Dienstag , 23 Juli 2019
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Die hohe Kunst der Melancholie

hohe_kunst_melancholie_minicover„Melancholie, wie ich sie sehe, ist ein differenziertes und dadurch oft auch schmerzliches Schauen auf die Dinge.“ Ein Gespräch mit der Münchner Autorin Mariela Sartorius

Einem Gemütszustand, der in einem eher zweifelhaften Ruf steht, nähert sich Mariela Sartorius in ihrem neuen Buch „Die hohe Kunst der Melancholie“. Die Autorin, die bereits mit ihrem Plädoyer für „Die hohe Schule der Einsamkeit“ wider den Stachel löckte, treibt ein Gefühl um, dessen Synonyme eine beredte Sprache sprechen. Ob „süße Tristesse“, „wonnige Rührung“ oder „sehnsüchtige Schwermut“ – bereits die mannigfaltigen Umschreibungen verweisen darauf, dass die Melancholie eine Stimmung voller Gegensätze ist: Sie macht heiter und traurig, sie weckt Sehnsüchte und lässt resignieren; sie wirkt wohlig und verdrossen, bitter und süß.

Wo sich so viel Widersprüchliches um einen Gemütszustand rankt, ist eine ebenso behutsame wie differenzierte Betrachtung angeraten. Und weil die Melancholie ein so diffuses Gefühl ist, das tief drinnen sitzt, wo kein anderer hinkommt, passen logische Erklärungen auch nicht recht zu ihr. Unumwunden gibt Mariela Sartorius zu, dass sich der schillernde Gegenstand nur schwer fassen lässt. Deshalb nähert sich ihr Buch dem Sujet auf verschiedenen Wegen an. Da sind die persönlichen Erfahrungen einer Autorin mit Hang zur Melancholie, minutiöse Beobachtungen, allerlei Gespräche, Kurz-Porträts bekannter Melancholiker und kenntnisreiche Anleihen an Kunst, Musik und Literatur. – Letztlich ist diese poetische Hommage an die Melancholie, die gekonnt mit leiser Ironie spielt, auch eine subtile Aufforderung, mehr Einfühlungsvermögen und Aufmerksamkeit, mehr Wachheit und Nachdenken in der heutigen Zeit zu wagen. Mehr noch: Zwischen den Zeilen liest sich das feinsinnige Buch bisweilen als gewiefte Kritik an einer (Spaß-) Gesellschaft, die Schwermut meidet und Feingeistern den Garaus macht.

Wir haben mit der Autorin ein Gespräch geführt:

Mit einem Plädoyer für „Die hohe Schule der Einsamkeit“ sorgten Sie 2006 für breite Aufmerksamkeit. Warum mussten wir so lange auf ein neues Buch von Ihnen warten?

Das ist wie beim Dichten oder Malen. Man trägt lange und oft unbewusst ein Thema mit sich herum. Aber eines Tages macht es ‚klick’ – und man setzt sich hin und schreibt ein Gedicht oder stellt sich vor die Leinwand. Oder man beginnt eben ein neues Buch. Vorher hat es – zumindest für mich – keinen Sinn, sich überhaupt an die Arbeit zu machen.

Nach der Einsamkeit also die Melancholie. Haben die beiden Gemütszustände miteinander zu schaffen?

Ganz sicher. Beide Gemütszustände bedürfen der äußeren und inneren Ruhe, wenn man sich in ihnen wohlfühlen soll. Genussreich melancholisch kann man nun mal am besten sein, wenn man allein ist, meinetwegen auch einsam. Ich mache ja zwischen Alleinsein und Einsamkeit keinen großen Unterschied; vor allem nicht den üblichen zwischen ‚Alleinseinkönnen’ und ‚Alleinseinmüssen’. Wirklich bedauernswert sind für mich jene angstbesetzten Menschen, die über­haupt nicht allein sein können, und jene, die nicht zur Melancholie fähig sind.

Freud diskreditierte die Melancholie, inzwischen scheint sie wieder rehabilitiert. Warum nahmen Sie sich des Themas an?

mariela_sartoriusZum Glück differenziert man inzwischen ein bisschen mehr. Früher galt die Melancholie ja zeitweise sogar als eine Art Verbrechen. Und die Kirche verdammte sie zu allem Überfluss auch noch als Sünde. Mir macht es Freude, verpönte Gefühle aus ihren dunklen Ecken zu holen, sie aus anderen Blickwinkeln heraus zu betrachten und ihnen mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Sie schreiben sich einen Hang zur Melancholie zu. Allerdings machen Sie überhaupt keinen melancholischen Eindruck …

Glauben Sie, ein ‚Hang zur Melancholie’ mache aus jedem einen Trauerkloß, mit umflortem Blick und schwer in die Hand gestütztem Kopf? Ich bin gerade w e g e n meiner zeitweisen Hingabe an ein wenig Traurigkeit und wohliges Sehnen ein lebensfroher und genussfähiger Mensch, der gerne lacht. So wie ich wegen meines Hangs zum Alleinsein auch ausgesprochen kommunikativ sein kann. Gemeinsames Grölen und Schenkelklopfen, ‚Spaß haben’ in der Menge sind mir allerdings fremd.

Melancholie wird von manchen Leuten schamhaft vermieden oder abgetan. Gibt es auch bei Ihnen einen kleinen Rest an Scham, wenn Sie sich zu Ihrem Hang zur Melancholie bekennen?

Im Gegenteil. Ich bin eher dankbar, dass ich ihren Reiz für mich entdeckt habe. Allerdings schildere ich in meinem Buch auch recht intime Erinnerungen, Situationen und Auslöser, die mich melancholisch stimmen. Da habe ich doch manchmal gezögert. Aber ohne Beispiele und eigene Erfahrungen kommt so ein Buch nicht aus. Also bin ich über meinen Schatten gesprungen.

