Donnerstag , 14 November 2019
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Nach 35 Jahren: Die Kultband „Biermösl Blosn“ ist bald Geschichte

biermoesl_blosn_2Wenn 35 Jahre zu Ende gehen, dann kann es sich nur um einen Abschied unter Schmerzen handeln – möchte man meinen. Nicht so bei der bayrischen Kultformation „Biermösl Blosn“, die aktuell ihre letzten Konzerte gibt. Hans, Michael und Christoph Well gehen ab Januar 2012 getrennte Wege. Die Brüder werden zwar ihre musikalischen Karrieren weiter fortsetzen, jedoch in anderen Zusammensetzungen. Dass deren Trennung bereits vollzogen ist, zeigt sich wohl dem aufmerksamen Reporter: Hans Well bereitet sich alleine in einem Nebenraum auf den letzten Österreich-Auftritt vor. Derweil blödeln Michael und Christoph mit mir hinter der Bühne. Nach ihrem Auftritt geben mir die Well-Brüder wieder getrennt ihre E-Mailadressen – ich möge doch ein paar Fotos senden. Und ein Foto mit dem Trio zeigt deutlich die Kluft zwischen ihnen.

Das vorletzte gemeinsame Konzert gaben „Biermösl Blosn“ im österreichischen Ausseerland. Vor einem ausverkauften Kurhaus in Bad Aussee eröffneten die bayrischen Volksmusik-Satiriker in typischer Manier am vergangenen Samstag ihr Programm. Schon immer waren die Texte der Kultgruppe politisch frech, kratzten am bestehenden Establishment. Hans Well, der älteste der Gruppe, ist für seine spitze Feder bekannt. Und – er schreibt die lokal kolorierten Texte, angepasst an den Veranstaltungsort, oftmals eine Stunde vor dem Auftritt. Jedenfalls sorgte die Eröffnungsnummer im Kurhaus gleich für tobenden Applaus. Die lokale Politik wurde dermaßen durch den Kakao Marke „Biermösl Blosn“ gezogen, dass die Abwesenheit derjenigen, die mit den bissigen Zeilen gemeint waren, bestimmt von manchen im Publikum bedauert wurde. Danach ließen es die Well-Brüder richtig krachen: Schuhplattler, Alphorn und höchste Virtuosität bei Christoph auf der Trompete. Virtuoser Text, virtuoses musikalisches Können. Dazu der Mix aus Seitenhieben auf die hier allseits bekannte Buberl-Partie rund um Hochegger, Maischberger, Ex-Finanzminister Grasser, die Freunde um die Hypo Alpe Adria Affaire und den verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider.

„Es ist wohl derzeit schwer in Österreich auszuhalten?“, fragt mich Hans. Ich nicke und gebe zu, dass die Korruptionsbekämpfung das Lieblingsurlaubsland der Deutschen in schiefem Licht erscheinen lässt. „Ihr macht jetzt das durch, was vor 20 Jahren in Bayern rund um Franz Joseph Strauß passiert war“, setzt Hans Well nach. In seinen Worten erkennt man, wie wichtig für die Gesellschaft Künstler des Kalibers der Well-Brüder sind. Sie sprechen an, was die Mehrheit höchstens denkt. Politisches Kabarett – nämlich wirklich scharfzüngiges – vermisst man in der Alpenrepublik. Schade drum, denke ich. Denn hier gäbe es genügend Stoff um als „Biermösl Blosn“ weiter zu machen. Auch wenn die Gesellschaft sich in Bayern geändert hat, die bürgerliche Mitte einfach offener und grüner geworden ist, so die Diagnose von Hans Well, hierzulande bräuchte man scharfzüngige Texter wie ihn dringend.

biermoesl_blosn_1Der Grund für die Trennung der Gruppe ist aber nicht nur eine zahnlos gewordene CSU. Auch eine inhaltliche Erneuerung des Programms wurde nicht von allen drei Well-Brüdern getragen. „Wenn es bloß Entwicklung wäre“, meint Hans, bei dem sich neue Texte stauen. Also doch inhaltliche Entfremdung, tiefgreifender Streit unter Brüdern? Die „Biermösl Blosn“ teilten immer in Richtung ihres Publikums aus. Jetzt wird wohl untereinander ausgeteilt. Und daraus entsteht dann das Neue.

Bis Ende Januar tritt das Trio noch auf. Dann ist endgültig Schluss. Die letzten Konzerte finden in Deutschland und der Schweiz bis Dezember statt. In Österreich sind die „Biermösl Blosn“ bereits Geschichte. Das Abschlusskonzert ist für den 20. Januar 2012 im Stadttheater von Fürth mit dem langjährigem Bühnenpartner Gerhard Polt geplant.

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