Montag , 17 Juni 2024
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Deutsche Bahn – Der Wahnsinn hat keine Methode

wellmanns_wilde_wochenFreitag, ca. 16.30 Uhr. Hauptbahnhof Köln. Ich will eigentlich nur nach Düsseldorf und wenn ich das in Köln laut geäußert hätte, dann hätte ich die folgenden Ereignisse noch verstehen können. Aber ich bin ganz still und schaue verwundert auf die Anzeigetafeln. Was ich da sehe lässt meine angeborene Intuition mit dem flauen Gefühl in meinem Magen Räuber und Gendarm spielen. 50 Minuten Verspätung…, 30 Minuten Verspätung…, 45 Minuten Verspätung. Mit sage und schreibe nur 15 Minuten Verspätung rollt der RE 5 in Richtung Emmerich in den Bahnhof ein.

Mit etwa 100 „Mitbewerbern“ dränge ich in Richtung Tür und warte, in angeborener Höflichkeit darauf, dass die Leute aussteigen. Doch es steigt niemand aus. Nur ein, immer rein da, rin, rin, rin, rin. Ich schaffe es genau zwei Schritte in den Waggon zu tun und quetsche mich an das Geländer der Treppe in den unteren Teil des doppelstöckigen Wagens, wobei meine Tasche noch hinter mir zwischen zwei Damen klemmt, die sich beim Einsteigen sofort an meine Fersen geheftet hatten. Sowohl die Treppe nach unten, als auch nach oben ist voll besetzt, mit stehenden Leuten, die sich verzweifelt irgendwo festzuhalten versuchen, als der Zug losfährt. Ich trage meine Sonnenbrille noch, was ich selbst etwas dämlich finde, aber da ich nicht an meine Tasche und das in ihr befindliche Brillenetui komme und das einzige was ich überhaupt noch frei bewegen kann mein Kopf ist, belasse ich es dabei und bin sogar recht zufrieden damit, dass gerade niemand meine, vor Fassungslosigkeit, weit geöffneten Augen sehen kann.

Denn wohin ich den Kopf auch drehe sehe ich Menschen, die in dieser, sowieso schon unerträglichen Situation, welche durch künstlich aufgetragenen „Körperduft“ und den ausatmungsintensiven Resten von gestern noch gesteigert wird, ein Handy an einem und einen Kopfhörer im anderen Ohr haben. Dabei ist die unüberhörbare Mischung aus Techno, Black Metal und deutschem Schlager noch das kleinere Übel, da das alles von den, äußerst privaten Gesprächen am Telefon übertönt wird. Ein Jugendlicher vor mir, der mit seinem Freund das Für und Wieder eines X-Box 360 Neukaufs erörtert und dabei mit Fäkalausdrücken nicht spart, duelliert sich mit einer jungen Dame vor mir, die mit ihrer Freundin das Pro und Contra eines neuen Lebenspartners analysiert, dabei zwischen deutsch und türkisch hin und her switcht und mit Fäkalausdrücken ebenso wenig geizt.

 

Mitten auf der Strecke bleiben wir stehen. Die Stimme des Zugführers ertönt: „An alle Fahrgäste, die im Besitz eines gültigen Fahrausweises sind. Wegen hoher Streckenauslastung verzögert sich unsere Fahrt um mindestens 15 Minuten. Weiterfahrt ist nur auf Befehl möglich. So die Information des Fahrdienstleiters. Wir bitten um ihr Verständnis!“ Ich weiß erstmal nicht genau, ob ich lachen, schreien oder weinen soll, was ich aber genau weiß ist, dass diese Situation gänzlich ungeeignet scheint, um an mein Verständnis zu appellieren. Von rechts unten macht sich ein junger Mann bereit den Weg an mir vorbei die Treppe hinauf anzutreten, was ich so schon für unmöglich halte, aber noch dadurch bestärkt wird, dass er ein Cello auf der Schulter trägt. Prompt bekommt er auch den ganzen Zorn des Mannes, der einen Absatz unter mir steht, zu spüren und muss sich als „Faules Studenten Pack“ beschimpfen lassen, worauf die junge Frau, jetzt wieder auf türkisch und der Jugendliche die Lautstärke verdoppeln und gleichzeitig: „Waaasss? Sag noch mal, ich konnte dich grad nicht verstehen!“, in ihr Handy brüllen.

In diesem Moment wird eine andere Frau, etwa einen Meter von mir entfernt, sichtlich schwarz vor Augen. Sie verliert das Bewusstsein und sackt in sich zusammen. Glücklicherweise konnte sie nicht zur Seite fallen, denke ich mir noch, als eine sehr kräftig gebaute, rot gefärbte Kurzhaarfrisur mit ihrer sehr kräftigen Stimme verlauten lässt: „Ich bin Sanitäter, machen sie mal Platz, damit die Frau etwas Luft bekommt!“ Leider wartet sie das Ergebnis ihrer Aufforderung nicht ab, sondern stößt alle, um die bewusstlose Frau herumstehenden, Fahrgäste beiseite, so dass unzählige, das Gleichgewicht verlierende, Körper Dominoeffektartig in alle Richtungen fallen, bzw. versuchen sich aneinander festzukrallen.

