Mittwoch , 30 September 2020
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Erstaunliche Filmtechnik und das älteste Musikvideo der Welt

alter filmWer an die Anfänge des Kinos denkt, hat sofort das Bild von holprigen schwarzweißen Stummfilmen vor Augen. Doch das Kino konnte von Anfang an mehr als bisher angenommen. Bereits in den Kindertagen um 1900 waren Filme unglaublich farbig, man arbeitete schon mit noch heute gebräuchlichen Techniken und erstaunlich modernen Kameraeinstellungen. So entstand damals zum Beispiel auch das vielleicht älteste Musikvideo der Welt.

Unverständlicherweise sind diese aufwendig produzierten frühen Filme nach dem Ersten Weltkrieg in völlige Vergessenheit geraten, verschollen, wenn nicht ganz und gar verloren. Erst seit kurzem wurden, vor allem durch den unermüdlichen Spürtrieb der Filmhistorikerin Mariann Lewinsky, einzelne Juwelen dieses bisher unbekannten cineastischen Schatzes geborgen. Warum hat man diese Filme vergessen und wie sah sie aus, diese verblüffende frühe Kino-Welt?

Bunt schillernde Kleider & Blumen im Zeitraffer

Hätten Sie gedacht, dass die meisten ganz frühen Filme tatsächlich farbig waren? Sicher, bis zur Entwicklung und Einführung des mehrfarbigen Technicolor-Verfahrens und des Tonfilms Mitte der 30er Jahre wurden alle Filme schwarzweiß und stumm gedreht. Das bekannte Schwarzweiß-Kino der Zwanziger Jahre jedoch ist weniger auf eine Beschränkung der Möglichkeiten, als auf eine Modeerscheinung der Zeit zurückzuführen. Denn schon seit den ersten öffentlich gezeigten Filmen um die Zeit vor 1900 hat man verschiedene Kolorierungsmethoden eingesetzt, die die Filme in ungewöhnlich bunten Farben zeigten; mehr noch: die Farben boten eine Ästhetik, die mit dem späteren Farbfilm nicht vergleichbar ist. Die Techniken reichten von Hand- und Schablonenkolorierungen, über Einfärbungen des gesamten Filmbildes durch Eintauchen in verschiedene Farbbäder, chemische Prozesse zur Einfärbung nur einzelner Teile, bis hin zu farbigem Rohfilmmaterial oder auch zusätzlichen Farbfiltern in Projektoren.

So konnten schon vor hundert Jahren farbenfrohe, bunte Scheinwelten dargestellt werden; beliebt waren Tanzsequenzen mit schillernden, schmetterlingsartigen Kleidern, Explosions- und Feuerspektakel oder stimmungsvolle Abend- bzw. Morgendämmerung in Naturszenen.

Ebenfalls gab es schon längst Animationen vor und unabhängig vom Zeichentrick. Die noch heute in Kinderfilmen beliebte Stop-Motion-Technik mit Knetmassefiguren setzten die frühen Filmemacher bereits um 1900 ein. Und nicht nur das, auch blühende Blumen im Zeitraffer, bewegte Masken oder aber animierte Röntgenbilder wurden damals bereits auf Zelluloid gebannt. Auch in der Art und Weise des Filmens war man von Anfang an beeindruckend fortschrittlich. Leider sind kaum Namen der frühen Regisseure bekannt, doch kannten sie durchaus schon das Prinzip der entfesselten Kamera und setzten es beispielsweise ein, um den Zuschauer in den Taumel wirbelnder Tanzpaare zu versetzen. Sogar Aufnahmen ferner Länder, erstaunlich modern geschnitten und mit Dokumentarfilmcharakter sind erhalten.

Das älteste Musikvideo der Welt

Musik spielte schon immer eine Rolle im Kino. Auch wenn es rund 40 Jahre dauern sollte, bis der erste Tonfilm vorgeführt werden konnte, gab es von Anfang an keinen Film, der tatsächlich stumm gezeigt wurde. Ob „live“ oder von Schellackplatten dazu gespielt, Musikbegleitung zum Film war allgegenwärtig. So stammt etwa das vielleicht älteste Musikvideo der Welt – zu dem auf Schellackplatte abgespielten „Schutzmannlied“ synchron tanzende Polizisten von 1908 – genau aus dieser Epoche. Darüber hinaus hatte jeder die Möglichkeit, mit Formen der Hochkultur in Berührung zu kommen, denn man konnte neben Operettenszenen mit Carusos Gesang Kunstformen jeder Art bewundern, sowohl antike Stoffe als auch aktuelle Avantgarde.

Das untergegangene Kino als Jahrmarktsattraktion für jedermann

Die frühen Filme waren kurz, nicht länger als wenige Minuten, und boten inhaltlich ein weites Spektrum für ein breites Publikum. So waren es Wanderkinos, die auf Jahrmärkten, in Gaststätten und Gemeindestuben nicht einen Spielfilm, sondern mehrere solcher Kurzfilme in einer Programmvorführung zeigten. Das Publikum umfasste alle Altersstufen und Schichten. Kinder, Arbeiter, Bedienstete, Bürgerliche aus Stadt und Land, alle sahen sich die Filme gemeinsam an, und so war auch für jeden Geschmack etwas vertreten. Bemerkenswert ist hierbei die wiederum moderne Sichtweise – Filme in denen Kinder die Helden sind, die Obrigkeit aufs Korn genommen, oder mit Geschlechterrollen gespielt wird – all dies diente der kurzweiligen Unterhaltung, der Film als Attraktion und Publikumsmagnet.

Insgesamt versetze das frühe Kino seine Zuschauer bis in die 1910er Jahre sowohl durch turbulente, phantastisch-surreale Geschichten als auch durch die erstaunlichen Tricks und spektakulären, unwirklichen Farben ins Staunen. Nach dem Ersten Weltkrieg jedoch wurde an die meisten dieser Techniken nicht angeknüpft. Zum einen stellte die aufwendige Produktion von Farbfilmen dieser Art enorme Kosten dar. Des weiteren wurde in den allmählich fest etablierten Lichtspielhäusern, durch die dann auch die Segregation des Publikums erfolgte, weniger auf den Kurzfilm als schnelle Attraktion, als auf die Unterhaltung mit abendfüllenden Spielfilmen und den Kunstanspruch mit Licht/Schatten- und Schwarzweiß-Effekten gesetzt. Das später neu entwickelte Filmmaterial machte die Kollorationsmethoden unpraktikabel und überflüssig. So wirkte alles frühere vielleicht auch primitiv auf spätere Generationen und machte die frühen Kurzfilme und ihre oft unbekannten Macher vergessen, bis heute. Von den geschätzten mehreren 10.000 gedrehten sind nur einige 1.000 Filme erhalten, weit verstreut in europäischen Archiven. Und erst wenige 100 davon wurden bereits gesichtet und können peu à peu auf Filmfestspielen und in Sonderausstellungen gezeigt werden.

Wie es aussieht, gibt es wohl noch viele cineastische Schätze zu bergen.

Quellen und weitere Informationen:

Bundesarchiv

ZDF -Aspekte

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