Samstag , 4 April 2020
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Eine irre Komposition zum Jahreswechsel: Das Schlagzeug

schlagzeugEs gibt sie noch, die Vorsätze für das neue Jahr. Mein Vorsatz ist klar und deutlich, prägnant und einprägsam. Können sie sich schon vorstellen, wie das ausgehen könnte? Nein, das können sie nicht. Deswegen habe ich es für sie aufgeschrieben:
Wen die Muse einmal küsst, den lässt sie bekanntlich so leicht nicht mehr los. Unbestritten bin ich ein ausgesprochen schaffensstarker und kreativer Schriftsteller, mit einer leichten und beschwingten Schreibe, der die Ernsthaftigkeit in seinen Texten trotzdem nicht vergisst, leider nur etwas spät entdeckt wurde, aber das ist letztlich nicht alles. Die Muse hat ganz ordentlich stramm geküsst, so dass auch der Bereich der Musik zu meinen Stärken gehört.

Zunächst war es die Gitarre, die es mir angetan hat. Einen Lehrer brauchte ich nicht. Mir fliegt es zu, drei Monate nach Erwerb der Gitarre hatte ich mein erstes Stück, ehrlich gesagt, nur den größeren Teil davon, einstudiert. Bei den älteren Leserinnen und Lesern setze ich voraus, dass die Erkennungsmelodie von „Bonanza“ noch wohl bekannt ist, den jüngeren unter uns sei gesagt, dass es sich um ein hochsensibles Stück handelt, das in seiner Ausdruckskraft wohl einzigartig ist.

Wo ich ging und stand, meine Gitarre war bei mir, diese kleine Weise war ein Teil meines Lebens geworden. Auch meine Mitmenschen wurden Zeuge dieser wunderbaren musikalischen Genese. Einer der besagten Mitmenschen, mein Nachbar, war diesem kreativen Prozess nicht gewachsen. Eines schönen Abends saß ich auf meiner Terrasse und spielte traumverloren diese wunderbare Melodie, als der Nachbar erschien. Zunächst brach er meiner Gitarre den Hals, und dann mir den rechten Oberarm.

Nach drei Monaten war der Arm wieder geheilt, der Nachbar wieder aus der Strafanstalt entlassen, wo er wegen grober und vorsätzlicher Körperverletzung inhaftiert war. Der Arme war in dieser Zeit schwer erkrankt und hatte seine Sprache verloren, zumindest konnte ich feststellen, dass er mich nicht mehr grüßte. Nach bestem Wissen und Gewissen versuchte er trotzdem, weiter mit mir zu kommunizieren. Kaum griff ich zur neuen Gitarre, betrat er seinen Balkon. Danach begann eine Art pantomimischer Veitstanz, den ich leider nie ganz entschlüsseln konnte. Zuerst winkelte er den linken Arm leicht an, um ihn dann etwas vom Körper weg zu halten, die rechte Hand befand sich etwa auf der Höhe des Bauchnabels und wurde von oben nach unten geschlenkert. Dieser Vorgang dauerte vielleicht 20 Sekunden. Ohne Unterbrechung begann der zweite Akt, wo er sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die Gurgel fuhr und dabei die Zunge zeigte.

Das Finale war nicht weniger unverständlich, den linken Arm hielt er von sich gestreckt, den Mittelfinger stets dabei erhoben, und mit dem rechten Zeigefinger zeigte er auf mich. Dabei spuckte er noch aus. Ich bedauerte den Armen sehr, konnte ich doch seine Botschaft nicht entschlüsseln. Seine Krankheit hatte sich fortwährend verschlimmert. Eines Abends wurde er von einem Krankenwagen abgeholt. Ich saß auf meinem Balkon und spielte, dabei summte ich mein Liedlein, als er seinen Balkon betrat, einen Geranientopf von der Fensterbank nahm und sich damit unentwegt auf den eigenen Kopf hämmerte. Leider habe ich nichts mehr von ihm gehört, den Stadtteil habe ich kurz danach auch verlassen, aus bisher nicht geklärten Gründen brannte mein Haus ab.

