Donnerstag , 8 Dezember 2022
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Nicht jede Flut ist eine Naturkatastrophe – Achtung Satire

wilde_naturHin und wieder durchflutet ohne Aufforderung ein wundervolles Gefühl meinen Körper. In diesen Momenten steige ich in die obere Etage unseres Hauses und blicke aus einem der hinteren Fenster. Die Aussicht entspricht zwar nicht den Vorstellungen eines Wandergesellen, aber die satten, grünen Bäume, freiwillig wachsende Büsche und farbenfrohe Wildblumen sind mein Eigen. Mehr muss ich nicht haben. Und weil es hinten in unserem Garten liegt, müssen wir nicht in die Ferne schweifen, um die Natur zu erleben. Wir hegen und pflegen die Natur vor Ort, indem wir sie möglichst unangetastet walten lassen.

Auch an dem Tag, von dem ich ihnen nun berichten möchte, stieg ich mit diesem wundervollen Gefühl die Stufen hinauf zum Aussichtsfenster. Mein Blick fand und wanderte durch die freie Naturlandschaft aus üppigem Primärwald. Das rechte Auge empfand plötzlich eine leichte Ablenkung. Weiter hinten im Kopf manifestierte sich die Vorstellung von Nachbars großzügig ausgelegtem Gartenzaun. Ich taxierte die Szenerie, um herauszufinden, was mein Auge ans Schwenken brachte. Die Wiese auf unserer Gartenseite glitzerte feuchtfröhlich in dem schwächer werdenden Sonnenlicht.

Aus dem Teich des Nachbarn ragte ein dicker, schwarzer und pulsierender Schlauch. Hmm, die sind grade erst eingezogen und schon ist deren künstlich angelegtes Gewässer defekt? Ich ging mit Iris und Pupille an der saugschmatzenden Bestie entlang. Am hinteren Zaun angekommen, fiel es mir wie Fische aus dem Netz. Wie Engel aus den Wolken. Wie Nägel aus der Wand. Wie Augen aus dem Kopf.

Das feuchte Glitzern unserer Wildwiese entpuppte sich bei näherer Betrachtung als geschlossene Wasserdecke. Diese Irren pumpten tatsächlich ihr von Koi-Karpfen vollgekacktes Wasser auf unser Grundstück. Mein nun aufmerksam dokumentierendes Auge erhaschte einen Menschen im Garten nebenan. Der Gärtner, der den Teich in Stand und unsere Wiese unter Wasser setzte.

Kurzfristig empfand ich Wut, langfristig geriet ich kolossal in Rage. Die Stufen im Treppenhaus nahm ich mit einem Schritt, waren ja nur ca. fünfundzwanzig. Vom Vordach bis in den hinteren Garten durchbrach ich die Schallmauer. Die glühenden Schuhe fanden in dem knietiefen Fischwasser auf der Wiese eine jähe Abkühlung. Das Wasser im mich herum brodelte vor Wut. Kleine Dampfwolken stoben rechts und links aus meinen feurigen Ohren. Ich mutierte zur zerstörungswilligen Dampfmaschine.

»Sie, sie, sie…«, fing ich an, »Das, das, das…«, setzte ich meine Tirade gekonnt fort. Irgendwann schaffte ich es und schrie ihm die Unverhältnismäßigkeit seines Tuns sowie die derzeit gültigen Besitzrechte entgegen. Er schaute mich verständnislos an und dann sich um. »Hallo? Das hier ist ein Zaaaahaauuuunnn!«, plärrte ich über die Wiese hinweg zu ihm rüber. Während er weiter dösig in die Welt starrte, sah ich die ersten Wanderkröten zum Laichen heran hüpfen. Etwas fischartiges umkreiste meine ausgekühlten Waden.

Der Gärtner tastete am Zaun und meinte, unter dem Gesichtspunkt der Grundstückstrennung hätte er diesen bisher nicht betrachtet. Vielmehr sei er ihm als Vorrichtung zum Schlauch halten vorgekommen, damit das Wasser auf dieses verwilderte Fleckchen Erde abgelassen werden konnte. Wer würde denn etwas so lieblos gepflegtes sein Eigen nennen wollen. Freiwillig? Als ich ihn anspringen und würgen wollte, verhedderte sich ein wilder Aal in meinen Beinen. Ich stürzte mit einem bestialischen Aufschrei vornüber und verschluckte eine Wanderkröte beim Laichen.

© Marcus Jüngling

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