Mittwoch , 19 Februar 2020
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Bis(s) zum Abwinken – unser pubertäres Leseverhalten?

vampirVampire, Zauberer, Werwölfe, Geister… nein, wir befinden uns nicht auf einer Kinder-Gruselparty oder in einem liebevoll zugemüllten Jugendzimmer, sondern vor dem Bücherregal des erwachsenen Durchschnittslesers. Immer öfter finden sich Figuren und Motive aus Kindertagen zwischen unseren Buchdeckeln und halten sich auffällig langlebig in den Bestsellerlisten. Erwachsene Leser greifen vermehrt zu aktueller Jugendlektüre – ein Trend, der anscheinend nicht abreißt.

Die Verlage haben reagiert, und schon hat sich ein neues Genre gebildet: „All Ages“. Und wie bei den meisten Dingen, und besonders Trends, gibt es auch hier begeisterte Anhänger, als auch die, die sich kopfschüttelnd-ratlos fragen, was das denn alles soll. Aber es geht hier weniger um Fragen des persönlichen Geschmacks, denn dies wäre ein müßiges, zutiefst entbehrliches Thema, da bekanntermaßen jegliche Streitereien darüber im Leeren verlaufen. Zumal wir, sind wir einmal ehrlich, alle dann und wann gerne den güldenen Pfaden der Hochkultur entschwinden, um uns treiben zu lassen…

Aber warum muss es nun ausgerechnet diese Jugendliteratur sein, immer noch und immer wieder? „Als ob es sonst nichts zu lesen gäbe, lasst doch den Kindern ihre Bücher, werdet erwachsen!“, rufen die einen, „Die Welt wäre ein besserer Ort, würden wir alle wie die Kinder!“, die anderen.

stephenie meyerAngefangen hat alles mit dem intermedialen Phänomen „Harry Potter“, ursprünglich als Kinderbuch gestartet um dann mit seinen Lesern bis zur Volljährigkeit mitzuwachsen. Und irgendetwas scheint J.K. Rowling damit richtig gemacht zu haben, eroberte sie nicht nur die jugendlichen, sondern eben auch die erwachsenen Leserherzen im Sturm. Mit der „Twilight“-Saga (Titel in deutsch: „Bis(s) zum…“) um die etwas blutleere Liebe eines verträumten Highschool-Mädchens zu einem Vampir, der sich das Beißen verkneift, verfasst von der mit zumindest fraglicher Weltanschauung behafteten Stephenie Meyer, ist es nicht anders.

Begeisterung bei jung und alt. Letztere sind schließlich verantwortlich dafür, die Verkaufszahlen in kaum gesehene Höhen schießen zu lassen und jene Werke mit einer fast schon nervenden Penetranz auf den oberen Bestseller-Rängen regelrecht fest zu zementieren. Bei den teuren Hardcover-Bänden, gerne auch gleich im Sammelschuber als Komplettausgabe, oder den englischsprachigen Originalausgaben hat wohl eher die kaufkräftigere Generation zugegriffen, als die ursprüngliche, auf Taschengeld angewiesene, Zielgruppe.

Und sie lieben es, würden sie sich doch sonst kaum freiwillig wie die Teenies die Nächte mit Harry, Bella, Edward & Co. um die Ohren schlagen. Oder sich während der Nachtschicht telefonisch vom Lebenspartner schon mal die ersten Seiten des eben mit der Mitternachtslieferung eingetroffenen neuen Bandes vorlesen lassen, um zu Hause dann die folgenden 600 am Stück zu verschlingen. Wer nicht selber dem Thema verfallen ist, kennt dennoch sicher irgendeinen dieser „hoffnungslosen Fälle“.

Doch was ist es, das erwachsene Leser plötzlich explosionsartig zu aktueller Jugendlektüre greifen lässt, ist es einfach nur ein Trend oder steckt da mehr dahinter?

