Donnerstag , 6 Mai 2021
Startseite » Feuilleton » Kultur » Vom riskanten Unterfangen, sich selbst auf der Spur zu sein

Vom riskanten Unterfangen, sich selbst auf der Spur zu sein

stift_brilleEs ist etwas in uns, ein Magazin, ein Speicher, welcher die Vergangenheit aufnimmt und sortiert. Eine Reflexion der Gegenwart und der Vergangenheit, vielleicht auch der Zukunft und ihrer Umstände, öffnet die Tür, welche uns zur Rückkehr in die Vergangenheit einlädt. Wir betreten dann nicht einen einfachen Raum, sondern einen Zufluchtsort, in welchem wir vorwiegend das Bewahrenswerte, das Gute lagern. Absichtlich sorgfältig verpackt und gestapelt wartet es auf den Moment, wenn es Zeit geworden ist für uns, zurückzukehren.

Ab und an machen wir uns dann auf den Weg, um uns an alten Schätzen zu freuen, sie aufs Neue zu bestaunen, und um sie und damit uns zu polieren. Wir betasten und betrachten staunend diese Kostbarkeiten. Halten wir sie in unseren Händen, wärmen wir ihren Körper. Halten sie uns an den Händen, so wärmen sie unsere Seelen. Sie bringen uns die Zeit, und damit auch einen Teil unseres Lebens zurück. Manchmal gewähren sie uns die Gnade, Nichtgelebtes durch eine Brille zu betrachten, deren Sehstärke einzig und allein durch unser Herz bestimmt wird.

Es ist ein glücklicher und melancholischer Moment. Das Glück und die Melancholie sind wie siamesische Zwillinge, untrennbar sind sie mit uns und unserem Leben verbunden. In jenem Moment, der, wir glauben es zumindest, nur uns gehört, in diesem Moment sind wir also nicht allein. Uns selbst treffen wir hier. Eigentlich sind wir froh, uns dabei zu haben. Und so teilen wir die Kostbarkeit unseres Seins und unsere Erinnerung mit uns selbst – und können dabei ehrlich bleiben. Gregor von Rezzori schrieb 1989, dass es ein riskantes Unterfangen sei, sich selbst auf der Spur zu sein. Was wir betreiben, ist Paläontologie, es ist Urzeitforschung. Schon was gestern geschah, entzieht sich ins Geschichtliche. Vorgestern ist blasse Vorgeschichte. Vorvorgestern ist Mythenland. Davor ist nichts mehr.

Zeit ist das Verrieseln des Lebendigen. Aus ihr herauszuhören ist allein das Murmeln der Nornen. Wir stammeln dem nach, was davon in unserem Blut mitrauscht. Wir lauschen ins Blut, das mit unserer Zeit verflossen ist, schreibt Leben und Runen in euer – unser Blut. Es ist ein Treiben im Strom des Gewesenen und Gedachten. Wir trennen nicht mehr zwischen dem, was geschehen ist, und dem, welches nicht hat geschehen sollen. Die Grenzen in uns sind eingerissen, nicht mehr zugelassen, nicht mehr wichtig, es geht nur mehr um das Erkennen, um uns, um dich, um mich. Und so grüßt der, der ich bin, den, der ich hätte sein können – vielleicht sogar hätte sein müssen. Wir fließen, rasen oder stauen uns mit der Zeit, schreiten aber nie in dem Sekundentakt, welchen uns die Uhr vorgibt. Unser Leben, unsere Seele richtet sich nicht nach Stunden und Sekunden.

Vielmehr wird die Zeit mit dem gefüllt, was zu geschehen hat, mit dem, was unser Leben ist – mit unserer Zeit. Auch wenn es gar zu viele Narben oder Scharten sind, welches das Gewesene in unsere Seele getrieben hat, so bleibt uns zumindest die Hoffnung auf das Kommende. Es ist ein Ritual, wir gießen die Ranke des Neuen und trösten uns mit dem Gesetz und der Gewissheit der sich ständig erneuernden Jahreszeiten. Wir wollen aufs Neue wachsen und blühen lassen oder zumindest dabei zusehen dürfen. Selbst wenn wir nur Zaungast sind, wir sehnen uns nach dem Windhauch des Guten und hoffen damit auf das Alltägliche.

Eingeflossen sind einige Zitate von Gregor von Rezzori, von Jörg Beeler sowie von Bruce Chatwin.

Der Text entstammt dem Buch “Rückkehr in andere Zeiten oder die Aussicht am Fuße des Berges”, erschienen 2006.

© Peter Reuter

Check Also

Wo sind unsere Wurzeln?

Manchmal denke ich über das Wort „Versuch“ nach. Wenn wir versuchen, suchen wir auch, z. …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.