Montag , 22 Juli 2019
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„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“

Dieser Titel ist eine bekannte Redewendung, und rein oberflächlich betrachtet mag der Grundgedanke jener Formulierung in dem einen oder anderen Falle durchaus zutreffen. Allerdings muss ich an dieser Stelle eingestehen, dass sich mir immer wieder Erscheinungen vorstellen, Neuerungen unserer fortschrittlichen Zeit, die mich kaum zu einem Mitgehen motivieren können, nein, eher nicht. In dem Zusammenhang denke ich – um ein Beispiel zu benennen – an die Tatsache, dass man irgendwann dazu überging, aus einem Filmtheater, gleich mehrere Filmtheater zu konstruieren.

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Ein schrecklicher Einfall, wie ich meine. Ein Schritt, der nicht allein der Dolchstoß für das althergebrachte Kino war, ergo für ein gutes Stück Kulturtradition, sondern einhergehend mit diesem Fortschritt haben wir der Hektik, die ganz unbestritten immer autoritativer den Takt  unseres Daseins angibt, einen weiteren Freiraum zugebilligt. So meine Meinung. Rein profitorientiert betrachtet war es ein Schritt in die richtige Richtung, anstatt aus einem einzigen Filmtheater, mit rund 500 Sitzplätzen, einen Standort zufügen der nun mehrere tausend Sitzplätze auf sechs, acht oder gar mehr als 20 Säle verteilt, das wird niemand bestreiten. Aber die Frage sei doch erlaubt, ob sich denn stets und ständig alles allein um den Profit, um die Ausbeute, drehen muss. Anbei, der Begriff Ausbeute ist hier gut platziert. Hat denn auf der Waagschale der Wertigkeiten das Althergebrachte überhaupt kein Gewicht mehr?

Es liegt noch gut in meiner Erinnerung, das Kinogebäude, in dem man sein Billet gleich am Eingang an einer kleinen Kasse erwarb, durch ein mehr oder weniger großes Foyer schritt, den Saal betrat, und es sich auf einem der zugewiesenen Sessel bequem machte. Die Leinwand war hinter einem schweren, dezent angeleuchteten Vorhang verborgen, und bis zum Beginn der Vorstellung wurde eine unaufdringliche, zumeist rein instrumentale Musik eingespielt. Bis zum Filmbeginn konnte man sich im Foyer an einem Tresen die eine oder andere Süßigkeit kaufen. Die Musik verstummte, das Licht wurde herunter gedimmt, zeitgleich der Vorhang geöffnet, und die Ewigkeit einiger Sekunden spendete eine angenehme Stille. Und ja, in der Regel war das Naschwerk so verpackt, dass seine Entnahme von möglichst wenigen Knistergeräuschen begleitet wurde. Eine Vorkehrung, die während der Vorstellung eine gewisse Ruhe sicherte.

Sie haben wohl auch ihre Vorzüge, die Einrichtungen, wie da sind „United Cinemas International“ (UCI) und „CinemaxX“, und jene Multiplex-Kino-Ketten nun zu verteufeln, das liegt fernab meiner Absicht, aber sie haben so einige Gegebenheiten in ihrer Begleitung, die ich als recht unangenehm empfinde. Mal ganz abgesehen von den riesigen Betonburgen, in denen diese Giganten der Filmvorführungsbranche ihre Leinwände installieren – denn das liegt in der Natur der Sache, wenn man mehrere tausend Menschen zusammenpferchen will -, erlauben mir auch manche der internen Erscheinungen nicht, dass ich mich dort wohlfühle. Wenn ich beispielsweise an die monströsen Kassentresen denke, an denen sich nicht selten mehrere, unüberschaubar lange Menschenschlangen bilden, an die damit ganz zwangsweise verbundene Geräuschkulisse, die jene Menschen-Massen-Komprimierung mit sich bringt, ja dann formiert sich ein Umstand, den ich nicht erleben mag.

popcorn_becherAuch kann ich mich nicht mit den „Essgewohnheiten“ anfreunden, die mittlerweile und gerade in den besagten Häusern gang und gäbe sind, mit dem Konsumieren von Speisen und Getränken, und zwar annähernd ununterbrochen und parallel zum Film. Wenn links von mir aus einem riesigen Pappeimer gepuffter Mais gegriffen wird, Popcorn, das sich auch gerne mal, hin und wieder aus dem Munde des Genießers fallend, im unmittelbaren Bereich meiner Füße breit macht, und rechts von mir knochentrockene Nachos in eine lauwarme Käsesauce gedippt werden, ja dann will mir die Konzentration auf die Botschaft des Filmes nicht mehr gelingen. Die Coca Cola, die um mich herum und mittels dicker, bunter Halme aus ebenso bunten Pappbechern (mit bis zu 1 Liter Inhalt) schlürfend gesogen wird, die rundet die Kino-Begleit-Fressorgie vollendet ab. Allerdings werden die Filme meistens in einer Lautstärke präsentiert, die diese Geräusche weitestgehend übertönen.

Nein, weder die seitens der Betreiber ab und an gezeigte Lasershow-Einlage, die mit der Werbung korrespondierend eingeblendet wird, noch das Werbeprogramm überhaupt, kann diese meine Abneigung schmälern. Das Gegenteil ist tatsächlich der Fall. Jene durch den Raume und über die Köpfe der Zuschauer hinweg gebeamten Beleuchtungseffekte, die erwarte ich eher im Disneyland, als Attraktion kurz vor Einbruch der Dunkelheit, als in einem Filmtheater, und die Tatsache, dass, bevor der Hauptfilm anfängt, die Kinowerbung nicht selten für die Dauer einer Dreiviertelstunde anberaumt wird, die betrachte ich fürwahr als eine Zumutung, die ihresgleichen sucht. Klar, zu dem einen oder anderen Filmstreifen kann solch ein Szenario sehr wohl passen, und auch wenn ich das hier natürlich nicht ohne Ironie anmerke, so ist diese Aussage dennoch in sich schlüssig – aber lassen wir das.

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, da ist was dran. Irgendwann ging man dazu über, aus einem Filmtheater gleich mehrere Filmtheater zu konstruieren, und nun ist aus dieser rein kommerziell orientierten Geschäftsidee ein Titan entwachsen, der so ziemlich alle herkömmlichen Filmtheater platt getreten hat. Vereinzelt gibt es sie noch, die kleinen, eher privat geführten Kinos, und dank einiger Menschen, die diesbezüglich eben nicht mit der Zeit gehen, wird das wohl noch einige Jahre so bleiben können, ich hoffe das jedenfalls sehr. Nicht zuletzt die Gewähr, dass in solchen Kinos zumeist sorgsam ausgewählte Filme eine gewisse Qualität sichern – jedenfalls verhält es sich in den mir bekannten Fällen so – nährt hier meine Zuversicht. Und wenn sich auch in diesen Lichtspieltheatern eine bestimmte Angleichung abzeichnet, eine, ohne die ein Überleben nicht möglich wäre, so halten sie dennoch eine erholsame Distanz zu dem besagten Geist der Zeit.

© Peter Oebel

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