Die behandelten Motive, Große und kleine Gefühle, Abenteuer, Gut und Böse, Träume, Fabelwesen und -welten, das sind, im Groben, auch jene der klassischen Fantasyliteratur, die seit jeher ihre treuen Anhänger hat und deren Erzähltradition bis in die großen Sagen und Heldenepen der Antike und des Mittelalters zurückreicht. Doch behandeln diese Stoffe zumeist auch unterschwellig gesellschaftliche, philosophische oder psychologische Aspekte, sind für den Außenstehenden oft schwer zugänglich und richten sich allgemein – stilistisch, sprachlich, inhaltlich, eher an ein erwachsenes Publikum. Twilight und Konsorten hingegen verlangen, Hand aufs Herz, stilistisch nicht allzu viel von ihren Lesern, was man ihnen aber auch kaum ankreiden kann, handelt es sich doch ausdrücklich um Jugendliteratur; ob bessere oder schlechtere, möge jeder im Einzelfall selbst entscheiden.

An den Motiven kann die plötzliche Begeisterung also nicht liegen, denn die sind nicht neu. Liegt es möglicherweise an der Leichtigkeit, mit der der Stoff vermittelt wird? Fragt man die betreffenden Leser einmal selber, bekommt man Antworten wie „Ich kann mich da so gut hineinversetzen“, „Ich kann damit entspannen und abschalten“, oder „Ach, es ist einfach so schön zu lesen!“. Demnach unterscheidet sich der gemeine Jugendbuchleser zumindest in den Beweggründen des Lesens also gar nicht so sehr von anderen Genusslesern. Doch die Regale der Buchhandlungen sind ja nicht nur mit schwerer Weltliteratur und philosophischen Abhandlungen bestückt, auch hier finden sich leichte Schmöker für den Strandurlaub. Warum also auf Jugendbücher zurückgreifen, zumal es offensichtlich nicht die der eigenen Kindheit aus Nostalgiegründen sind, sondern die, welche auf die Interessen der heutigen Jugend hingeschrieben wurden?

Böse Zungen mögen sagen, dass das wohl mit der gesamtgesellschaftlichen Erscheinung des „pubertierenden Erwachsenen“ zusammen hängen muss – ein populäres Phänomen wachsenden Ausmaßes, welches auch Geschmacksverirrungen wie „Schnappi das kleine Krokodil“ und sich wie Teenies kleidende Mittvierziger hervorbringt, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Erwachsene in der Pubertät also. Man müsste doch eigentlich schon auf anderen Stufen der Lebenserfahrung und damit auch der Lesesozialisation angekommen sein. Das plötzliche Begeistern als Erwachsener für aktuelle Jugendliteratur ließe demnach darauf schließen, dass man entweder noch nie etwas anderes gelesen hat und gerade sein „Leben als Leser“ beginnt (sehr unwahrscheinlich) oder eben lese-evolutionstechnisch auf der Stelle tritt. Ist normale Belletristik also zu schwierig, muss man da noch hineinwachsen, wie etwa mit Harry Potter Stück für Stück reifer werden, um dann auch einmal die komplexeren Bereiche unseres Lebens zu erforschen?

Oder ist sowohl die anspruchsvolle als auch die Unterhaltungsliteratur für den heutigen Leser einfach zu uninteressant – zu ernst und vielschichtig oder langweilig und abgedroschen? Man möchte ja nicht als kalter, verkopfter, spießiger Spielverderber dastehen, der all diejenigen schlechtredet, die im Herzen jung geblieben sind. Ist es doch begrüßenswert, das „Innere Kind“ zu wahren in einer Welt, die schlechte Nachrichten am Stück produziert.

Dagegen ist nichts zu sagen, doch man bekommt leider manchmal den Eindruck, dass es bei einigen eben nicht das Herz ist, was jugendlich-leichtsinnig tickt, sondern vor allem der Kopf, der Verstand. Heißt es doch, nicht ein Leben lang in einem pubertären Geisteszustand zu verharren, sondern eher die Neugierde der Kindheit auch im Alter fortzuführen. Was lesesoziologisch bedeuten würde, dass man sich nicht ausschließlich von Trends leiten lässt, sondern auch einmal in die hinteren Regale der Buchläden schaut. Es gibt vieles zu entdecken, und man braucht sich weder vor unbekannten noch vor großen Namen zu fürchten.

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