Sonntag , 26 Mai 2019
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Kultur – wohin gehst du?

elbphilharmonieZwar gehören sie längst schon zur Vergangenheit, die Zeiten, in denen ich mich sorglos dem Teil meiner Zeitung widmen konnte, der über den Kulturbetrieb meiner Stadt zu berichten hatte, aber abgefunden habe ich mich damit nicht. An dieser Stelle will mir eine Akzeptanz nicht gelingen. Nein, nicht einmal ansatzweise. Wie auch sollte das geschehen? Das, was mir diesbezüglich in den jüngst vergangenen Jahren in aller Regel auf jenen Seiten geboten wurde, das halte ich – gelinde gesagt – für nur schwer verdaulich.

Wenn ich, um ein Beispiel zu nennen, lesend zur Kenntnis nehme, dass der Hamburger Senat beabsichtigt, eines der traditionsreichsten Museen Hamburgs – das Altonaer Museum – zu schließen, und das, um 3,5 Millionen Euro einzusparen, dann wird mir spontan schlecht. Meine Verstimmung wird nicht zuletzt von der Tatsache genährt, dass jenes Museum gerade eine Sanierung erfuhr, die rund 3 Millionen Euro kostete. Sollte eine derartige Kalkulation eine Logik bergen, so will sie sich mir real nicht erschließen. Gut, dieser Wahnwitz, der sich meiner Meinung nach zu gleichen Teilen auf Ignoranz, Inkompetenz und beispielloser Kurzsichtigkeit gründete, der ist vom Tisch, ist Schlagzeile von gestern. Reinhard Stuth (CDU), der in seiner Eigenschaft als Kultursenator für diese Rechnung zeichnete, der lenkte inzwischen ein. Man hatte es ihm erklärt. Ob der Mann es tatsächlich je verstanden hat, das wage ich zu bezweifeln.

Klar, auch dieser Werdegang hat eine Vorgeschichte. Der Drang zum plötzlichen und kopflosen Sparen kommt nicht von ungefähr: Die Elbphilharmonie, seit dem Jahre 2007 eine Monumental-Baustelle in der Hamburger Hafen-City, die, wenn sie denn einmal fertig werden sollte, durchaus als ein Konzerthaus von Weltrang bezeichnet werden darf, die wird nun doch etwas teurer als geplant. Bedingt durch eine Fehleinschätzung der Kosten – seitens des Hamburger Senats wohlgemerkt! – stieg der Kostenaufwand von ehemals 241 Millionen Euro nunmehr auf über 400 Millionen Euro. Ja, und da musste doch was geschehen. Ich sehe da einen gewissen Zusammenhang. (Inwieweit nun die Realkosten eben nicht falsch eingeschätzt, sondern vielmehr ganz gezielt verschwiegen wurden, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Vielleicht wollten die besagten Vertreter des Volkes den Steuerzahler nicht unnötig beunruhigen, nicht vorzeitig jedenfalls.)

Aber auch wer in unserer Republik nicht gerade mit dem Bau einer Elbphilharmonie beschäftigt ist, beschneidet die Kultur-Zuwendungen in einer zuvor nicht gekannten Weise. Ganz unbestritten ist Deutschland ein recht reiches Land, was beispielsweise auch daran erkennbar ist, dass wir für die Vorstandsetagen der Banken Boni, ergo Sondervergütungen, in nahezu unbegrenzter Höhe auszahlen. Wir kennen das. Umso unverständlicher erscheint doch die Tatsache, dass zeitgleich die Kultureinrichtungen unseres Landes eine Kahlschlag-Politik erfahren, die ihnen so langsam aber sicher die Luft zum Atmen abschnürt. Hier sind es die Museen, und dort die Theater, hier die Musikschulen, und dort die Literaturvereine, denen man mittels einer unkontrollierten Rotstiftpolitik zusetzt, und leider sind ganz vornweg die Initiativen betroffen, die aufgrund ihrer nur geringen Größe keine nennenswerte Lobby aufweisen können.

Wo das letztendlich und unterm Strich gesehen hinführt, das lässt sich problemlos prognostizieren. Wenn heute selbst der ureigene Staat die vorhandenen Kultureinrichtungen für derart minder erachtet, dass er ihnen die dringend benötigte finanzielle Kooperation verwehrt, er de facto seinen Bürgern diesen äußerst wichtigen Zweig namens Geistesleben sinnfrei kürzt, ja verstümmelt, dann braucht sich morgen wohl niemand darüber ernsthaft zu wundern, dass ein gutes Stück nieveauvolle Freizeitgestaltung erfolgreich eliminiert wurde, und zwar mit allen Konsequenzen. An dieser Stelle denke ich im Besonderen an die Menschen, die die Zukunft unseres Landes ausmachen – an unsere Jugend. Hier wird erkennbar am falschen Ende gespart, mit desaströsen Folgen. Wir erinnern uns, ebendieses Sparen um jeden Preis hatten wir unter der Überschrift Bildungspolitik/Schule bereits. An der Nachbesserung der Misere wird zurzeit ununterbrochen gebastelt.

Über den Tellerrand unserer Lande geblickt, drängt sich der Eindruck auf, dass das Begehren nach unkontrolliertem Einsparen so etwas wie eine ansteckende Krankheit sein muss. So beabsichtigt beispielsweise in Italien der Finanzminister Giulio Tremonti, das Budget für die dortige Kultur, im Vergleich zum Jahre 2010, um 40 Prozent zu kürzen. Letzteres trotz eindringlicher Appelle seitens diverser Persönlichkeiten, die zweifellos wissen, was hier auf dem Spiel steht. Sowohl der Dirigent Riccardo Muti als auch der Filmregisseur Roberto Benigni (“Das Leben ist schön”) warnen vor dem Ende der italienischen Kultur. In Großbritannien sieht sich das für die Kultur-Etat-Verteilung zuständige Arts Council England ab dem Jahre 2010 mit Kürzungen von rund 30 Prozent konfrontiert. Was zu diesem Thema die Niederlande zu berichten haben, ist auch nicht sehr zukunftsträchtig: Die Zuwendungen sollen ab dem Jahre 2013 um 20 Prozent gekürzt werden.

Belassen wir es dabei. Die Beispiele sollten reichen. Ja, wenn wir uns hier und in unseren Nachbarländern umschauen, so, oder ähnlich, zeigt er sich, der Geist, der die für diesen Bereich verantwortlichen Entscheider beseelt, zeigt es sich, das derzeitige Verlangen der Politiker. Wer nun wen infiziert hat, vermag ich nicht zu sagen, und es ist in dem Zusammenhang auch kaum relevant, das zu ergründen. Dessen ungeachtet aber sollte man diese Tendenz schnellstmöglich erfolgreich therapieren. Zugegeben, wir alle wissen, dass Europa gegenwärtig in einer Schuldenkrise steckt, und dass das selbstverständlich nicht ignoriert werden darf. Dennoch darf der Baum namens Kultur nicht so beschnitten werden, dass künftig sein Erblühen infrage gestellt ist. Und wenn Italiens Finanzminister Tremonti hierzu auch meint: „Kultur kann man schließlich nicht essen“, so sage ich dem Manne: „Kultur ist für den Menschen lebenswichtig!“

© Peter Oebel

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