Donnerstag , 8 Dezember 2022
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Das Märchen vom Doktor der König werden wollte

doktorhut_buecherEs war einmal ein junger und schöner Baron. Der träumte davon, zunächst Prinzregent, dann Prinz und am Ende König zu werden. Das mit dem König, das störte ihn schon etwas, der Kaiser war schließlich mehr als der König – aber so schlecht ist das Amt eines Königs dann doch nicht. Und weil er wusste, ein König ist nur dann mächtig und stark und groß und unbesiegbar und auf den Titelbildern aller Reichsgazetten, deswegen war ihm klar, zunächst müsse er Bundesverteidigungsminister werden. Wenn das kein Märchen ist, dann weiß ich wirklich nicht.

Den Plan besprach der Baron dann mit seinem Vater, so eine Art Oberbaron. Dieser war damit einverstanden. Unser Baron war zu dieser Zeit vier Jahre, elf Monate und drei Tage alt. Ein fürwahr gutes Datum, um sich auf den Weg zu machen.

Zunächst wurde er der Schule des Lebens ausgesetzt, er besuchte den örtlichen Kindergarten. Dort gefiel es ihm recht gut. Schon nach zwei Monaten hatte er das Kommando übernommen, die Tanten trugen jetzt entweder Sanitätsuniformen oder jene adrette Kleidung, welche Köchinnen und Zimmermädchen auch im normalen Leben auszeichnet. Die ganze Mannschaft hatte am Morgen anzutreten, wenn der Nachwuchsregent auf seinem Dobermann in den Hof ritt. Auch das Deutschlandlied wurde gerne gemeinsam zu diesem Anlass gesungen, das schwarz-rot-goldene Lätzchen des einzigen Migrantenkindes, einem gewissen Ali B. wurde flugs konfisziert und am Fahnenmast hochgezogen, jeden Tag. Das Büro der früheren Leiterin und jetzigen Sanitätsgefreiten wurde in einen Gefechtsstand umgebaut und hieß jetzt Luchsschanze.

Da er des Schreibens und Lesens noch nicht mächtig war, deswegen musste die andere der früheren Tanten, eine jetzige Stabsunteroffizierin der Pioniertruppen, welche für die Baumaßnahmen an der Luchsschanze zuständig war, ihm zusätzlich als Schreiberin dienen.

Sie schrieb alle Anweisungen als Befehl der Nachwuchsführungskraft nieder, er unterschrieb danach und siegelte seine Dekrete. Nach einiger Zeit, die Einschulung drohte, ließ er die komplette Besatzung auf eine seiner Plantagen überführen, wo sie sich seit dieser Zeit um den Anbau von Stilblüten kümmert, dies bis heute. So fing damals alles an.

Wir kommen jetzt zur Schulzeit. Sein unmittelbarer Banknachbar in der Grundschule, heute Filialleiter der örtlichen Raiffeisenbank, er war ein Abkömmling einer der Stilblütenfreiwilligen, welche immer noch nicht zurück in die Heimat gekommen waren. Der Banker hatte in seinem Herzen das Bild des Großonkels mütterlicherseits, bei ihm durfte er stets am Schaum des Bierkrugs lecken. Da der Onkel und die Stilblüten, sie wissen schon, immer noch nicht da und so, deshalb war er Wachs in den Händen des Barons und erledigte täglich dessen Hausaufgaben im Fach Deutsch. Rechnen wurde vom Sohn des Leiters der örtlichen Milchsammelstelle geleistet, dieser hatte ihm versprochen, er könne jederzeit mit ihm rechnen. Grund war der Stoffhase, tja – Stilblüten und so.

Der Lehrer wunderte sich sehr über die unterschiedliche Handschrift des künftigen Königs in den unterschiedlichen Fächern. Nachdem auf seine Bitte die Ehefrau zu den Stilblüten kommandiert wurde, aus Dankbarkeit wollte der Unterschied nicht mehr auffallen. So ging das damals weiter.

Die Zeit bis zum Abitur war die leichteste Zeit. Der komplette Lehrkörper war sehr an zinslosen Krediten der örtlichen Raiffeisenbank interessiert, diese wurden gewährt. Der Lehrkörper erledigte die Hausarbeiten für den zukünftigen Oberbefehlshaber selbst, entsprechend gut waren seine Noten, die Klassenarbeiten wurden vor der Auswertung einer Revision durch den Rektor unterzogen. Dieser baute gerade ein neues Haus, welches zu 100 % finanziert war, sein Bruder und seine Schwägerin hatten auch gerade Bauland erworben. Für sein Abitur wurde der spätere König im ganzen Land bekannt, alle freuten sich mit ihm und auf den Einzug in ihre neuen Häuser. Es war alles gut – im Schatten des Schlosses. So ging das damals weiter.

