Montag , 6 Februar 2023
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Auf römischen Spuren im Libanon

bekaaMein Abenteuerplan: die größte erhaltene römische Tempelanlage des Nahen Ostens zu erkunden. Wo? Baalbek, Libanon. Doch meine Idee stößt auf wenig Begeisterung: „Fahr nicht nach Baalbek, das ist viel zu gefährlich!“ rät mir eine libanesische Freundin nachdrücklich, „Was ist, wenn dich jemand entführt?“

Baalbek liegt im Bekaa-Tal, etwa 80 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Beirut, nur durch eine Bergkette von Syrien getrennt. Der Name verursacht bei Libanesen ein kritisches Stirnrunzeln. Denn Bekaa ist berühmt für seine fruchtbaren Böden, auf denen herrliche Früchte gedeihen sowie für den köstlichen Wein, der in Beirut reichlich konsumiert wird. Und berüchtigt. Denn auf demselben Boden blüht auch das Cannabis, für das der Libanon eine zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat: Manche behaupten augenzwinkernd, dass hier zu Hochzeiten mehr Haschisch als in Afghanistan hergestellt worden wäre. Nicht zuletzt ist ein Großteil des Tales unter Kontrolle der schiitischen Hisbollah. Eine islamische Partei, die eng mit dem Iran verbunden ist, Palästina von seinen Besatzern befreien möchte, und über die stärkste Miliz im Lande verfügt – stärker als die der libanesischen Armee.

Doch bekanntlich wird keine Suppe so heiß gekocht, wie sie später gegessen wird. Als größtes Problem erweist sich dementsprechend, den Mietwagen aus dem beirutischen Großstadtdschungel herauszumanövrieren. Zumal der libanesische Fahrstil äußerst aufmerksame Reflexe erfordert.

Nachdem diese Herausforderung bewältigt ist, jage ich den Wagen – mit dem Mittelmeer im Rückspiegel – um beachtliche Schlaglöcher herum, steile Berge mit spektakulärem Blick über felsige, grüne Täler hinauf: das Libanon-Gebirge. Eine Gebirgskette mit einem Dreitausender und damit gänzlich skitauglich. Mit dem auf der gegenüberliegenden Seite liegenden Antilibanon-Gebirge umrahmen die beiden Bergketten mein Ziel, das Bekaa-Tal.

Der Verkehr lichtet sich, je weiter ich Beirut hinter mir lasse. Und plötzlich, nachdem ich den höchsten Punkt hinter mir habe, liegt Bekaa vor mir. Ein grünes Tal. Umgeben von kargen Bergen mit Tupfen aus weißem Schnee. Ein leichter Wolkenschleier darüber, durch den Sonnenstrahlen blinzeln. Ich stoppe den Wagen, steige aus und sauge die dünne, frische Bergluft in meine Lungen. Der Ausblick ist atemberaubend.

Auf dem Highway hin und wieder Checkpoints der Armee. „Fahr langsam, nimm deine Sonnenbrille ab und lächle“, hat mir meine Freundin für diesen Fall geraten, nachdem sie die Unumstößlichkeit meines Vorhabens eingesehen hatte. Die Soldaten winken mich freundlich durch. Offenbar sehe ich nicht danach aus, als ob ob mein Kofferraum voller Haschisch oder Kalaschnikows wäre.

Der Highway führt mich durch die Hochebene. Eher ärmliche Häuser säumen die gerade Straße. Braune Felder wechseln sich mit Mandel – und Orangenbäumen ab, Weinreben, kleine Ortschaften, Autowerkstätten, Geschäfte. Und tatsächlich fängt auch ein Europäer an, den Einfluss der Hisbollah zu bemerken. Von den Plakaten am Straßenrand grüßt hin und wieder Scheich Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der Partei Gottes. Und ein anderes Schild bewirbt „Ksara Winery.“ Ein interessanter Widerspruch. An den Straßenlaternen auf der Mittelspur sind unzählige sternförmige Schilder angebracht, goldene arabische Worte auf grünem Grund. Einer der Männer, die ich unterwegs nach dem Weg frage, antwortet mir schmunzelnd: „Das sind die 99 Namen Allahs. Woher kommst du?“

In dem Moment, in dem ich mich frage, wann denn endlich Baalbek kommt, erblicke ich auf der linken Seite einer Ortseinfahrt sechs majestätische in den Himmel gereckte Säulen: Die Überreste des Jupitertempels von Baalbek.

Vor den Eingängen der Ruinen Souvenirverkäufer, Kaugummiverkäufer, Hisbollah-T-Shirtverkäufer, irgendjemand drückt mir angeblich antike römische Münzen in die Hand. Ich entkomme dem geschäftstüchtigen Treiben durch die Eingangstür des Altertums. Los gehts: Treppen hinauf und mir stockt der Atem. Ein unüberschaubar großes Ruinenfeld erstreckt sich vor mir. Ich stehe in den Resten der Eingangshalle, dem Prophyleum der römischen Tempelanlage, die allein geschätzte drei Fußballfelder groß ist. Säulen mit wunderbaren Kapitellen, überall Nischen für Statuen, kunstvoll verzierter Stein mit Löwenköpfen, Rosen und weiteren Ornamenten. Ein großes Vorfeld mit einem haushohen Altar, der dem Orakel des Tempels zugeschrieben wird und eine Treppe, die zum höchsten Punkt und damit zum Klimax der Verehrung führt: dem Jupitertempel, dem höchsten Gott der Römer.

bekaa

Was heute einen Abglanz der Pracht vergangener Zeiten darstellt – jedoch noch immer beeindruckt – wurde als Tempelanlage 3000 vor Christus von den Phöniziern errichtet, später dem Gott Baal geweiht. Ein geschichtsbewusster Besucher erschauert, denn hier waren sie alle: Nach der Eroberung Alexanders des Großen wurden die Tempel griechisch und Baalbek zu „Heliopolis,“ der Sonnenstadt. Der römische Kaiser Pompeius Magnus zog auf seinem Weg nach Damaskus 63 vor Christus durch Heliopolis. Im ersten Jahrhundert wurden die noch heute sichtbaren römischen Anlagen errichtet. Arabische Eroberer hinterließen ihre Fußspuren, die Mongolen, Ottomanen und Kaiser Wilhelm der II., der Baalbek 1898 besuchte. Selbst Miles Davis, Plácido Domingo und Sting waren schon hier – zur friedlichen Einnahme des Tempels beim jährlichen Musikfestival von Baalbek.

Ich klettere durch die unbeaufsichtigten Ruinen und genieße den Ausblick auf die braunen Berge, das fruchtbare Tal. Einen imposanten Bachus-Tempel haben die Römer ihrem Gott des Weines hier gewidmet. Auf dessen Mauern haben Geltungssüchtige in arabischen, griechischen und lateinischen Buchstaben Nachrichten hinterlassen. Die Maisonne brennt heiß. Nach etwa zwei Stunden begebe ich mich in den Schatten des angrenzenden Museums, in dem gut erhaltene Statuen der Römer perspektivisch gekonnt ins Licht gerückt sind.

Auf der staubigen Straße, zurück nach Beirut. Jedes Mal, wenn ich mich nach der Richtung erkundige, helfen mir die Menschen freundlich weiter, obwohl mein arabisch haarsträubend ist. Keiner versucht mich zu entführen, außer ein Cafébesitzer auf einen schwarzen, gefährlich süßen Mokka – dem ich dann auch gar nicht erst zu entkommen versuche.

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