Samstag , 26 September 2020
Startseite » Feuilleton » Humor » Quälereien deutscher Bademeister in deutschen Hallenbädern

Quälereien deutscher Bademeister in deutschen Hallenbädern

rettungsringSatiriker können manchmal gut schreiben, eine Familie haben sie meist auch, einige sind sogar etwas älter, Urlaub gibt es selbst für diese Menschen ab und an. Besonders mutige Satiriker wollen auch das Schwimmen lernen. Bei den Satirikerinnen ist es etwas anders, die können meistens schwimmen. Undercover habe ich mich diesem entwürdigenden Ritual, dem mit dem Schwimmen lernen, unterworfen. Ein Report aus der Hölle bundesdeutscher Hallenbäder, über die Teufel mit dem Zertifikat als Schwimmlehrer, sie werden staunen. 

Der Tag begann genau so, wie Tage eigentlich nicht beginnen sollten. Der Regen hatte nicht vor, sich für einige Stunden auszuruhen. Im Gegenteil, mit den Wolken hatte er eine Verabredung getroffen, einen neuen Rekord aufzustellen, auch den Hagel und die Graupel hatte er eingeladen. Für die kleinen Pausen, welche auch der kräftigste Regen ab und an benötigt, für diesen Fall hatte er den Dunst und den Nebel bestellt. Beide wechselten sich in der Pause mit einem Ostwind ab, auf welchen die Bezeichnung „rattenscharf“ voll und ganz zutraf.

Auch in meinem Kopf hatte es angefangen zu regnen, vor Stunden schon. Mittlerweile war der Regen im Kopf einem Sturm, einem Orkan, einem Hurrikan gewichen. Unwichtig, ob dieses Sturmtief in den Resten meines Kopfes durch den häufigen Wetterwechsel oder durch die beiden Flaschen Rotwein entstanden war, die ich mit meinen Freunden gestern getrunken hatte. Nur noch zeitweise wurde so das Gefühl im Kopf überdeckt, von dem ich wusste, dass sie heute kommen würde, kommen wollte – die Angst.

Und so war es fast egal, was der Tag noch bringen würde, das Böse und Unheimliche würde kommen – ich wusste es und machte mich auf den Weg. Dieser bittere Weg, er begann im Regen. Dies sollte heute nicht das einzige Wasser sein, dem ich begegnen werde.

Ich hatte noch nie getaucht, dieses Gefühl der Angst, es war neu. Nicht möglich, den Kopf zu heben, schaute ich nach unten. Ein milchiges Graublau umfing mich, ab und an versuchten einzelne tapfere Lichtstrahlen in dieses Reich einzudringen, welches ihnen so vehement den Zutritt verwehrte. Wäre ich doch auch ein Lichtstrahl. Ich könnte mich abprallen lassen und meine Wege dahin lenken, wo ich mit meiner Helligkeit und Wärme willkommen sei. Es war aber nicht so.

Zuerst drückte das Wasser in meine Nase, anfangs ein Gefühl wie zu Beginn des Nasebohrens. Dem Finger gelang es in der Regel, maximal dreikommafünf Zentimeter in die besagte Öffnung vorzudringen, nicht so dem Wasser. Das Wasser suchte ähnlich dem Panamakanal eine Öffnung, die doch irgendwie dahinter sein musste, ohne Probleme zu erreichen. Alles, was Mund und Rachen war, es schmeckte plötzlich wie ein mit Altöl fahrender, schlammbeschmierter Weinbergtrecker samt Anhänger.

Wasser drang in meine Augen, jetzt konnte ich nichts mehr erkennen. Ich war verloren, ich musste verloren sein.

Wahrlich kein guter Tag für mich, nicht wirklich. Ich versuchte zu denken, für meine Rettung zu arbeiten. Alles, was mir einfiel, war der Gedanke an ein Picknick im Dauerregen und in Sturmböen, welches jetzt ein unglaublich verlockender Gedanke war.

Jeglicher Kontrolle durch mich entflohen – ich sank immer tiefer, kein Griff, kein Halt, keine Leiter – ich sank.

Mit den Füßen voran drückte es mich immer tiefer, immer weiter. Es war kein Atmen mehr möglich, und Zentimeterweise entfernte ich mich immer weiter weg von der Rettung. Ich glaubte jetzt zu wissen, wie sich ein Dorsch fühlt, wenn er in eine Dose gepresst wird. Wahrscheinlich war es das gleiche, wenn dem einen, der Wasser braucht, genau dieses genommen wird und dem anderen, der Wasser lediglich als Bestandteil einer Weißherbst-Schorle zulässt, zuviel Wasser, und dann auch noch ohne Glas gegeben wird.

Da, ich glaubte, einen Druck auf den Sohlen zu spüren, es war unglaublich, ich war unten auf dem Grund angekommen. Es war wirklich Grund, ich war unten, in des Wortes wahrstem Sinne. Jetzt nur nicht die Restnerven und die Kontrolle verlieren, alle Reserven mobilisieren, zusammenkauern, abstoßen, nach oben – ich fasste mit der linken Hand eine Art Eisenstange.

Ich zog mich zusammen, bei meinem Bauchumfang eine durchaus anerkennenswerte Leistung, schnellte mich ab – wie ein von Robin Hood abgeschossener Pfeil aus dem Bogen, immer schneller, immer höher, die Eisenstange haltend.

Wie tief war ich eigentlich gesunken? Würde, könnte ich es überhaupt schaffen, zurück ins Leben?

Das Durchstoßen der Wasseroberfläche – ein Glücksgefühl, Atmung, Kontrolle, Licht – und etwas weiter weg Menschen, richtige Menschen. Mit beiden Armen winkend und laut rufend, zumindest so laut, wie es in meinem Zustand noch ging, versuchte ich in die Richtung der Menschen zu schwimmen.

Weinkrämpfe und Schmerzen im ganzen Körper behinderten mich zusätzlich. Meine verzweifelten und immer schwächer werdenden Hilferufe wurden gehört.

Man warf mir einen Rettungsring zu, der auf meiner Nasenwurzel aufschlug, bevor er das Wasser tangierte. Die Rettung – ich wollte die Luft und das Licht, die Nähe zu anderen Menschen nicht mehr loslassen, die Rettung war da.

Eine Art Rettungsschwimmer kam mit großen Stößen in Windeseile auf mich zu.

„Halt dich nicht fest, lass endlich die Stange los, ich ziehe dich rüber, du Kaulquappe.“ Der Bademeister rief es so laut, dass es die ganze Halle hören musste. „Raus aus dem Wasser, es reicht für die erste Stunde des Schwimmunterrichts, und zudem ist dies das Kleinkinderplanschbecken, das gilt auch für unser Walross. Und jetzt lass gefälligst diese Stange los. Und dass es endgültig klar ist, in diesem Bad und in meiner Schwimmstunde will und werde ich dich nie mehr sehen, raus – aus meinen Augen, und zwar schnell.“

Dies war er also, der Tag, an welchem ich mit Badeanstalten gleich welcher Art gebrochen habe. Mit Kurwasser kann man mich jagen – Wasser in Schorle geht gerade noch.

Um alle Städte, die mit Bad beginnen, mache ich einen großen Bogen – na ja, bis auf eine. Und für meine Kuren gibt es genug Luftkurorte, weil – an der Luft zu ertrinken ist selbst für mich nicht ganz einfach. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Check Also

„Bundes-Tag ist der Name für ein großes Haus in Berlin“

Falls Sie beim Leser dieser Überschrift an meinem Verstand zweifeln sollten, so lassen Sie mich …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.