Mittwoch , 19 Februar 2020
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In Memoriam Mario Gross-Kestranek

mario_portraitEnglish version– Es gibt Menschen, die sich leisten können, trotz ihrer Größe im Hintergrund zu bleiben. Künstler, die der Schaffensfreude wegen arbeiten. Denker, die mit der Wahrheit zu vertraut sind, um sie coram Publikum zu verteidigen. Es gibt Menschen, die wissen, dass sie nicht immer das Richtige tun, und die trotzdem nichts von dem, was sie getan haben, bereuen. Die Lebensgeschichte von Mario Gross-Kestranek könnte Bände füllen. Doch das wirklich Wesentliche lässt sich auch mit wenigen Worten beschreiben. Mit den höchsten Talenten ausgestattet, gelang ihm niemals der Schritt, zur Berühmtheit zu werden. Doch für die, die ihn wirklich kannten, war er Vorbild, Leitbild, Idol. Er war ein Mensch, der für alle Zeiten unersetzlich bleiben wird. 

So edel wie sein Name klingt, so edel war seine Erscheinung. Sein Vater war der Schauspieler Oscar Gross, seine Mutter Hanna, Bildhauerin und Dichterin, Tochter des „Stahlbarons“ Wilhelm Kestranek. Viele bekannte Namen tauchen im Umfeld der Familie auf. Der Philosoph Karl Wittgenstein, als einer von Wilhelms besten Freunden. Der Dichter Hugo von Hofmannsthal, Verehrer dessen Schwester Ida, Edmund von Hellmer, Erschaffer des Johann Strauß-Denkmals in Wien, der Marios Mutter Hanna in der Kunst der Bildhauerei unterrichtete. Auch der bekannte österreichische Schauspieler und Autor Miguel Herz-Kestranek ist, wie schon der Name vermuten lässt, ein Cousin von Mario Gross-Kestranek. Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden, doch dies soll an anderer Stelle getan werden.

mario_kindSeine Heimatstadt war Wien, die er zeitlebens liebte, in der er aber doch nur wenige Jahre verbrachte. Das Schicksal wollte es, dass er das Licht der Welt in Berlin erblickte, am 4. Oktober des Jahres 1927. Mario war noch keine 12 Jahre alt, als der zweite Weltkrieg ausbrach. Finanziell abgesichert, zog es sein Vater vor, Europa zu verlassen. Zwei Länder hatte er im Sinn. Australien und Kanada. Es war eine Postkarte aus Montreal, die er gerade in jenen Tagen erhielt, während der er sich, von der Zeit gedrängt, zu einer Entscheidung durchringen musste, die ihn gerade diese Stadt als neue Heimat auswählen ließ. Eine Stadt, in der er, wie Mario mit betroffenem Blick zu erzählen wusste, nie glücklich geworden ist.

Von seiner Mutter Hanna beeinflusst, die ihn auch unterrichtete, widmete Mario sich schon als junger Mensch den bildenden Künsten, im speziellen der Malerei und dem Schaffen hölzerner Skulpturen. Auch, wenn er viele Texte zu Papier brachte, tiefsinnige Gedichte schrieb, auch wenn er viele Jahre schlicht als „Lebenskünstler“ genoss, so war es doch der Beruf des Malers, mit dem er sich identifizierte, „Painter and Sculptor“, um es genau zu sagen.

Zwei Jahre nach Ende des Krieges war sein Vater verstorben. Seine Mutter hatte beschlossen, in dem komfortablen Haus in Westmount, dem vornehmsten Stadtteil im Bereich Montreals, zu verbleiben. 1949 heirate Mario die junge Estin Leida Puusepp, die nach spektakulärer Flucht, zu Fuß quer durch Europa, in Kanada eine neue Zukunft suchte. Leida, liebevoll „Lee“ genannt, sollte ihn während seines ganzen abenteuerlichen Lebens begleiten.

Die Sommermonate verbrachten sie oft in Montreal, doch, sobald der Winter nahte, dessen Temperaturen in dieser Stadt ohne weiteres auf bis zu dreißig Grad unter dem Gefrierpunkt abfallen können, zog Mario es vor, sich in wärmeren Gegenden aufzuhalten. So verbrachte er viele Winter im mexikanischen Badeort Puerto Vallarta, noch lange bevor dieser vom Tourismus erschlossen wurde. Dann lebte er wieder monatelang in Wien, genoss die lebendige Atmosphäre der Stadt an der Donau. Eines Tages, es muss um 1960 gewesen sein, gebar er, nach einigen Flaschen Champagner mit Freunden, die Idee, nach Indien zu reisen. Schon am nächsten Tag war ein Geländefahrzeug erstanden und wenige Tage später führte die Reise quer durch Irak, Iran und Afghanistan bis an die Südspitze des Subkontinents.