Spannenderweise gelingt es allen Telefonierenden das Handy am Ohr zu behalten und äußerst erbost über die rot gefärbte Kurzhaarfrisur zu berichten, die „wohl meint irgendwie wichtig zu sein“. In der Tat hat es auch mehr als diesen Anschein, als der Zug, inzwischen weiter gefahren und bis Leverkusen Mitte gekommen, anhält und der Zugführer verkündet, dass der Ausstieg auf der linken Seite wäre. Da liegt aber nun die bewusstlose Frau, die von der rot gefärbten mit den durchdringend aggressiven Worten: „Sie müssen auf der anderen Seite raus, hier geht’s jetzt nicht!“, verteidigt wird. Außer einem älteren Ehepaar will sowieso niemand aussteigen. Vielleicht noch der junge Mann mit dem Cello, aber der ist noch in den Streit über seine vermeintliche Faulheit verwickelt. Da das Ehepaar aber viel zu lange braucht um überhaupt in die Nähe der Tür zu kommen, sehen sich die auf dem Bahnsteig stehenden Fahrgäste veranlasst nun ihrerseits den Versuch zu unternehmen den Zug noch irgendwie zu besteigen und tun das auch, wobei sie sich dem nicht vorhandenen Platz und der, inzwischen laut keifenden, Sanitäterin gegenüber sehen. Das in Panik geratene Ehepaar geht irgendwie in dem ganzen Theater unter.

deutsche_bahn_verschwommenMittlerweile, auch durch den, sich in meinen Solar Plexus bohrenden, Ellbogen der jungen Frau mit dem Handy verstärkt, ringe auch ich um Luft und um meine Besinnung, was mich den Rest der Fahrt bis nach Düsseldorf, wenigstens in einem leichten Dämmerzustand verbringen lässt. Ich habe Glück, dass hier sowohl die bewusstlose Frau aus dem Waggon getragen wird, als auch mehrere Fahrgäste aussteigen und ich mit Mühe und Not meine Tasche frei gezerrt bekomme und etwas orientierungslos auf dem Bahnsteig stehe. Obwohl ich noch etwa 30 Minuten brauche um mich daran zu erinnern, wo ich eigentlich in Düsseldorf hin wollte, verbringe ich dann noch ein sehr nettes Wochenende, was mich auch davon abgehalten hätte diesen Artikel zu schreiben, wenn nicht noch die Rückfahrt gewesen wäre. Ich schwöre: Nichts von dem was ich hier schreibe ist irgendwie erfunden, oder übertrieben. Ich fasse noch mal kurz zusammen, dass das ganze Desaster am Freitag nur passiert ist, weil zwei Züge ausgefallen sind und das, obwohl die Deutsche Bahn ein Ticket zum Sonderpreis, aufgrund der Feierlichkeiten zur deutschen Einheit herausgegeben hat.

In dem Wissen einen ganz bestimmten Zug am Sonntag in Köln erreichen zu müssen, um nicht den letzten Bus zu meinem heutigen Zielort zu verpassen, stehe ich also, extra eine halbe Stunde früher als nötig auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof und warte auf den RE5. Schon in der Bahnhofshalle werde ich wieder von der Anzeigetafel empfangen: 50 Minuten Verspätung…, 40 Minuten Verspätung…, 60 Minuten Verspätung. Immer noch gilt das Sonderticket und in Leverkusen findet ein Bundesliga Spiel statt. Auf der Anzeigetafel des Bahnsteigs ist gar nichts zu sehen und als es soweit ist, dass der Zug eigentlich ankommen müsste, höre ich wieder so eine Stimme von der Bahn, durch die Lautsprecher: „Wegen hoher Streckenauslastung müssen einige Züge ausfallen. Außerdem hat der ICE…, der IC…, der RE5 eine Verspätung von mindestens 30 Minuten. Wir bitten um ihr Verständnis!“

Meinen nun folgenden Tobsuchtsanfall und die Beschreibung meiner Befindlichkeit, als ich dann endlich, unter Zuhilfenahme eines Taxis, meinen Zielort erreichte, will ich Ihnen nun hier im Einzelnen ersparen. Nur soviel, die Betreiber des „Bahnforums“ haben mich inzwischen aus ihrer Twitter-Timeline gestrichen und auf den Hauptbahnhöfen in Düsseldorf und Köln habe ich, für mehrere Monate, Hausverbot.

Ich weiß nicht wie Sie das sehen, liebe Leser, aber wenn ich jeden Tag eine halbe Stunde zu spät zu Terminen kommen würde, wäre das Verständnis meiner Auftraggeber, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, relativ schnell aufgebraucht. Für die Deutsche Bahn ist so etwas allerdings völlig normal. Na Dankeschön.

Ein Beitrag aus der Reihe „Wellmanns Wilde Wochen“ von Oliver Wellmann.

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