Samstag , 7 Dezember 2019
Startseite » Belletristik » Tomás González: „Das spröde Licht“

Tomás González: „Das spröde Licht“

das sproede licht In der aktuellen Bestenliste des „Weltempfängers“ glänzt der Kolumbianer Tomás González mit seinem neuesten Roman besonders hell: „Das spröde Licht“ hat es auf Platz 1 geschafft. Und das ist hoch verdient. In dem Roman erzählt der anerkannte Maler David von den leidvollsten Stunden seines Lebens. Mit einem Zeitabstand von 18 Jahren blickt der Endsiebziger auf die entscheidende Erfahrung seines Lebens zurück.

Es handelt sich um die lange Wartezeit, in der der querschnittsgelähmte Sohn Jacobo fern der Familie in einem Hotelzimmer in Portland darauf wartet, dass ihm ein Arzt beim Freitod hilft. Diese Form der Sterbehilfe ist in Portland legal. Von qualvollen Phantomschmerzen geplagt, hat sich Jacobo entschlossen, lieber sterben als leben zu wollen. Sein Bruder Pablo begleitet Jacobo, während die restliche Familie, neben David sind das die Mutter Sara, der Bruder Arturo und dessen Freundin Amber sowie die eigene Freundin Venus, in New York abwarten muss. Die Stunden des Wartens wirken unendlich lang. Wird Jacobo noch einmal seine Meinung ändern? Wird sich der Arzt anders entscheiden? Was macht Pablo in dieser Zeit alles durch? In dieser Zeitspanne werden wir ganz konzentriert mit dem Leid konfrontiert, das die Familie seit dem Verkehrsunfall Jacobos tagtäglich durchlebt hat.

Trotz dieses großen Leidensdrucks geht der Alltag in Brooklyn weiter: Besuch sagt sich an, es wird gegessen, gebadet, telefoniert, am PC gespielt, gemalt und geliebt. Da werden nicht die letzten Dinge beschworen, schon gar nicht Gott. Es geht immer um die Menschen, ihre Leid- und Liebesfähigkeit: um Jacobo und die, die ihm in seinem kurzen Leben nahe standen. Durch das Einflechten dieser Alltagsbeschreibungen gelingt es González, die Wartezeit durch sein Erzählen spürbar zu dehnen, so dass sie auch für mich als Leserin erfahrbar wird.

Die Einbettung der Rückschau auf die weiteren Lebensstationen der ganzen Familie verstärkt den spannungsvollen Warteeffekt des Erzählstroms. Diese führen die Familie vom heimatlichen Medellín zunächst nach Bogotá, dann nach Miami, schließlich nach New York und wieder zurück nach Kolumbien, auf eine Finca in La Mesa in der Provinz Cundinamarca. Nach Kolumbien kehren nur David und seine Frau Sara zurück. Die erwachsenen Kinder bleiben in den USA.

Die Übersetzung des Romans liest sich flüssig. Einzig mit dem Titel bin ich nicht zufrieden. Das Licht, das David trotz der progressiven, altersbedingten Erblindung wahrnimmt, ist alles andere als spröde. „Viele Dinge werden immer im Licht meines Herzens stehen“, sagt er gegen Ende seiner Aufzeichnungen und wiederholt noch einmal: „All das, mit jeder Einzelheit, ist tief drin in mir.“ Für mich sagt er damit ganz deutlich, dass das Licht seiner Erinnerungen nichts an Intensität verloren hat, sondern sich lediglich die Art des Zugangs verändert hat. Dass die Verleger im Deutschen einen anderen Akzent setzen, ist ärgerlich, denn schließlich steht das Licht als zentrale Metapher für die große Lebensbejahung des Erzählers. David nutzt die Trauerarbeit nicht, um beim Erzählen zu wehklagen und zu resignieren. Sterben und Trauern sind vielmehr ein Teil des Lebens, so wie der „programmierte“ Tod des Sohnes und auch der eigene körperliche Verfall.

Da er wegen seiner Erblindung nicht mehr malen kann, verlegt er sich auf das Schreiben. Als auch dies immer schwieriger wird, diktiert er seine Erinnerungen der Haushälterin Angela, obwohl diese kaum richtig schreiben kann. Als der Sohn sich entscheidet sterben zu wollen, widersetzt sich die Familie nicht. Hauptthema des Romans ist demnach auch nicht das Für und Wider einer aktiven Sterbehilfe; Hauptthema sind vielmehr die Prüfungen des Lebens, die seiner Schönheit keinen Abbruch tun. Das Buch ist nämlich auch eine subtil erzählte Liebesgeschichte und eine unsentimentale Hommage an die Institution Familie.

Einige Literaturkritiker halten Tomás González für den neuen García Márquez. Diese Gleichsetzung ist mit Vorsicht zu genießen, denn die Erzähluniversen der beiden Schriftsteller könnten unterschiedlicher nicht sein. Was González das sproede lichtin diesem Roman erzählt, das hat nichts mit der exotischen verbalen Übertreibungslust und dem magischen Realismus des Nobelpreisträgers zu tun. Bei González bleibt die Sprache immer zurückhaltend und bescheiden. Die Themen konzentrieren sich auf moderne Alltagserfahrungen. Die kolumbianische Kulturzeitschrift Revista Arcadia bringt den Vergleich zwischen den beiden deshalb besonders gut auf den Punkt: “Wenn García Márquez Wagner ist, ist Tomás González Bob Dylan.“

Für mich ist der Roman das beste Buch, das ich 2012 gelesen habe. Auch wenn es sich um ein schmales Büchlein handelt, das man in einem Rutsch lesen kann, lässt es einen so schnell nicht wieder los. Der Roman ist in jeder Buchhandlung oder direkt hier für EUR 17,99 zu beziehen und auch als eBook erhältlich.

Check Also

Thunfisch im Buch, anstatt in der Dose

Ich verspreche Ihnen außergewöhnliches Lesevergnügen. Sabina Berman entführt uns mit ihrem Buch „Die Frau, die …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.