Donnerstag , 8 Dezember 2022
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Eine App, Andy Warhol und weitere Neuigkeiten aus dem Grassimuseum Leipzig

grassimuseum albers fensterVor einigen Tagen lud das Team des Leipziger Grassimuseums für Angewandte Kunst um Direktorin Dr. Eva Maria Hoyer zur Jahrespressekonferenz, um die Highlights für 2012 vorzustellen. Nach den bereits Anfang Dezember eingeweihten 18 Josef-Albers-Fenstern im Haupttreppenhaus folgt am 4. März 2012 die lang ersehnte Eröffnung des dritten Teils der ständigen Ausstellung Jugendstil bis Gegenwart. Auf 1200 Quadratmetern werden dann über 1500 Kunstobjekte von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart zu sehen sein.

Schwerpunkte bilden dabei Werke aus der Zeit des Jugendstil, Art déco, Funktionalismus und Bauhaus sowie ostdeutsches und zeitgenössisches Design. Ein großer Teil davon ist schon aufgebaut und wurde den Journalisten nach Ende der Pressekonferenz bei einem Rundgang von der Direktorin und ihrem Stellvertreter, Dr. Olaf Thormann, präsentiert. Bereits im Foyer zu sehen sind als Kölner Leihgabe 69 von Andy Warhols legendären Platten-Covern. Ein virtueller Höhepunkt ist die seit dem 18. Januar verfügbare App, die kostenfrei unter der Kategorie Bildung im Apple Store verfügbar ist.

Der Kölner Galerist Klaus Benden stellte die 69 von einem Kölner Sammlerehepaar geliehenen Platten-Cover von Andy Warhol vor. Die insgesamt vierte Ausstellung dieser Art enthält die meisten der von Warhol zwischen 1949 und 1987 geschaffenen Plattencover samt Vinylschallplatte, darunter The Nation’s Nightmare von 1952, Sticky Fingers von 1971 und Ultra Violet von 1973. Früher in der Kunstwelt nur am Rande wahrgenommen, finden Künstlerentwürfe für die Schallplattenindustrie, wie andere angewandte Werke auch, zunehmend Eingang in Museen und Galerien. Für Pop Art und Andy Warhol Fans lohnt sich ein Besuch des Grassimuseums allemal, denn bereits das Haupttreppenhaus mit seinen neuen Flachglasfenstern ist eine Augenweide. Die insgesamt 18 rekonstruierten Albers-Fenster leuchten abstrakt und ihre strenge Schönheit ist im wechselnden Licht jedes Mal neu und anders zu erfahren.

Die Entwürfe der streng geometrisch angelegten Kompositionen lieferte 1926 Josef Albers, der am Weimarer Bauhaus die Glasmalereiwerkstatt aufgebaut und am Dessauer Bauhaus unterrichtet hat. Ausgeführt und eingebaut wurden die Fenster 1927 von der damals renommierten Berliner Glasmalereiwerkstatt Puhl & Wagner, G. Heinersdorf. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, galten die Albers-Fenster lange als verloren. Mit Hilfe einer umfangreichen Spendenaktion konnten die verschiedenen Bildquellen digital aufbereitet und die Fenster 2011 rekonstruiert werden. Die künstlerische Leitung der Wiederherstellung lag bei Prof. Christine Triebsch von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, Hauptauftraggeber für die Glasarbeiten war die Paderborner Glasmalereiwerkstatt Peters.

grassimuseum pfeilerhalleBereits jetzt ist das öffentliche Interesse am letzten Teil der ständigen Ausstellung Jugendstil bis Gegenwart sehr groß. Kein Wunder, denn das Grassimuseum für Angewandte Kunst ist selbst im Stil des Art déco erbaut worden, was im Innern besonders eindrucksvoll an der Pfeilerhalle zu sehen ist, dem Herzstück des Museums, die zwischen 2006 und 2009 durch das Leipziger Architektenbüro Bernd Sikora rekonstruiert wurde. Die zwölf markanten Pfeiler in leuchtend warmem Rot werden durch eine umlaufende Galerieempore mit blaugoldener Brüstung verbunden, spitzwinklige Leuchten sowie exotisch wirkende Ziergitter setzen eigene Akzente und ein künstliches Oberlicht in Rhombenform spendet gleichmäßiges Licht. Bereits 1927 galt die Pfeilerhalle als architektonische Visitenkarte des Museums und die Berliner Volkszeitung jubelte damals: So fabelhaft schönen Raum sah man nie! Jetzt ist sie wieder in ihrer vollen Art déco Schönheit zu bewundern und auch ich habe mich in sie verliebt. Die Halle dient nicht nur der Repräsentation, sie ist auch Ausstellungsraum. In ihren eingelassenen Vitrinen sind bereits Exponate der Jugendstilausstellung zu sehen.

Von den knapp zwölftausend Museen im deutschsprachigen Raum hatten nach Auskunft des Grassimuseums bis Ende September 2011 nur 28 Museen eine App. Auch wenn mittlerweile wohl einige Museen dazu gekommen sind, kann sich das Grassimuseum auch darin zu den Vorreitern der modernen Museumspädagogik zählen. In seiner App lädt das Grassimuseum für Angewandte Kunst zu einer Zeitreise durch mehr als dreitausend Jahre Kunst- und Kulturgeschichte ein, informiert über alle Ausstellungen, zeigt architektonische Highlights des Museums und informiert im Serviceteil über alles Wissenswerte zum Museumsbesuch. Einem zukünftigen Grassimuseumsbesuch steht also nichts mehr im Wege – vielleicht im März zur Jugendstilausstellung? Ich verrate Ihnen sicher nichts Unerwartetes, wenn ich nach dem Vorabrundgang schreibe: Es lohnt sich!

Natürlich gibt es 2012 noch weitere Ausstellungen, darunter am 5. Mai die Museumsnacht unter dem Titel Nachtaktiv, das Grassifest am 9. September und am letzten Oktoberwochenende die Grassimesse mit Arbeiten der Hochschulabsolventen der Kunsthochschulen Burg Giebichenstein Halle, Schneeberg und Bozen. Im Dezember gibt es zwei interessante Ausstellungen: Zwei Leben für die Fotografie: Lillian Bassman & Paul Himmel und Textile Räume: Dörte Behn. Weiteres Wissenswerte ist unter http://www.grassimuseum.de oder in der App zu finden.

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