Samstag , 18 Januar 2020
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Das Schreiberleben – oder die Geschichte vom Schreibwettbewerb

schreibblockSchön, dafür Dank, sie lesen mich. Das freut den Schreiber ungemein. Das Schreiberleben ist voller Romantik und ein einzigartiges und fortwährendes Wohlbefinden – denken sich Leserin und Leser. Tja, nicht immer ist es so. Verschiedene Menschen und Einrichtungen denken im Traum nicht daran, den eben beschriebenen Status Wahrheit werden zu lassen. Die Familie des Schreibers und der Schreiber auch, sie benötigen Geld für das, was man so Leben nennt. Die Aufgabe lautet also, aus Buchstaben Geld zu machen. Einer der Wege sei nachfolgend beschrieben:

Jeden Schriftsteller dürstet es nach Aufmerksamkeit, Ehre und Bargeld. Die beiden erstgenannten Punkte sind unverzichtbare Werkzeuge, um den dritten Punkt, den wirklich wichtigen zu satteln. Und so machen sich Jungliterat und Altliterat auf den Weg, Chancen und Risiken gegeneinander abwägend, immer auf der Suche, sich an der ultimativen und lukrativen Ausschreibung zu beteiligen.

Auch ich war ein Suchender. Keiner meiner Bekannten lies sich dazu überreden, mich für den Nobelpreis vorzuschlagen. Mannigfache Argumente kamen mir zu Ohren. Neben der Unterstellung, dass ich einen Knall hätte – bis hin zu diversen persönlichen Beleidigungen reichte das Spektrum des Regenbogens, der zu jener Zeit über meinem Dichterhaupt schwebte. Also gut, dann ohne Beziehungen, ganz alleine, es geht nur über die Elefantentour, nur dieser Weg war meiner würdig.

ARD und ZDF reagierten nicht auf meinen dringenden Wunsch nach einer Sondersendung über die neue, jetzt endgültige Schreibkultur und ihren Protagonisten. Die „Zeit“ aus Hamburg wollte meinen Wunsch nach Veröffentlichung nicht teilen, leider wäre man durch langfristige Verträge gebunden. Und man bedaure sehr – und so – und halt.

Jeder Schreiber, gibt er sich entsprechend Mühe, erhält durch verschiedene Literaturzeitschriften, als auch durch das Internet, genaueste Informationen, bis wann und wie hoch diverse Literaturpreise ausgeschrieben sind. Additiv beträgt das pro Monat ausgeschriebene Volumen an Preisgeld genau 19.541,– €, den Nobelpreis nicht eingerechnet. Für einen Literaten alleine mag dieser Betrag knapp reichen. Bedauerlicherweise bewerben sich jedes mal mehrere Hundert dieser sogenannten Kollegen. Arme, unglückliche und unbegabte Gesellen – trotzdem tun sie es, machen es dem talentierten und kreativ privilegierten Poeten unnötig schwer. Wahre Kunst braucht keine Konkurrenz, dies war schon immer mein Standpunkt.

Zurück zu den tiefen Brunnen der literarischen Herausforderung, den ausgeschriebenen Schreibwettbewerben. Endlich, eines Tages wurde auch ich fündig.

Der Vorstand, der Sparkasse, der Winzerbund und die Landfrauen, alle aus Großknasterbach an der Schnaps, hatten beschlossen, in diesem Jahr erstmals den Großknasterbacher Gustav–Gardoffel-Preis für zeitgenössische Literatur auszuschreiben. Gustav Gardoffel, ein früherer Verbandsbürgermeister, hatte die Öffnung des Ortes, ja die Internationalisierung Großknasterbachs, progressiv und zukunftsorientiert voran getrieben. Ewig in Erinnerung bleibt seine mutige Entscheidung, das örtliche Ordnungsamt anzuweisen, einem türkischen Landsmann die Einrichtung eines Döner Kebab–Standes innerhalb der Stadtgrenzen tatsächlich zu genehmigen. Zwei Jahre später ging er noch weiter, einige meinten zu weit, als er gegen die damals gleichzeitig beantragte Öffnung des Lokals keine weiteren Rechtsmittel mehr einlegte. Der Laden konnte dann tatsächlich öffnen. Diesem wahrhaft Liberalen war nun der vorher erwähnte Großknasterbacher Gustav–Gardoffel–Preis gewidmet, um den ich mich jetzt bewarb.

