunzeln anregen sollte, aber schon eher eine Aufforderung zu eben diesem Ungehorsam darstellt. „Ein Schuh für Guttenberg“ griff die Idee des satirischen Artikels auf, um von der derzeitigen Diskussion um die Doktorarbeit unseres Verteidigungsministers hin zu einem Blick auf die gesamte Situation zu führen, in der wir uns als Bürger dieses Landes befinden. Spontan davon angeregt taten sich am selben Abend noch fünf Menschen zusammen und gründeten, auch mit einem Schmunzeln, die „Vereinigung zur Förderung für das Hochhalten des Schuhs“.

Doch dieses Schmunzeln ist lediglich Ausdruck der Fähigkeit dieser Menschen, fast Allem noch ein Stück Humor abzugewinnen, denn damit sind nicht nur viele Dinge leichter zu ertragen, sondern noch dazu viel einfacher zu transportieren. Auch, oder gerade wenn der Gedanke dahinter ein bitter ernster ist. So ist die Erstellung einer Facebook-Seite mit dem Titel „Ein Schuh für Gutti“ auch nur ein erster Schritt diesen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Was dies nun für jeden Einzelnen bedeutet, auch dieser fünf Menschen, kann nur jeder selbst für sich formulieren und wird es vielleicht auch hier noch tun. Ich kann also nur für mich sprechen, bzw. schreiben.

Einmal fragte mich jemand, warum ich das eigentlich alles mache. Warum ich, anstatt einer vielversprechenden Karriere als Comedian zu folgen, berühmt und wohlhabend zu sein, lieber einen Blog betreibe, der keinerlei Gewinn erwirtschaftet und mich täglich mit Ungerechtigkeiten und sogenannten Verschwörungstheorien beschäftige, an denen man ja sowieso nichts ändern kann.

Die Antwort darauf war schnell gegeben. Es gibt Dinge an denen kann ich wirklich nichts ändern.

Zum Beispiel eine Suchterkrankung, die nicht nur Freunde und Familie kostet, sondern das ganze Leben in obskurer, grausamer Art und Weise bestimmt. Diese kann ich weder bekämpfen, noch mit Logik, oder Schlauheit überlisten. Ich kann ausschließlich mit ihr Leben, kann kapitulieren und einfach still sein. Vor allem kann ich nicht meinen Kindern und auch keinem anderen Menschen damit irgendwie von Nutzen, oder dienlich sein. Dies zu akzeptieren und zu begreifen ist ein fast unerträglicher Zustand.

Was ich aber kann, ist zu lernen eigenverantwortlich damit umzugehen. Ist zu lernen, dass der einzige Weg zur Erkenntnis nur über mich selbst führt. Nicht durch einen Guru, einen Anführer, eine Religion, oder was auch immer mir seine Überzeugung in den Geist setzen will. Was ich kann ist Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu erkennen. Was ich kann ist sehen, wie ich tagtäglich belogen und manipuliert werden soll, damit es einigen Menschen auf der Welt besser geht, während Millionen andere hungern und gewaltvoll sterben. Dies kann ich meinen Kindern und Mitmenschen nahe bringen und ihnen vielleicht dabei helfen selbst den Weg der Eigenverantwortlichkeit zu beschreiten. Und damit kann ich etwas ändern, nämlich als aller erstes mich selbst.

Und nicht nur das ich es kann, sondern wenn ich das erst einmal erkannt habe, dann ist es auch meine Pflicht dies zu tun, dann werden Ruhm und Geld nebensächlich, denn es würde jede Erkenntnis und jedes Menschsein wieder in Frage stellen. Und so ist die kleine Geste, den Schuh hochzuhalten, ob sie nun aus dem Nahen Osten stammt, oder woher auch immer, eben nur ein Ausdruck dessen, was ich im allgemeinen fühle, wenn ich sehe wie die Mächtigen der Welt und wie Politiker mit ihren Mitmenschen umgehen. Eine Lebenseinstellung, die deutlich macht: „Ich lasse mir das nicht gefallen, ich bin nicht still und schaue einfach zu, sondern ich leiste Widerstand.“

Dazu ist keine Gewalt-Demonstration notwendig, keine Waffen, sondern zunächst einmal nur Aufmerksamkeit und ein stetiges „Nicht-Glauben“, sondern Hinterfragen. Sich selbst zu fragen was es eigentlich für mich bedeutet, wenn ich immer nur das mache was alle machen, weil es alle machen. Und das gilt für die Politik genauso wie für sogenannte Trends, oder Modeerscheinungen. Mich zu fragen inwieweit mein Menschsein schon verloren ist, wenn ich zu etwas einfach nur meine Zustimmung oder Ablehnung gebe, weil ich aufgrund dessen was andere sagen, oder schreiben, eine Meinung dazu habe.

Und deshalb ist die Idee einer Vereinigung zur Förderung für das Hochhalten des Schuhs und das lustige Erstellen einer Facebookseite nicht einfach der Zusammenschluss von Menschen zu einem „Verein“, sondern die Aufforderung zu selbstständigem Denken und Handeln. Für Authentizität, Aufrichtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Verantwortung, und deren Werte. Und damit hin zu zivilem Ungehorsam. Und ob in diesem, oder in jedem anderen Leben. Ich werde nicht still sein.

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