War Mario glücklich während dieser Jahre, mit diesem Lebensstil, von dem die meisten Menschen bestenfalls träumen können? Dieses Bild, ein Selbstportrait, zeigt, wie er sich selbst sah, wie er sich fühlte. Sein Gesicht wirkt nicht nur unzufrieden, es wirkt gequält, von Ärger, um nicht zu sagen, von Hass, ergriffen, auf der Suche nach … wonach?

 mario_selbstportrait

Vielleicht verraten seine Gedichte, die er auf englisch schrieb, was in seinem Inneren vor sich ging. Eines davon trägt den Titel: At Night

 

Have your eyes ever wandered –

Leaving the sanctuary

Of your brightly-lit-room –

First stopping

Like the frightened steps

Of small children,

Then plunging headlong

Past a door

Half ajar

Into the abyss of doom?


Have you ever drawn curtains –

Exposing

Your brightly-lit shadow

To a moonless

Starless night –

Baring guilt to creatures

Living

On the outskirts of light?


Have your ears ever wandered –

Past silence

Into the clock –

And listened

To the screams of time dying?

TIC TOC TIC TOC TIC TOC


Have your trembling

Midnight fingers

Ever held Oriental Pearls –

Glowing

In this ever-darkness –

Like the plucked-out eyes

Of little girls


Have you ever walked in silence –

Silently

Through silent streets –

Winding Through the tomb of ages?

Silk threads

Perishing in pleats?


Have you ever passed a mirror

In a room devoid of light?

Passed it without ever knowing?

Shadow passing shadow

In the night!


Have you ever

Ever entered

The room of your childhood-dreams –

Graveyard of toy-soldiers,

Birthplace

Of all scream –

AT NIGHT?

 

Eines Tages, er war Anfang fünfzig, beschloss er, das Herumreisen einzustellen. So sehr er Wien auch liebte, er zog es vor, sich in Montreal nieder zu lassen. Warum? Weil er Montreal nicht mochte. Weil er die Stadt langweilig fand. Weil ihn nichts dazu motivierte, seine Wohnung – das Haus mit 16 Zimmern war schon lange verkauft – zu verlassen. Weil er, aufgrund all dessen, in Montreal mehr arbeitete als an den Orten, an denen er Erfüllung durch kurzweiligen Lebensstil suchte, sie aber niemals finden konnte.

 mario_rathaus

Ich weiß nicht, wie viele Bilder er in den folgenden Jahren malte, wie viele Skulpturen er erschuf, die in irgend welchen Galerien an irgend welche Menschen verkauft wurden. Ich weiß nicht, wie viele Bücher er während dieser Jahre las. Doch langsam, Jahr für Jahr, kehrte mehr Zufriedenheit in ihn ein. Während seiner ungestümen jungen Jahre war er auf der Suche. Später, in der Zurückgezogenheit, lernte er langsam zu verstehen, wonach.

mario_mit_grossvaterAus dem wilden, von Leidenschaften geplagten Mario wurde ein weiser, erhabener Mann. Seine Lebenserfahrung in Verbindung mit Belesenheit, sein ungetrübtes Urteilsvermögen im Zusammenhang mit den Hintergründen der gesellschaftlichen Entwicklung, ließen ihn den modernen Zeitgeist wohl besser verstehen als irgend ein anderer Mensch dazu fähig sein könnte. Mario war an einem Höhepunkt angelangt. Und für jene Fragen, die für ihn noch immer unbeantwortet blieben, gab es, unter irdischen Voraussetzungen, wohl auch für ihn keine Antwort mehr zu finden.

Noch immer malte Mario Bilder, fertigte Zeichnungen an, obwohl seine Hände, altersbedingt, immer mehr zu zittern begannen. Und eines Tages setzte ein unheilbares Augenleiden ein. Nur noch unscharfe Bilder erkannte er, war nicht mehr fähig, ein Buch zu lesen, war nicht mehr fähig zu malen.

Es begann mit einem harmlosen Sturz über eine kurze Treppe, von der Tür seiner Wohnung zum Korridor. Tage später musste er operiert werden. Blut hatte sich an der Oberfläche seines Gehirns gestaut. Die Operation war gut verlaufen. Mario erholte sich und es schien, als würde er in wenigen Tagen das Krankenhaus verlassen. Während er durchaus zum Scherzen und zum Lachen fähig war, sagte er plötzlich nachdenklich: „Ich weiß, dass ich mir bei dem Sturz den Kopf verletzt habe, bin aber trotzdem nicht gleich in ein Krankenhaus gefahren. Warum eigentlich nicht? Wahrscheinlich wollte ich nicht mehr!“

Komplikationen setzten ein. Ein leichter Herzinfarkt, eine Entzündung, enorm hohe Säurewerte im Blut, die Nieren versagten, die Leber. Es war am Nachmittag, kurz vor vier Uhr, am Samstag, den 22. Mai 2010, dass sein Leben zu Ende ging. Ein Leben, das ein Maler ohne Augenlicht mit zitternden Händen nicht hätte weiter führen wollen.

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