Samstag , 25 Mai 2019
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Warnemünde liegt am Meer

Kurz vor Pfingsten reise ich mit dem Zug über Berlin, Schwerin und Rostock nach Warnemünde, um ein paar Tage am Meer zu genießen. Nach knapp fünf Stunden angekommen, laufe ich mit meinem vierrädrigen, nicht allzu schweren Koffer vom Bahnsteig zum Bahnhofsvorplatz, an den Kiosken mit Fischbrötchen, Getränken und Eis vorbei zur Brücke, die über den Alten Strom führt, der wie immer voller Boote und Schiffe ist. Der Himmel über Warnemünde ist blau, die Luft angenehm kühl und die Brücke wegen Bauarbeiten nur einseitig begehbar. Der Fußgängerstrom ist an diesem Tag noch schwach und ich gelange ohne Stocken auf die andere Seite des Stromes. Von dort ziehe ich meinen Koffer über holpriges Pflaster weiter bis zum Kirchplatz, überquere die Straße und stehe nach wenigen Metern vor dem kleinen Hotel. Die Hotelchefin erwartet mich bereits an der winzigen Rezeption, reicht mir den Zimmerschlüssel und fragt, wann ich am nächsten Morgen frühstücken möchte. Ich erfahre, dass außer mir nur fünf Gäste im Hotel sind, die aber nicht frühstücken, weil sie frühzeitig zum Angeln fahren.

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Eine halbe Stunde später verlasse ich das Hotel mit leichtem Gepäck und laufe Richtung Strand. In der Konditorei Wegener genieße ich ein Stück Sahne-Himbeer-Baiser-Torte, im gegenüberliegenden Saft-Café „Ringelnatz“ erfreue ich mich an einem „BlackEnergy“. Erfrischt und gestärkt laufe ich weiter und bin kurze Zeit später am breiten, hellsandigen Strand von Warnemünde. Es ist bereits Nachmittag, der Himmel ist noch immer blau, die Sonne scheint, der leichte Meereswind wirft weiß schäumende Wellen an den Strand und kühlt die Luft. Einige Mutige sind dennoch im kühlen Wasser, andere lassen im Sand ihre Drachen steigen oder versuchen, mit ihren Brettern über die Wellen zu surfen. Die Möwen scheinen sich wohl zu fühlen, sie laufen am Strand, sitzen auf Buhnen oder fliegen über dem Meer hin und her, was sehr elegant aussieht. Ich habe Schuhe und Socken ausgezogen und gehe barfuß durch die auslaufenden Wellen. Darauf habe ich mich schon seit Tagen gefreut, es tut meinen Füßen gut und weckt meine Lebensgeister, die von den schwülheißen Tagen in der Stadt schon ziemlich ermattet waren.

Während ich weiter laufe, die Wellen und ihr Rauschen rechts, die anderen Strandläufer meist links neben mir, kommt mir nicht zu Ende Gedachtes der letzten Wochen und Monate in den Sinn. Ich kann die Gedanken nicht verscheuchen, muss sie weiter denken, jetzt scheint der Ort und die Zeit dafür zu sein. Nichts lenkt mich mehr ab, mein Laufrhythmus stimmt, das Rauschen der Wellen entspannt mich. Die meisten der Gedanken drehen sich um Facebook und meine dort gemachten Erfahrungen der letzten Wochen. Seit einem halben Jahr dabei, war ich anfangs zögerlich, mein Netzwerk um Personen zu erweitern, die ich nicht kenne, aber dann erlebte ich einige interessante Diskussionen, an denen ich mich beteiligte, und schon wuchs auch mein Netzwerk.

warnemuende__leuchtturmDann kamen die Bilder! Die der Maler selbst und die, die andere von ihnen posteten und von denen viele für mich eine Entdeckung waren. Maler, von denen ich noch nie gehört und deren faszinierende Bilder ich bisher nicht gesehen hatte. Sie faszinierten mich durch ihre Malweise, durch ihre dargestellten, mir oft fernen Welten, durch ihre vielfältige Darstellung beispielsweise der Liebe oder der Einsamkeit und ganz besonders des Lichts. Seitdem weiß ich, dass Facebook schon deshalb für mich das Richtige ist, weil es mir in konzentrierter Form interessante Informationen aus der globalen Welt bringt, in der ich, wie wir alle, neben meiner lokalen und regionalen Welt lebe.

Ich habe begonnen, meine Gedichte, die ich über vier Jahrzehnte geschrieben, aber nie veröffentlicht habe, auf meiner Facebookseite einzustellen und dazu eigene Fotos oder Bilder der mich bewegenden Maler (etwas, was in der realen Welt nur schwer möglich wäre), und allein diese Zusammenstellung zu betrachten erfreute mich sehr. Zusätzlich habe ich damit andere erfreut oder auch zum Nachdenken angeregt. Mittlerweile füge ich öfter auch Gedichte bekannter Lyriker, beispielsweise an deren Geburtstagen, mit Bildern oder Fotos zusammen und poste diese gemeinsam. Ich frische damit mein Lyrikwissen auf und gebe es an meine FB-Freunde weiter; so lernen bzw. erfreuen wir uns alle.

Nicht alles ist gut auf Facebook. Am Strand von Warnemünde merke ich wieder, wie verletzend es ist, aus dem Netzwerk einfach gelöscht zu werden. Von Männern, die offensichtlich ihre Erwartungen nicht erfüllt sehen und – beleidigt – mich einfach löschen. Ich werde zukünftig wieder vorsichtiger sein bei neuen Kontakten. Vorsichtiger bin ich bereits beim Kommentieren mancher Dialoge geworden, denn zu oft kommt es zu Missverständnissen, zu oft spielen Verletzungen aus der realen Welt und dem jeweiligen Leben eine dominierende Rolle. Vielleicht wären einige festgelegte Spielregeln für den Umgang auf Facebook und anderen Netzwerken hilfreich, sicher bin ich mir nicht.

Nach etwa zwei Stunden bin ich wieder in der Nähe der Mole angelangt. Der Himmel ist noch immer blau, der Wind hat abgenommen, die Luft ist mild. Nachdem ich ein Fischbrötchen gegessen habe, fotografiere ich den Strand in der Nähe des Teepotts, die Mole und die dort auf den Auslauf der „Aida“ wartenden Menschen, zu denen auch ich gehöre. Mein Kopf ist frei, keine unerledigten Gedanken schwirren darin herum, ich bin in Warnemünde angekommen und genieße den friedlichen Abend.

 

meereslichtMeereslicht

 

es glitzert und es funkelt
es gleißt und es dunkelt
es blitzt und es sticht
ist so schön dieses Licht
zeigt uns aber nur
sein helles Gesicht

Petra Hoffmann, 17. Juni 2011

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