Gnädigerweise gab man das Thema vor: „Die Wahrheit der Armen und Einfachen“. Das war wie für mich geschaffen. Ich hatte und habe nie Geld und im Laufe meines Lebens mindestens je einmal CDU, SPD und FDP gewählt. Ferner kennt mein Schwager Urban eine Person, das Geschlecht ist uninteressant, die eine weitere geschlechtslose Person gekannt haben soll, welche vor Jahren scheinbar mit der PDS sympathisierte.

Wie gesagt, erfreulicherweise war, wie angegeben, das Thema detailliert vorgegeben. Leider bestand man ebenfalls auf das Abgabedatum, es war der 01.08. des laufenden Jahres. Bis zum 31.07. am Abend hatte es die Muse versäumt, mich zumindest auf die Backe zu küssen, nicht einmal eine ihrer zahlreichen Gehilfinnen fand sich dazu bereit, mir über das Haar zu streicheln. Solange ich dazu in der Lage war, habe ich über diesen denkwürdigen Abend Protokoll geführt.

Um 19.53 Uhr öffnete ich die erste Flasche Rotwein. Vor mir lagen Papier und Füllfederhalter, sowie die noch nicht gelesene Post vom gleichen Tag. Ich trank die erste Hälfte des ersten Glases und las zur Einstimmung meine Post, da ich kurzfristig an einer partiellen Schreibhemmung litt.

Für das Lesen der Post habe ich ein eigenes und effizientes System entwickelt. Rechnungen und Mahnungen werden aussortiert und zusammen mit Werbebriefen und Prospekten vernichtet. Der Rest wird gelesen. Nach dem Sortieren, gegen 20.11 Uhr, trank ich die zweite Hälfte des ersten Glases und füllte unverzüglich die erste und die zweite Hälfte wieder auf.

Nur ein Schriftstück hatte das Sortieren und Vernichten überlebt – mein Steuerbescheid. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, welch großer Portion Mutes es bedarf, ein solches Kuvert zu öffnen. Drum trank ich vorher noch ein Schlückchen Rotwein. Der gerade einsetzende Schleierblick konnte das Ergebnis nicht schönen. Statt der kalkulierten Rückzahlung von 1.407 € lies mich die Staatsmacht lapidar wissen, dass man innerhalb der nächsten zwei Wochen die Restschuld von 2.491,– € von meinem Konto abzubuchen gedenke. Zum Glück war noch Rotwein da.

Nach der zweiten Flasche war mir endgültig klar, dass das Thema „Die Wahrheit der Armen und Einfachen“, zu meinem Thema geworden war. Das vorher jungfräuliche Papier war mit Kommentaren und Gegenrechnungen zum Steuerbescheid ausgefüllt. Den Absatz zur Erläuterung des Bescheides und die Rechtsmittelbelehrung hatte ich wörtlich abgeschrieben.

Nach der dritten Flasche Rotwein war ich nur einfach nur noch müde. Ich räumte den Schreibtisch auf, das beschriebene Papier steckte ich in ein Kuvert, das zufällig auf dem Schreibtisch lag. Die Ungerechtigkeit der Welt war an diesem Abend zu groß für den sensiblen Poeten, er wollte nur noch schlafen – und das gleich und lange und tief.

Meine Frau schaffte es am nächsten Morgen nicht, mir den Schlaf aus– und Bewusstsein einzuhauchen. Sie lies mich liegen, als Ersatz nahm sie das Kuvert von meinem Schreibtisch mit.

Drei Wochen später kam ein anderes Kuvert zu mir zurück. Das leichte Grau lies den Verdacht aufkommen, dass es sich bei dem Inhalt um eine Rechnung oder Mahnung handeln konnte. Als ich mit der Vernichtung beginnen wollte, fiel mein Blick auf die Absenderzeile. Und was las ich da? Es war ein Brief des Preisfindungskomitees des Gustav–Gardoffel–Preises.

Das Gremium, es bestand aus der arbeitslosen Zahnarzthelferin Antonia G., sie war Vorsitzende des örtlichen Kulturvereins und hatte Abitur, Kuno B., einem 42jährigen pensionierten Lehrer, gleichzeitig Konrektor der Musikschule des Landkreises und Beiratsmitglied der Volkshochschule, sowie Walter M., Ehrenaufsichtsrat der örtlichen Sparkasse, ein lebendiger und dynamischer Endsiebziger und Hildegard P., glücklich verwitwete Großbäuerin, Vorsitzende des Landfrauenbundes, sie war Neuabonnentin der „Zeit“ seit der Berufung in das Preisfindungskomitee. Diese Menschen luden mich zur Preisverleihung nach Großknasterbach ein, um dort den ersten Preis in Empfang zu nehmen. Ich war aus dem Häuschen, wartete auf den Tag der Tage – und ich trank Rotwein.

