Freitag , 15 November 2019
Startseite » Feuilleton » Kultur » Ragna Schirmer und ein Steinway-Flügel in Halle an der Saale

Ragna Schirmer und ein Steinway-Flügel in Halle an der Saale

ragna_schirmerRagna Schirmer ist eine junge, schlanke Frau mit kraftvollen Bewegungen und eine hervorragende, vielfach ausgezeichnete Pianistin. Seit 2009 lebt sie in Halle. Gekommen ist sie, um die Begabten- und Nachwuchsförderung am Musikzweig des Landesgymnasiums Latina in den Franckeschen Stiftungen zu betreuen. Geblieben ist sie auch, weil sie sich in den Steinway-Flügel verliebte, der in der Nähe des Gymnasiums, im Freylinghausen-Saal des Historischen Waisenhauses steht. Sie ist seine Patin geworden, sitzt ganze Nächte allein mit ihm im leeren Saal und spielt ihre CDs ein. Selbst den Tontechniker sieht sie dabei nicht, er sitzt in einem anderen Raum.

Am Abend des 17. Mai ist sie nicht allein, die Franckeschen Stiftungen haben Ragna Schirmer zum 5. Hallenser Gespräch geladen und zahlreiche Kultur- und Musikinteressierte sind gekommen. Die Pianistin setzt sich sogleich an ihr Patenkind und spielt die auch an „ihrem“ Flügel aufgenommene Rhapsodie g-Moll op.79 von Johannes Brahms.

Ragna Schirmers Spiel ist klar, kräftig und elegant und die Zuhörer sind bereits nach kurzer Zeit in ihrem Bann. Das ändert sich auch im anschließenden Gespräch mit Dr. Felix Leibrock, dem Leiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt nicht, denn die Künstlerin wirkt sympathisch, weil offen und natürlich. Die 1972 in Hildesheim geborene Pianistin erzählt von ihrer Kindheit, ihrer früh aufkommenden Liebe zur Musik, die sie anfangs zum Weinen brachte, weil sie so schön klang. Mit sieben Jahren beginnt sie, Klavier zu spielen, mit 15 ist sie bereits die jüngste Finalistin in der Geschichte des renommierten Busoni-Wettbewerbs. Dazwischen liegen Schul- und Lehrjahre in Hannover. 1991 beginnt sie dort ihre künstlerische Ausbildung bei Prof. Karl-Heinz Kämmerling und schließt diese mit dem Konzertexamen 1999 ab. 1995 geht sie für ein Jahr nach Paris, zu Prof. Bernard Ringeissen. Das Pariser Jahr und die dort erfahrene musikalische Ausbildung sei für sie eine große Bereicherung gewesen, erzählt sie an diesem Abend in Halle. Der Wunsch, als Solopianistin zu arbeiten, wäre bereits mit den ersten Erfolgen gekommen. Mittlerweile ist sie zweifache Bach- und Echopreisträgerin, hat mit vielen renommierten Orchestern gespielt und zahlreiche, viel beachtete CD-Einspielungen vorgelegt, darunter sämtliche Händel-Suiten und Brahms’ “Variationen über ein Thema von Händel op.24”.

Dass sie lieber allein statt beispielsweise in einem Kammerorchester spiele, läge wohl an ihrer Art, erklärt sie lächelnd ihren Zuhörern, das passe einfach besser zu ihr. Dann erzählt sie von ihrer Zeit als Professorin an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Mannheim und ihren Schülern, die sie dort zehn Jahre unterrichtet habe. Nach Halle sei sie das erste Mal nach einem Konzert in Leipzig gekommen und die Stadt habe sie sofort angezogen. „Ich wusste, dass ich hier einmal leben würde“, sagt sie ihren aufmerksamen Zuhörern und fügt hinzu: „Ich spürte, dass ich hier eine Aufgabe habe“.  Seit zwei Jahren arbeitet sie bereits mit begabten Schülern am Musikzweig der Latina. Es sei ihr wichtig, diesen Schülern nicht nur eine gute Ausbildung zu ermöglichen, sondern ihnen auch dabei zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden, betont sie, denn Musiker, die nach der Ausbildung keinen Vertrag in der Tasche hätten, gäbe es bereits genug. Für ihre engagierte kulturpolitische Arbeit erhielt sie im März 2011 den Ehrenpreis der halleschen Bürgerstiftung “Der Esel, der auf Rosen geht”.

Nach Halle befragt, wird sie noch ein wenig lebhafter. Sie erzählt, dass sie die Stadt kennen und lieben gelernt habe, sich mittlerweile gut auskenne und zu Hause fühle und auch in den Museumsnächten in der Stadt unterwegs sei. Der Freylinghausen-Saal in den Franckeschen Stiftungen habe es ihr besonders angetan, denn sie spüre hier die Energie der durchlebten Geschichte. Ihr Patenkind, den Steinway-Flügel, liebe sie natürlich ganz besonders. Sie sei überzeugt, dass niemand den Flügel besser kenne als sie, mit seinen starken und auch schwachen Seiten. Das ist das Stichwort für die geduldig zuhörenden Musikliebhaber. Als der Moderator sie auffordert, Fragen an die Künstlerin zu stellen, bitten sie Ragna Schirmer vielstimmig, ihnen noch etwas vorzuspielen. Ragna Schirmer setzt sich bereitwillig an „ihren“ Flügel und spielt Bach und danach Liszt, denn demnächst wird sie hier Werke von Franz Liszt aufnehmen.

Im folgenden Video spielt Ragna Schirmer die oben erwähnte Rhapsodie g-Moll op.79 von Johannes Brahms;

{youtube}tFGiD2UQSyw{/youtube}

Check Also

Wo sind unsere Wurzeln?

Manchmal denke ich über das Wort „Versuch“ nach. Wenn wir versuchen, suchen wir auch, z. …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.