Sonntag , 15 September 2019
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Besuch bei zu Hause – Wir fahren nach Berlin – Teil 1

wellmanns_wilde_wochenDie Mitfahrzentrale ist ja ein Segen für Fahrpreis gebeutelte Flexibilitätswillige in diesem Land. Allerdings haben sechs Stunden hinter dem Fahrersitz, der ausgefüllt ist mit einem lustigen Burschen, der neben dem volkstümlichen Radioprogramm kein Problem hat, ununterbrochen zu reden, auch so ihre qualvollen Momente. Obwohl der lustige Bursche die Ausfahrt verpasst hat und noch eine Stunde auf dem Berliner Ring zubringt, um dann von Mahlow aus nach Tempelhof zu fahren, stehe ich irgendwann verloren am U-Bahnhof, will eine Zigarette rauchen, stelle aber fest, dass einatmen zum Husten völlig ausreicht.

Gedankenversunken steige ich in die U-Bahn ein, stelle meine Tasche neben mich, höre die Ansage der Richtung und “Zurückbleiben!”, registriere, dass ich in der falschen Richtung sitze und husche im letzten Moment aus dem Waggon. Als die Türen zu gehen, die roten Lichter blinken und der Zug sich in Bewegung setzen will, stelle ich ein eigenartig leeres Gefühl auf der Schulter fest, auf dem sonst die Tasche, die einem immer runter rutscht, stetige Aufmerksamkeit erfordert. In einem Anfall von Größenwahn versuche ich mit einem Handzeichen den Fahrer davon abzuhalten loszufahren. Hinter mir kichert eine alte Dame: “…hihihi, die Hoffnung stirbt zuletzt Jungchen…”

In der nächsten Sekunde schießen mir meine zur Verfügung stehenden Möglichkeiten durch den Kopf, die Tasche noch wieder zu bekommen. Angesichts 43 verbrachter Lebensjahre in dieser Stadt, beschließe ich schnell, mich damit abzufinden, dass manche Dinge im Leben einfach verloren gehen.

Der obligatorische, obdachlose Zeitungsverkäufer hat nicht mal Zeitungen dabei, sondern poltert nur in den Waggon und fragt lautstark danach, ob jemand etwas Warmes zu essen für ihn hat, gibt aber recht schnell wieder auf, weil der 2 mal 2 Meter Typ mit der Bierflasche deutliche Grenzen setzt.

Nach zwei Jahren Abwesenheit finde ich, leicht orientierungsgeschwächt, doch noch die richtige S-Bahn, die wegen Bauarbeiten nur die halbe Strecke fährt, um dann von Ersatzbussen abgelöst zu werden, die für die Menge an Leuten immer zu klein sind, der Fahrer aber dennoch nur die vordere Tür öffnet, was mehrere ältere Damen zu recht heftigen Wutausbrüchen animiert und den Fahrer dazu, volle Kanne dagegen zu halten und die alte Dame pampig auf den Bus dahinter verweist, der noch leerer ist.

Willkommen in Berlin.

Fortsetzung folgt…

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