Nun wurde es Zeit für ein Studium. Damit alles mit rechten Dingen zugehen würde, später nach der Krönung, deswegen beschloss man, der König studiert Recht. Und so hat er recht studiert. Auch der Banker war wieder mit von der Partie. Der Regent hatte dafür gesorgt, dass der Onkel mit dem Bierkrug wieder heim durfte. Der Banker war damals älter geworden, wie das halt so geht und wollte jetzt selbst Bier trinken. Der Onkel, froh darüber, endlich wieder Bier trinken zu dürfen, er wollte nichts mehr abgeben. Ein Anruf des Bankers beim Stab des Königs – flugs sortierte der Onkel wieder Stilblüten. Der Knabe trank das Bier selbst und war während des Studiums für die kompletten Arbeiten des Erzherzogs verantwortlich. Redlich und gewissenhaft versah er diesen Dienst, wollte er doch Direktor der Raiffeisenbank werden. Ein entfernter Verwandter hatte ebenfalls großes Interesse an einem Neubau in bester Lage geäußert. Das Haus war gebaut, der Banker hatte zweimal ein Studium abgeschlossen, der Junker war jetzt Jurist. So ging das damals weiter.

Die Vorbereitung in seine zukünftige Regentschaft, sie lief auf Hochtouren. Er war jetzt Rechtsanwalt, Baron, Kassierer, Baron, stellvertretender Vorsitzender, Vorsitzender, Abgeordneter, ach so – Baron, Vizevorsitzender, Vorsitzender. Und es sollte noch viel schlimmer kommen, er sollte Minister werden. Und weil der Banker mittlerweile promoviert hatte, und das nicht sein konnte, dass er nicht und so, deswegen arrangierte er das Procedere auch auf seinen Namen. Der Banker hatte ja genug Zeit jetzt, seine Konten durfte er auch verwalten, also los. Es war eine gute Arbeit. Eine Universität in Bavaria attestierte eine granatenmäßig gute Arbeit und schickte per Einschreiben den Doktortitel. Der Banker durfte ihn jetzt duzen, wurde zur Hochzeit des Königs eingeladen und ein Jahr später zum Sonntagskaffee, alles war gut.

Er hatte noch keine Zeit gefunden, diese Arbeit zu lesen. Schließlich führte er gerade Krieg und zeigte seiner Frau und seinem Kumpel vom Fernsehen, wie es da abging – und Oberkommandeur war er jetzt auch. Oft kam er mit staubigen Stiefeln zurück ins Schloss. Die Königin schüttelte dann den Kopf, küsste ihn herzlich und bedauerte ihn ob der vielen und gefährlichen Arbeit, welche er zu verrichten hatte. So ging das damals weiter.

Alles wäre gut geblieben, wäre da nicht der gescheiterte Sohn des früheren Leiters der Milchsammelstelle gewesen. Brotloser Philosoph und Taxifahrer, den Kopf in jeder Minute nur in den Büchern, die Doktorarbeit des Bankers findend – sie wissen sicherlich, was jetzt kommt.

Als Zwölfjähriger hatte er ihm einst gesagt: „Die Taube scheißt in jeden Garten, musst nimmer auf den Abend warten“.  Sogar aufgeschrieben hatte er es ihm. Was las er in dieser Bankerarbeit auf Seite 111 im Abschnitt 3 zum Thema der Dauerberieselung staubiger Baustellen und Brüder in Swasiland? „Die Taube scheißt in jeden Garten, musst nimmer auf den Abend warten“.  Als Fußnote war vermerkt: „Lebenserfahrung des Autors“. Das war zuviel. Der Philosoph verkaufte die von der Raiffeisenbank finanzierte Garage, informierte die Presse und ging unerkannt ins Ausland, Stilblüten sammeln. So ging das damals weiter.

Ich kürze ab, alles kam raus. Das Geschrei im Molkereiverband und bei der Zentrale der Genossenschaft der Raiffeisenbanken war riesig. Der Banker wurde um zwei Doktorentitel erleichtert. Der Kultusminister entschuldigte sich persönlich, auf dem Boden robbend, beim Oberkommandierenden. Dessen Sekretariat erstellte flugs eine neue Doktorarbeit. Der Titel lautete: „Taubendreck auf Uniformen und die Entfernung unter der Berücksichtigung des Aufenthalts in einem von Taliban durchseuchten Spannungsgebiet“. In diesem Bereich war noch nie geforscht worden. Das hohe Gremium der Universität vergab das seltene „granatenmässigoberaffengeilgut“. Der König hatte mit diesem Urteil gerechnet. Und weil es so gefiel, deswegen kaufte er die Universität und ließ sich zum Kanzler wählen, der Übung halber. Alles war gut, jetzt konnte er sich wieder um den Krieg kümmern. Er war nicht gestorben, das taten andere für ihn – und er lebte und lebt heiter und fidel.

© Peter Reuter

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