Donnerstag , 8 Dezember 2022
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Gehört der Islam zum Iran?

Um mein Visum für Indonesien zu erneuern, hat es mich für eine Woche nach Bangkok verschlagen. Durch Zufall gerate ich in einen Minibus mit acht Iranern. Und jetzt? Gerne möchte ich die Männer über den Iran und ihre Religion befragen. Informationen jenseits des Medienmainstreams gewinnen. Aber was frage ich, ohne zugleich in Riesenfettnäpfe zu treten?

Das Problem erledigt sich schnell. „We come from Teheran. And u? German. Ok. We must tell u.“ Die Mienen der Iraner verfinstern sich. Oje. Hoffentlich fangen sie jetzt nicht an, über die Deutschen und die westlichen Zwangsmaßnahmen zu fluchen. Wundern würde es mich nicht. Einer spuckt aus. Aber es geht anders weiter: „We hate Islam. Islam praying hate under the mask of love.” Grimm in den Gesichtern. „When we were young, we were stupid moslems, following stupid koran. Now we woke up. We cannot say this in Iran, then we are dead.“ In den Gesichtern spiegelt sich Abscheu. „So we tell you: Islam is a very very bad religion.“

Ich bin am Ziel, am erwarteten und an einem völlig unerwarteten, verlasse ganz betröppelt den Bus und werde von harten Wasserstrahlen der Maschinenpistolen empfangen. Draußen, in den Straßen Bangkoks tobt das Wasserfest, das buddhistische Neujahr. Die Menge lacht und tanzt auf den Straßen.

Und wie der Schaitan es so will (die Karl May Freunde unter uns wissen, was gemeint ist), wie der islamische Teufel es also will, gerate ich zwei Tage später wieder in ein Minibus-Taxi mit Iranern. Jetzt will ich die Initiative ergreifen. Aber wie sag ich´s meinem Kinde, ohne die blitzenden Messer der Gotteskrieger an meiner Kehle zu spüren? Ähm. Also gestern haben mir gute iranische Freunde, ähm, also vielleicht waren es doch nicht so gute Freunde, also jedenfalls haben sie erzählt, dass AchManndschihad oder wie der Präsident heißt, also kein so guter Mensch sei. Ängstlich spähe ich in die Gesichter. „Yes, very bad man“, schallt es mir wütend entgegen. Also das ermutigt mich, einen Schritt weiterzugehen. Nervös mustere ich die Iraner.

Also den Islam fanden sie auch nicht so extrem gut. Ähem. Also sagen wir mal, es gebe da leichte Schwächen. Die Gesichter verfinstern sich. Ich schlucke. Oh jeh. Am besten, ich sage dem Fahrer, er solle gleich mal anhalten. Wie auf Befehl gucken sich die Männer um, ob sie denn nicht beobachtet werden, dann tönt es mit aufgebrachter Stimme: „Islam is very bad religion.“ Wie der Schaitan es so will, erhalte ich Auskünfte, die ich so niemals erwartet hätte. Ich dachte, so etwas gibt es im ganzen Iran nicht. Kurze Schlaglichter erhellen kleine Ausschnitte der Wirklichkeit. Allahs Wege sind wunderbar.

songkran festDurch einen Zufall bin ich in der Zeit des Songkran Festivals, des Wasserfestes nach Bangkok gekommen. Songkran ist eine Mischung aus Karneval von Rio und Heilbronner Straßenfest. Allerdings ist es auch ein religiöses Fest und ein Fest der Saisonwende. Jetzt nahet endlich die kühlere Regenzeit. Die Thais schmücken ihre Pick-up Trucks mit Sehrlautsprechern. Die Musiktrucks fahren langsam durch die tanzenden Menschen auf den Straßen. Es sind auch Festwagen mit Buddha, Geistern, Drachen, Stieren & Elefanten zu sehen. Wenn die Pick-Up Trucks, auf denen blumenbekränzt Mönche sitzen, die Menge passieren verstummt die Musik schlagartig. Die Menschen falten ihre Hände und verbeugen sich. Gebete für ein gutes neues Jahr mit viel Glück und viel Segen werden gesprochen. Von den Autos herunter verspritzen die Mönche Weihwasser auf die betende Menge.

Sind die Mönchswagen außer Sicht, geht die Party schlagartig weiter. Als ob nix gewesen wäre, wird die Musik wieder aufgedreht. Auf der Straße beschießen sich die Menschen mit Wassermaschinenpistolen und sie schmieren sich gegenseitig mit feuchtem Mehl ein. Mit Wasser wird das alte Unreine abgewaschen, damit das Neue, das Gute, Platz hat. Die Mehlpaste ist ein Symbol für die weiße Reinheit. Diese Maschinenwasserpistolen haben nichts mehr mit den Wasserpistolen meiner Jugend zu tun, deren Strahl nach eineinhalb Metern den Boden segnete, das sind Hochleistungshydraulikwasserwerfer, deren Hochdruckstrahl es locker auf 20 Meter Weite schafft. So wird jeder durchnässt, nass, nasser, trief. Manch einer geht sogar nur mit Regenhaut außer Haus. Das bei 35 Grad im Schatten, Natur-Dampfbad in Thailand. Buddha sei Dank.

 

Klaus-Jürgen Gadamer reist viele Monate im Jahr durch Asien. Gerade wohnt er beim Stamm der Batak im Hochland von Sumatra am Lake Toba. Und natürlich erlebt er Dies & Das, Seltsames, Verständliches und weniger Verständliches. Manches treibt ihn zum Sinn anderes zum Wahnsinn. Diese Erlebnisse wird er von nun an in loser Folge mit den Lesern von The Intelligence teilen. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, gerne auch politisch wenig korrekt.

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