Irgendwann hat alles Warten ein Ende, der Tag der Krönung war gekommen. Das eindrucksvolle Dorfgemeinschaftshaus in Großknasterbach an der Schnaps bot einen würdigen Rahmen für die Erstverleihung des Gustav–Gardoffel–Preises. Es war Ende September. Die vom letzten Faschingsball übrig gebliebene Dekoration gab dem ganzen einen besonderen Anstrich, vielleicht sogar etwas pittoresk. Es war eine optische Satire, lebendig gewordene Literatur – so notierte ich es in mein Tagebuch.

Die Laudatio sollte von Ernst F. gehalten werden, einem im Ort bekannten Heimatdichter, der gleichzeitig den Kirchenchor dirigierte und dem Landkreischor der freiwilligen Feuerwehren vorstand. Es begann mit einem Choral des Kirchenchores. Dann sprachen der Bürgermeister und der Ortsvorsteher, der Landrat sowie der Obmann des Gewerbevereins. Nach der Nationalhymne lauschten wir dem Vorsitzenden des Vorstandes der Sparkasse und der stellvertretenden Kassenführerin der Landfrauen, da die vorsitzende und glückliche Witwe kurzfristig erkrankt war.

Endlich war die Reihe an Ernst F. und mir. Zunächst streifte er in seiner großartigen Rede meine unglückliche Kindheit und Jugend, verlor ein paar Worte über meine erfolglosen Versuche, eine vernünftige Schulbildung zu erhaschen und beschäftigte sich dann mit den mafiösen Strukturen in der deutschsprachigen Verlagslandschaft, die mich, den Autor, bis jetzt unterdrückt und verschwiegen hätten. Der Regenbogen eines kämpfenden Poetenlebens legte sich auf das Dorfgemeinschaftshaus in Großknasterbach an der Schnaps und auf das Andenken an Gustav Gardoffel. Ich war gerührt und bewegt – und ich wollte den Scheck.

Ernst F. dankte ich für die barmherzigen Lügen, dem Publikum für die Geduld und der Sparkasse für den Scheck. Mit ihm, dem Scheck, plante ich, meine Steuerschulden zu bezahlen.Erwähnenswert ist noch, dass ich auf Lebenszeit in die Jury des Gustav–Gardoffel–Preises berufen wurde.

Wie stellte Ernst F. richtigerweise in seiner Laudatio fest: Der Schreiber erfindet nicht. sensibel, auch auf die Herzen anderer hörend, beschreibt er den Widerstand gegen die Mächtigen. Dieser Kampf des verletzlichen und kleinen Individuums gegen die Übermacht der Bürokratie, es adelt die Lüge dort, wo es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Das Aufbäumen gegen die Willkür der allumfassenden Kontrolle fordert den Widerstandskämpfer bis zur Selbstaufgabe.

Drei Wochen nach der Preisverleihung teilte mir das hiesige Finanzamt mit, dass es die Steuerbescheide der letzten 10 Jahre aufgehoben habe, man würde meine Angaben einer Sonderprüfung unterziehen, ich würde von ihnen hören.

Nun gut, etwas blieb übrig vom Scheck. Meine Frau bestand darauf, die Restsumme umgehend bei einem skandinavischen Möbelhaus anzulegen, welches auf die Farben Blau und Gelb wert legt, und das meines Erachtens nur an diplomierte Ingenieure verkaufen dürfte. Ich war als Knecht an diesem Tag dabei. Wieder in den heimischen Wänden angekommen, beschäftigte ich mich mit der Montageanleitung des Regals „Hilly–BillY“. Das Studium wurde kurz durch den Briefträger unterbrochen, der die heutige Post brachte.

Nach dem verdienten Gewinn des Gustav–Gardoffel–Preises hatten die Medien intensiv über mich berichtet, unter anderem auch der Steißfurter Heimatbote. So fand ich nun jeden Tag persönliche Einladungen zu Schreibwettbewerben. Nie mehr in die Reihe der Bittsteller eintreten, ich hatte es geschafft. Heute war in der Post eine Einladung aus Österreich. Die Jury der Isabella–Lachmann–Stiftung aus Lagenfort bat mich um einen Beitrag zum Thema „Der Mensch als Medium der Montage“

Sorgfältig glättete ich die schon mehrfach zerknüllte und durchgerissene Montageanleitung zum Regal „Hilly–Billy“, holte aus dem Keller eine Flasche Rotwein, aus der Küche Korkenzieher und Weinglas, küsste meine Frau und begab mich ins Arbeitszimmer an den Schreibtisch.

Zuerst würde ich meine Dankesrede schreiben…

© Peter Reuter

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