Die Musik half mir über diese schwere Zeit hinweg. Ich konnte mich sogar musikalisch weiter entwickeln. Neues Haus, neue Gegend, neue Menschen, neue Musik. Auf meinem Balkon konnte ich abends dem wunderbaren Gesang unserer kleinen gefiederten Freunde lauschen, natürlich musste ich mir eine Flöte kaufen. Im Musikgeschäft erstand ich gleichzeitig eine CD, welche die ganze Klangwelt unserer heimischen und exotischen Vogelwelt enthielt. Welches Wunder, welche Überraschungen es doch tatsächlich gab. Zurück zur Natur lautete das Motto. Besonders angetan war ich vom kufnukischen Autoreifenpfeifer, welcher mich mit seinen intensiven und hohen Tönen begeisterte. Auf dem Balkon begann ich, dessen Repertoire einzustudieren. Die Nachbarn über mir hatten gerade Besuch, als ich zu spielen begann. Nach den ersten drei Tönen waren die Sektgläser geplatzt, der Inhalt traf mich genauso wie die Fensterscheibe des Nachbarn neben mir, die urplötzlich zersprang. Die Qualität deutscher Glasfabriken hat doch deutlich nachgelassen. Beim zweiten Versuch wurde es etwas turbulent. Über die Qualität der Glasfabrikate habe ich schon berichtet, dass die Mängel aber so extrem sind, hatte ich nicht bedacht. Der kufnukische Autoreifenpfeifer verharrt bei seinem Gesang mindestens drei Minuten in der höchsten nur denkbaren Tonlage, wenn er sich in der Balz befindet, genau diesen Part wollte ich einstudieren, gibt es doch nichts schöneres als Liebeslieder. Nach nur 41 Sekunden begann das Inferno. Zunächst rissen die Hochspannungskabel der Stromversorgung, dann platzten die Glasbausteine der Dachfenster. Diese trafen meinen Balkon und mich, wobei ich unglücklicherweise meine Flöte verlor, als ich aus dem dritten Stock auf den Boden prallte.

Der Rest ist schnell erzählt, das Haus konnte nicht wieder aufgebaut werden. Wegen Einsturzgefahr war das Terrain weiträumig abgesperrt, eine Suche nach Flöte und CD damit ausgeschlossen. Leider war es nicht möglich, gleichwertigen Ersatz zu beschaffen. Bedingt durch meine Verletzungen war ich reiseunfähig, der Magistrat hatte kurz nach dem Unfall ein Verkaufsverbot für Flöten und Tonträger erlassen, auf denen das Balzritual der kufnukischen Autoreifenpfeifer zu hören war, die Gründe für diese Maßnahme habe ich allerdings nie erfahren.

Langsam wurde es Zeit für mich, auf meine angegriffene Gesundheit zu achten, ich kaufte mir ein Reihenhaus im Grünen. Trost in dieser schweren Zeit bekam ich von meiner geliebten Musik, und ich dankte ihr dafür. Niemals wäre mir der Gedanke gekommen, auf die Musik zu verzichten. Der Selbstverwirklichung sind keine Grenzen gesetzt, Kreativität kennt keine Einschränkungen. Ich beschloss, eine neue Plattform für die Verwirklichung meiner musikalischen Phantasien zu suchen.

Im Rahmen meines Genesungsprogramms wurde ich von meinem Psychotherapeuten aufgefordert, des öfteren spazieren zu gehen. Bei einem der besagten Genesungsausflüge wanderte ich durch die Stadt, eine kleine Melodie vor mich hersummend. Ich war gerade dabei, mir im Kopf die anderen Instrumente dazu zu denken, als ich bemerkte, dass in meine kleine wundervolle Weise ein weiteres Instrument eingegriffen hatte. Ein mächtiges Schlagzeug, es musste zumindest aus einer Pauke und einem Becken bestehen, hatte meinen Takt aufgenommen und harmonierte auf das präziseste mit der gesummten Melodie. Unglaublich, welche neuen faszinierenden Klänge sich vor mir auftaten. Machtvolle Schläge, begleitet von einem Trommelwirbel, der mächtiger nicht sein konnte, ein Stakkato der Leidenschaft sondergleichen, ich war überwältigt, ich war glücklich, weinte, und schämte mich der Tränen nicht. Sonnenklar war die ganze Sache, dieses Schlagzeug musste ich haben. Und ich würde es haben, wie auch immer

Der Verantwortliche auf der Baustelle glotzte ungläubig, als ich meine kleine bescheidene Bitte vortrug. Auch der Mann am Betonmischer wollte nicht glauben, was ich ihm als freundliche Bitte vortrug. Ein netter Mann, der nur gebrochen deutsch sprach, er half mir endlich weiter. An seine Hand genommen führte er mich zu einem Gerät, das von einem ebenfalls kaum deutsch sprechenden Kollegen bedient wurde. Der Kollege schien an einer Art von Schüttellähmung zu leiden, oder er tanzte gerade mit dem Gerät. Genau war dies von mir nicht festzustellen. Dieses kleine und wundervolle Schlagzeug war gefangen von der eigenen Kraft, vom eigenen Rhythmus. Machtvolle Sätze, mindestens einen Meter hoch, gefolgt von einer mächtigen Detonation, begleitet von einem einzigartigen Gesang des nicht mehr als 60 kg wiegenden spanischen Virtuosen, besonders laut und hoch dann, wenn die Pauke beim Abfedern auf dem Boden seinen kleinen Fuß berührte, ein Trommelwirbel aus Pressluft, das hohe C des Überdruckventils, ich hatte mein musikalisches Nirwana erreicht.

