Sonntag , 15 September 2019
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Kunst oder Protest? Occupy auf der dOCUMENTA (13)

doccupy kasselAls am Samstag, den 9. Juni, die Documenta 13 in Kassel eröffnet wurde, stand ein einzelnes Zelt vor dem Fridericianum auf dem Friedrichsplatz. Am nächsten Tag waren es bereits fünf. Die Zelte waren mit Parolen beschriftet, auf einem stand „dOCCUPY“ als Logo der Aktion. Das Kasseler Occupy Camp zur Documenta war initiiert.

Die Documenta 13 übt Kapitalismuskritik, steht dem stetigen Wirtschaftswachstum skeptisch gegenüber und versucht den Menschen als Teil der Natur in die Natur zu integrieren, nicht über sie zu stellen. Die Zelte der Occupisten kamen somit der Documenta gelegen und fügten sich in das Geschehen ein. Zu anderen Zeiten wäre es undenkbar, auf dem Friedrichsplatz unbehelligt zelten zu dürfen. Das funktioniert nur in den 100 Tagen, an denen die Documenta das Hausrecht über den Friedrichsplatz hat.

Die Zahl der Zelte wuchs langsam, die Zahl der Banner nahm zu, die, wie auf einer einer Wäscheleine aufgereiht, das Camp umgrenzten. Die Hessische Allgemeine (HNA) und der Hessische Rundfunk berichteten positiv über das Camp. Ansonsten gab es wenig Erwähnungen. Obwohl viele Leute, Einwohner wie angereiste Documenta-Besucher, daran vorbei gingen und Blicke darauf warfen, wurde verschwindend wenig über dieses Camp durch Privatpersonen im Internet berichtet.

Das Camp wuchs allmählich. Die Occupisten errichteten einen Kiosk als Infostand, ein Küchenzelt für ihre Verpflegung, rüsteten sich technisch auf, bauten ein WLAN-Netzwerk und arbeiteten mit dort angehäuften Materialien. Sie bauten unter anderem ein Panzermodell, das eine friedliche Nutzung des Panzers als Bagger zeigen soll, stellten Bilder und Schriften aus. Trotzdem schien die Welt noch nicht viel Notiz davon zu nehmen. Weder im positiven noch im negativen Sinne. Kaum, dass jemand darüber berichtete, noch dass sich jemand über das chaotische Ensemble in der ansonsten viel zu geradlinig gebauten Stadt aufregte.

Eines Morgens wurden die Betrachter von einem neuen Anblick verblüfft. Auf der Rasenfläche neben dem Occupy-Camp standen 28 weiße Zelte, die völlig identisch gebaut und in Reih und Glied ausgerichtet waren. Diese stilisierte Reihenhaussiedlung steht im Kontrast zu der chaotischen Siedlung der Occupisten und wurde durchweg positiv aufgenommen. Vielen Betrachtern war nicht klar, dass dieses Kunstwerk von denselben Leuten, in einer Nacht und Nebel Aktion, errichtet worden war, welche auch die mit Parolen beschmierten Occupy-Zelte aufgebaut hatten. Es gab Leute, die vermuteten, dies wäre eine Aktion der Documenta gewesen, um die Occupy Zelte zu verdrängen, „documenta besetzt die rasenfläche mit weissen zelten um weiteren wildwuchs zu verhindern.“

Dass man plötzlich Volkes Stimme und Meinung vernehmen konnte, liegt an der Kommentarfunktion der Online-Ausgabe der HNA, die über diese Aktion berichtete. In den Kommentaren kann man sich kurzweilig über die Diskussionen amüsieren, die sich teils heftige Fürs und Widers lieferten. Ein Kommentator beschwerte sich, dass für solche Kunst das ohnehin knappe Steuergeld ausgegeben wird. Woraufhin er berichtigt werden musste, dass diese Aktion keinen Cent Steuergeld kostet, sondern ausschließlich von den Occupisten selbst finanziert wurde. Nachdem er über seinem Irrtum unterrichtet worden war, brachte er daraufhin das treffende Argument, dass der Rasen auf dem Friedrichsplatz mit Steuergeldern restauriert werden muss, wenn das Camp wieder abgezogen ist. Das ist natürlich ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist. Es ist möglich, dass nach dem Camp der Rasen auf Kosten der Steuerzahler wieder in Ordnung gebracht werden muss. Genauso wie der Do Nothing Garden vor der Orangerie wieder weggebaggert wird und der darunter befindliche Müll entsorgt, wie auch der Schrotthaufen hinter dem Kulturbahnhof, das Schafott in der Aue muss abgebaut und abtransportiert werden und die Container für die Kartenverkäufe, sowie die Sanitärcontainer am Friedrichsplatz abgeholt werden. Eine Kunstausstellung kann einiges an Steuergeld kosten.

Die Kommentare der Zeitung zeigen welch unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Neid und Missgunst treffen auf Begeisterung. Neidische Kommentatoren äußern sich zum Beispiel über den Vorteil der Occupisten, kostenlos zelten zu dürfen und fragen, wieso andere Camper so dumm sind, Zeltplatzgebühren zu entrichten. Eine berechtigte Frage, die allerdings den Campern auf dem Zeltplatz gestellt werden muss. Einige wollen den Schandfleck einfach nur weghaben. Und viele andere schreiben über ihre Begeisterung und Sympathie für die Aktion.

Allein die Diskussionen in den Kommentaren der Zeitungsbeiträge zeigen, dass das dOCCUPY Camp bereits einen Erfolg erreicht hat, von dem einige Künstler nur träumen können. In der Kunstausstellung, die Kapitalismuskritik thematisiert, treffen die weißen Zelte so ins Schwarze, wie wahrscheinlich kein anderes auf der Documenta 13 errichtetes Kunstwerk.

Die spießbürgerlich korrekten Zelte, auf denen 20 Grundübel unserer Zeit geschrieben stehen, sind jedoch nicht das Produkt prominenter Künstler mit abgeschlossenem Hochschulstudium, sondern das Werk von Arbeitslosen, Hauptschülern, Punks und Hippies usw.. Oder wie man es gern abwertend ausdrückt, Vertretern der Unterschicht. „Jeder Mensch ist ein Künstler“, hat Joseph Beuys gesagt. Dies beweisen die weißen Zelte, das dementieren jedoch die Kommentare in den Zeitungen. Zumindest zeigen manche davon, dass nicht jeder Mensch Kunst versteht. Und sie werfen die Frage auf, ob denn ein Mensch ein Künstler sein kann, der Kunst nicht versteht?

Wer appelliert, den Schandfleck auf dem Friedrichsplatz zu entfernen, besucht keine Kunstausstellungen. Die Documenta war noch nie darin geizig, Schandflecken auszustellen. Was diejenigen nicht störte, die sich daran stören, weil sie nicht zu Ausstellungen moderner Kunst gehen. Während die Kunstliebhaber mit aufgesetzter Kennermiene vor einem Schrotthaufen stehen oder vor einem Stück Butter, das Joseph Beuys an die Wand geklatscht hat.

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