Samstag , 7 Dezember 2019
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Jordi Soler: „Das Bärenfest“ – Ein Buchtipp

baerenfest_minicoverNoch ein Roman über den Spanischen Bürgerkrieg? Muss das wirklich sein? So titelte bereits ironisch Isaac Rossa in seinem 2007 erschienenen Buch über die politische und literarische Obsession seiner Landleute. Auch für Jordi Soler ist das nationale Trauma mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Krieges noch lange nicht erledigt. Soler (geb. 1963) entstammt selbst einer Familie aus Barcelona, die ins Exil nach Mexiko emigrierte und sich im Bundesstaat Veracruz eine neue Existenz aufbaute. Der Schriftsteller, einer der bekanntesten spanischen Gegenwartsautoren, lebt inzwischen mit seiner Familie wieder in Barcelona. Mit dem Roman, „Los rojos de ultramar“ („Die Roten aus Übersee“, bisher leider nicht ins Deutsche übersetzt) hat er sich erstmals literarisch mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt. Sein neuester Roman, „Das Bärenfest“, hat ebenfalls einen quasi-autobiographischen Hintergrund. Der Krieg bildet in diesem Werk den konkreten historischen Anlass für eine parabelhafte Erzählung über die Abgründe des Menschseins in extremen Lebenssituationen.

Als Ich-Erzähler schildert Soler die Geschichte seines Großonkels Oriol, von dem die Familie glaubt, dass er auf der Flucht vor den Truppen Francos in den Pyrenäen ums Leben gekommen sei. Seither wird Oriol von seiner republikanisch gesinnten Familie im mexikanischen Exil heldenhaft verehrt. Nur dessen Bruder Arcadi glaubt nicht an seinen Tod, sondern ist überzeugt, dass Oriol irgendwo in Lateinamerika als Pianist große Erfolge feiert. Erst durch die Begegnung mit einer seltsamen alten Frau und einem eigenbrötlerischen Ziegenhirten kommt der Großneffe bei einer Lesung in Südfrankreich, viele Jahrzehnte nach dem Ende des Bürgerkriegs, der Wahrheit um das Schicksal Oriols nach und nach auf die Spur.

Meisterhaft bindet der Erzähler die Leser in seine Recherchen mit ein. Dabei mischen sich märchenhafte Passagen und grotesk verzerrte Personencharakterisierungen mit minutiösen Angaben historischer Fakten, der Nutzung von „Google Maps“ und anderen aufwändigen Nachforschungen. Die Grenzen zwischen Literatur und Realität, archaischen Strukturen und moderner Zivilisation lösen sich auf – so wie auch die physische Grenze zwischen Spanien und Frankreich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ein Niemandsland war, in dem die Zivilisationsfähigkeit des Menschen auf den Prüfstand gestellt wird. In diesem sperrigen Landstreifen begegneten sich damals Bürgerkriegsflüchtlinge und solche, die sich vor den Nazis in Sicherheit bringen mussten. In einer solch existentiellen Situation legen einige Menschen ihre zivilisatorischen Umgangsformen ab und werden zu Räubern und Mördern.

Die Lebensgeschichte Solers legt nahe, dass vieles an dieser Geschichte autobiographisch sein könnte und doch wirken die Ereignisse streckenweise so phantastisch, dass sie nur in der Literatur möglich zu sein scheinen. Das macht die Sache für den Leser auch sehr spannend, denn erst ganz zum Schluss erfährt man, wie es zur Begegnung der beiden Verwandten kommt. Das Ende ist zwar aufgrund des parabelartigen Charakters absehbar. Doch wird der Erzählfluss wirklich meisterhaft strukturiert, so dass es schwer fällt, das Buch noch einmal zur Seite zu legen. Es gibt keine Überraschungseffekte mehr. Die Handlung entwickelt sich mit letzter Konsequenz. Die Wahrheit über die Taten Oriols ist baerenfest_coverbeileibe nicht ganz so einfach und romantisch verklärend für den Erzähler. Letztlich geht es auch darum, was der Ekel vor dieser Wahrheit für das eigene Leben, das dem des anderen familiär verbunden ist, bedeutet. Diese Frage, der sich der Erzähler ausgesetzt sieht, dürfte manch deutschem Leser durchaus vertraut sein.

Am 10. September wird Jordi Soler übrigens gemeinsam mit Javier Cercas auf dem internationalen „literaturfestival berlin“ über seinen Roman und das Thema Literatur und Erinnerung sprechen. Moderiert wird die Veranstaltung von Peter Kultzen, der „Das Bärenfest“ ins Deutsche übersetzt hat.

Der absolut lesenswerte, eher schwermütige Roman hat 222 Seiten und erscheint im Albrecht Knaus Verlag. Ab 5. September ist er für 19,99 € im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.

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