Flugs begann ich, zu Hause die entsprechenden Noten zu Papier zu bringen. Ein Konzert für Schlagzeug und Flöte, die Verbindung vom kufnukischen Autoreifenpfeifer zum kraftvollen und urgermanischen Schlaggerät, Natur und Technik, Leben aus allen Elementen, das Konzert würde ein voller Erfolg werden.

Leider gelang es mir nicht, das städtische Kongreßzentrum samt Konzertsaal für die Premiere anzumieten, auch die Herren auf der Baustelle wollten mir das geliebte Instrument nicht zur Verfügung stellen. Es musste ein Plan her. Wie konnte ich mit meiner Musik die Botschaft verkünden, die mir so am Herzen lag, keine Frage, eine Performance war das einzige richtige Medium.

Keine Zeit wurde von mir vergeudet oder gar verloren, mein Schlagzeug besorgte ich mir von der Baustelle, als es schon dunkel war, eine neue Flöte kaufte ich am selben Tag. Gegen 22.36 Uhr erreichte ich den Rathausplatz. In aller Ruhe begann ich, meine Bühne aufzubauen und die Instrumente vorzubereiten. Punkt 24.00 Uhr nach dem letzten Glockenschlag begann meine große Stunde. Ich begann mit dem Furioso Grande, übergangslos folgte das Tremolo Infernale und die Zielgerade zum Ende des ersten Satzes lag in greifbarer Nähe. Ich wollte die Angstgeräusche im Dschungel beim Auftauchen eines deutschen Schriftstellers simulieren, das Finale Brutale.

Die Arme taten mir fürchterlich weh, als man mich an den Schultern packte und auf den Boden warf. Mein Schlagzeug war ob dieses Eingriffs außer Rand und Band. Es überquerte zunächst den halben Platz, touchierte dabei mindestens 23 Polizistenfüße, bevor es sich vor Angst in eine Telefonzelle flüchtete. Eine hopsende Telefonzelle sprang auf zwei Streifenwagen, änderte die Richtung und betrat mit einem Donnerschlag die Vorhalle des Rathauses. Verzweifelte Menschen in grünen Kleidern versuchten die Zelle einzufangen. Im großen Sitzungssaal endlich gestellt, blieb dem Schlagzeug, der Telefonzelle nur ein Ausweg, den Sprung vom Balkon. Als Sprungtuch diente der offizielle Repräsentationswagen des Oberbürgermeisters, den die Angelegenheit sichtlich mitnahm, und der sich deshalb auf die Seite legte.

Meine Aufpasser kümmerten sich unaufdringlich, aber sehr konsequent um mich. Damit mir nicht kalt wurde, legte man mir eine weiße Weste über, deren Ärmel großzügigerweise verschlossen waren, mir wurde nicht kalt. Leider konnte ich mich deswegen auch nicht mehr um die hüpfende Zelle samt Schlagzeug oder um die kleine und unschuldige Flöte kümmern.

Nun wurde es Zeit auszuruhen, neue Kraft und Kreativität zu schöpfen. Drei Monate lag ich in einem Einzelzimmer, gut gesichert und absolut gefahrlos. Ich konnte nicht einmal aus dem Bett fallen, ich war angebunden. Und wieder umflossen mich liebliche Ideen zu lieblicher Musik. Mit einem Gerät, so groß wie eine halbe Gitarre, ausgestattet mit einer kreisrunden Scheibe bearbeitete ein Mensch von außen die Gitterstäbe, um sie anschließend neu zu streichen. Ein Feuerwerk aus Funken, eine Fontäne von Licht begleitete ihn, der dabei „Bonanza“ pfiff.

Nach Auskunft des freundlichen Herren, der mir täglich eine Spritze gibt, werde ich noch ungefähr drei Jahre in diesem Zimmer bleiben dürfen. Bis dahin habe ich mein Konzert für Schlagzeug, Flöte und Feuerwerk sicher fertig. Ich freue mich schon auf die Uraufführung, eventuell im Reichstag oder auf dem Brandenburger Tor.

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