Die Melancholie gilt bekanntlich als idealer Nährboden für künstlerisches Schaffen. Trifft das auf Ihre Tätigkeit als Autorin und Malerin ebenfalls zu?

Unbedingt. Meine beste Geschichte habe ich vor vielen Jahren veröffentlicht, als ich aus privaten Gründen sehr unglücklich war. Es war ein an sich sachliches Thema, kühl zu bearbeiten – aber es floss offenbar sehr viel Traurigkeit in mein Schreiben. Melancholie, wie ich sie sehe, ist ein differenziertes und dadurch oft auch schmerzliches Schauen auf die Dinge. Nichts Besseres als so ein Blick kann einem Schreiber oder Maler passieren.

Hat Sie das Schreiben über das Thema Melancholie melancholisch gestimmt?

Ja, alle paar Seiten. Und es waren dann jeweils die schönsten Momente vor meinem Computer.

Warum sind Melancholiker Genießer?

Weil sie sich eine Ebene erschlossen haben, die nicht alltäglich ist. Sorgen, Ängste, Kummer haben wir alle immer mal wieder. Die Melancholie aber ist eine Zwischenstimmung, sehnsuchtsvoll und dennoch tröstend, wie ein Wiegenlied. Und da wir inzwischen erwachsen sind und uns niemand mehr ein Wiegenlied singt, können wir uns dieses süße Geborgensein nunmehr selbst angedeihen lassen – falls wir es aus lauter Angst nicht gleich im Keime ersticken.

Wie sieht es diesbezüglich in Ihrem Freundeskreis aus?

Jede gute Freundschaft, wie auch jede Liebe, birgt einen Kern von Melancholie: Gemeinsame Erinnerungen, das Gefühl, zusammen älter zu werden, die Verantwortung für den anderen – das alles macht Freundschaft wertvoll. Von den oberflächlichen, den rein gesellschaftlichen Kontakten habe ich mich längst losgesagt. Sie langweilen mich unsäglich.

Im Kapitel „Melancholie und Alter“ behaupten Sie, dass sich die Melancholie vortrefflich eignet, um sich im Alter gegen die Vergänglichkeit der Zeit zu wappnen bzw. diese gelassen in Kauf zu nehmen. Wie meinen Sie das?

Ich kann Begriffe wie ‚Golden Ager’ und ‚Anti-Aging’ nicht mehr hören! Altern ist nun mal kein Kinderspiel. Aber statt in mürrischer Resignation zu versinken oder sich andererseits in schrillem Jugendlichkeitswahn lächerlich zu machen, scheint mir der sanfte Weg der wohligen Melancholie ein guter Mittelweg zu sein. Ein wenig Nostalgie, auch noch diese oder jene Sehnsucht, alles relativiert durch eine gehörige Portion Lebenserfahrung – keine schlechte Mischung für die späteren Jahre.

Braucht’s zur Schwermut Mut?

Unbedingt. Man wird ja mit Argwohn betrachtet, bedrängt, bemitleidet oder für arrogant gehalten. Wer sich zu verpönten Empfindungen bekennt, mit dem können Spießer wenig anfangen. Aber keine Angst, es bleiben noch genügend Leute mit gleicher Wellenlänge übrig, und das sind dann auch die reizvolleren.

Ist die Melancholie ein expressives Gefühl?

Ich glaube nicht. Man kann sie zwar durch allerhand Gesten und Mienen zeigen und damit gewaltig kokettieren: umwölkte Denkerstirn, Blick in die Ferne, betontes Schweigen, weißer Dichterschal oder gern auch lila Klamotten – aber man kann sie nicht vermitteln oder gar weitergeben. Sie ist eines der privatesten Gefühle und kommt aus dem tiefsten Inneren. Deswegen tun sich Schauspieler übrigens recht schwer mit ihr.

Ihre Hommage an die Melancholie liest sich bisweilen als gewiefte Kritik an einer Gesellschaft, die Schwermut und Tiefgang lieber leugnet …

Kein Wunder. Oberflächliches Empfinden und auf Effizienz ausgerichtetes Verhalten lassen Alltag und Arbeitstag der sogenannten Spaßgesellschaft scheinbar leichter überstehen und schneller vergehen. Melancholie ist eher Luxus; so wie auch Ruhe, Alleinsein und Muße. Aber Innehalten ist für viele Leute ein Horror; könnte ja sein, dass da so was wie Melancholie aufkäme, pfui!

Wie kann man die Kontrolle über die Melancholie behalten? Bekanntlich ist der Grat zwischen Melancholie und Depression schmal …

Ich kann es nicht oft genug sagen: Depression ist eine grausame schwere Krankheit. Die freiwillige Schwermut darf niemals kippen in die Lähmung einer Depression. Also aufmerksam sein! Man spürt den Unterschied und die Grenzen übrigens ganz genau: Melancholie weitet die Seele, Depression fesselt und erstickt sie. Melancholie und Freude sind vereinbar, Depression und Freude schließen sich aus.

hohe_kunst_melancholie_coverBrauchen wir in einer Welt, die von Dauerkrisen geschüttelt ist, wirklich mehr Melancholie?

Was wir brauchen, sind Empathie, Durchlässigkeit, Vernunft, Demut und Mut – alles Bestandteile, aus denen sich Melancholie zusammensetzt.

 

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Mariela Sartorius

Gütersloher Verlagshaus 2011

193 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

€ 17,99 (D), € 18,50 (A), CHF 25,90

ISBN 3-579-06687-5

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