Montag , 8 August 2022
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Davongekommen, aus einer Scheißjugend und Altötting

scheissleben_minicoverKennen Sie Altötting, den bayrischen Wallfahrtsort? Ich kannte ihn nicht, bevor ich Andreas Altmanns Roman „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ gelesen habe. Ich werde ihn nach der Lektüre erst recht nicht aufsuchen, dafür hat der Autor den Ort zu genau aus seinem eigenen Erleben beschrieben. Altmann ist 1949 in Altötting geboren und aufgewachsen, dieser Oase bigotter Inzucht, wie er schreibt, unter der Knute seines liebesunfähigen, brutalen Vaters, dem in Altötting hoch angesehenen Rosenkranzverkäufer Franz Xaver Altmann. Der den Krieg als „SS-Null“ seelisch schwer gestört überstanden hat und nun in unvorstellbarer Weise zuerst seine Frau und Mutter seiner Kinder und dann seine Kinder selbst demütigt, ausbeutet und körperlich misshandelt.

Das alles geschieht über viele Jahre im Wallfahrtsort Altötting, ohne Einspruch oder konkrete Hilfe von außen. Die Opfer, die Mutter und ihre vier Kinder, überstehen die jahrelangen Torturen als körperlich und seelisch Geschädigte. Sie werden lange brauchen, um sich von den Folgen des ihnen zugefügten Leides, der körperlichen und geistigen Misshandlung zu befreien, um neuen Lebensmut zu schöpfen und ihr eigenes Leben zu leben. Zu denen, die es geschafft haben, gehört letztendlich Andreas Altmann. Er wohnt heute in seiner Lieblingsstadt Paris und reist durch die Welt, um über das unterwegs Erlebte zu schreiben. Jetzt hat er das eigene Erleben in seiner Kindheit und Jugend aufgeschrieben.

Der Autor hat seinen Roman in zwei Kapitel (Der Krieg / Teil 1 und Teil 2) unterteilt und mit einem umfangreichen Nachwort versehen. Der erste Teil beginnt nach der Geburt des Autors. Altmann schildert, dass seine Mutter ihn mit einem Kissen ersticken wollte, als sie sah, dass auch er ein Junge war, denn für sie galt zu diesem Zeitpunkt alles Männliche bereits als Symbol von Niedertracht und Unterdrückung. Sie wollte ihren Sohn lieber töten, als noch einen auszuhalten, der zum Unglück der Welt beitrug. Die Hebamme rettet ihn und so kommt er davon, „wenn auch mit der Ahnung im blauen Kopf, nicht willkommen zu sein.“ Am Ende des ersten Teils verstößt der Vater die Mutter aus dem Altmannschen Haus und verbietet den Kindern, sich von der Mutter zu verabschieden. So viel Härte und Kälte, so viel Schmerz und Einsamkeit sind auch beim Lesen schwer auszuhalten!

Im zweiten Teil schildert Altmann die Zeit nach dem Weggang der Mutter bis zu seinem eigenen Auszug einige Jahre später: „Nun gab es keinen mehr, der den Irrsinn von Franz Xaver Altmann eindämmte, ihn, wenn auch bescheiden, zügelte“, schreibt der Autor zu Beginn und versucht zu ergründen, warum der Vater zu dem Menschen und Hasser werden konnte, den die Kinder ertragen mussten. Auf den folgenden 150 Seiten schildert er das Leben und die Qualen im Altmannschen Haus, in der Schule und in Altötting. Neben den fast unerträglichen Demütigungen und körperlichen Züchtigungen stehen dabei auch der Einfallsreichtum, mit dem Andreas und sein Bruder Manfred sich zeitweise ihres Vaters erwehren, Urlaubstage mit der Mutter oder die Freundschaft zu einem älteren Schüler. Am Ende jagt der Vater auch ihn aus dem Haus wie Jahre zu vor die Mutter, 851 Tage vor seinem 21. Geburtstag und seiner Volljährigkeit, der gesetzlich garantierten Freiheit. Die an die Wand in seinem Zimmer geschriebenen ausstehenden Tage streicht er durch und schreibt darüber: Vorzeitige Entlassung wegen schlechter Führung! Dann geht er.

Andreas Altmanns Erzähllogik erschließt sich nicht immer leicht. Steht manchmal eine bestimmte Zeit im Vordergrund des Erzählens und manchmal ein bestimmtes Ereignis, ist es an anderer Stelle der Katholizismus und ganz scheissleben_coverbesonders der in Altötting zelebrierte oder die Beziehung des Autors zu seiner Mutter, seinem Bruder oder einer anderen Person. Den Faden spinnt der Autor und bei ihm laufen auch alle Fäden zusammen, bis er sie im wichtigen und aufschlussreichen Nachwort für uns Leser entrollt. Kein Kind wird je fassen, dass es sich ohne Liebe zurechtfinden muss, beginnt der Autor sein Nachwort und setzt fort: Der Zukurzgekommene ist gezeichnet, für den Rest seines Lebens … Er kann sich auf den Weg machen – ist er nur von einem unbändigen Lebenswillen erfasst – um nach etwas zu fahnden, das sein Herz so extravagant beflügelt, dass es an diesem Mangel (an Liebe) nicht zerbricht. Andreas Altmann hat uns gezeigt, wie es ihm gelungen ist, nicht zu zerbrechen und das zu finden, was ihn beflügelt.

Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ ist im Piper Verlag erschienen und hat 256 Seiten. Für 19,99 € ist es im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.

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