ADHS oder Kinder unter Drogen
Kinder sind niedlich. Zumindest bis zu einem gewissen Alter und vor allem auch nur dann, wenn sie sich ruhig, sprich angepasst und still verhalten. Eine Tatsache, die keine neuzeitliche Erscheinung ist, sondern bereits 1845 durch den Arzt Heinrich Hoffmann sehr einprägsam in seinem Buch „Der Struwwelpeter“ verarbeitet wurde. „Die Geschichte vom Zappel-Philip“ ist sicherlich so manchem Erwachsenen heute noch in bester Erinnerung, sofern die eigenen Eltern dieses ach so liebliche Buch vorgelesen haben.
Aus heutiger Sicht betrachtet, verbirgt sich hinter dem einstigen Geschenk des Arztes an seinen damaligen 3-jährigen Sohn ein wahres Schreckensbuch in Sachen Erziehung und es verwundert, dass dieses nicht unter Jugendmedienschutz ab 12 Jahre gestellt ist. Was diese kurze Geschichte Fatales in sich birgt und warum sie ein hervorragendes Beispiel für eine heute stetig um sich greifende „Kinderkrankheit“ namens ADHS ist, die sich natürlich auch im späteren Leben als Erwachsener in einer abgemilderten Form aufzeigt, wird im Folgenden rasch, prägnant und zum Himmel schreiend ersichtlich.
1845. Schon damals „missfiel den Eltern Philips Zappelei am Tisch“ und als der Junge allzu sehr bei Tisch hin und her wippte und schlussendlich wie von den Eltern erwartet Philip samt der Tischdecke und dem Essen nach hinten fiel, da war die Not der Mutter und der missbilligende Blick des Vaters so gewiss wie das Amen in der Kirche. Eine Tracht Prügel war damals den zappeligen Kindern sicher. Im Jahre 2010 gibt es zwar offiziell keine Prügelstrafe und die Erlaubnis zu dieser mehr, allerdings heißt das nicht, dass nicht genau das die Konsequenz für viele Kinder ist, die ihre Lebendigkeit ausleben. Die offizielle und scheinbar harmlose Alternative gegenüber der körperlichen Züchtigung sieht dagegen doch recht liebevoll aus: Ritalin und Co. Heute haben es Eltern so viel leichter mit einem allzu lebhaften Kind, denn sobald dieses eine Auffälligkeit oder sogenannte Hyperaktivität zeigt, wird es mit Ritalin und weiteren Medikamenten einfach und flott ruhig gestellt und das Zappeln nimmt ein wohltuendes Ende. Wirklich ein Ende oder ist das erst der Anfang aller Übel, dass da lauten könnte „Kranke Kinder durch zu viel Nein und endlich Ruhe durch Drogen?“ Oder doch eher: „Uninteressierte Eltern, Erzieher oder Lehrer mit der Lust nach Ruhe und Gemütlichkeit auf Kosten der Kinder?“
Man muss nicht zwingend notwendig selbst Mutter oder Vater sein, um bei diesem wichtigen Thema sehen zu können, dass da etwas gewaltig in unserem Land stinkt. Es modert in den Familien, Kindergärten, Schulen und auch in so manch einer Arztpraxis, denn der Griff nach den beruhigenden und konzentrationsfördernden Tabletten greift massiv und immer häufiger um sich. Doch bevor hier nun die Vergleichszahlen allein aus dem Jahr 1990 bis heute genannt werden, ein kurzer Überblick über ADHS und was sich dahinter in welcher Form den tatsächlich verbirgt.
ADS und ADHS, was sich dahinter wahrhaftig verbirgt
ADS oder auch ADHS bedeutet in ihrer vollständig ausgeschriebenen Variante „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ oder auch „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“. In der Diagnose wird ADHS mit dem ICD-10 Diagnoseschlüssel klassifiziert, findet jedoch als sogenannte „Verhaltens- und emotionale Störung mit Beginn der Kindheit und Jugend“ Abstufungen unter der Buchstaben/Zahlenkombination F90-98. Unterteilt in unterschiedliche Typen - vom verträumten und konzentrationsgestörten Mädchen über den jugendlichen hyperaktiven Raufbold bis hin zum etwas verwirrten Professor - scheinen mehr Jungen als Mädchen von dieser scheinbaren Erkrankung betroffen zu sein und vor allem auch darunter zu leiden. Ja, leiden tun diese kranken Kinder tatsächlich, so unter anderem aufgrund folgender Symptome, die eine ellenlange Liste ergeben, welche hier jedoch in voller Länge präsentiert werden soll:
Konzentrationsstörungen, Störungen der Wahrnehmung, Gedächtnisbildung und Informationsverarbeitung, Fingernägel kauen, verstärkter Drang zum Reden, innere Rastlosigkeit und nicht Stillsitzen können, Beknabbern von Stiften und Bemalen von Heften, ein unberechenbares und somit nicht vorhersehbares Verhalten, Stimmungsschwankungen, Aggressivität, rasches Weinen, eine niedrige Frustrationsschwelle, Verschweigen von Schwierigkeiten, ein übersteigendes oder fehlendes Einfühlungsvermögen, ein mangelndes Realitätsvermögen, Mutlosigkeit, wenige Freunde, die Rolle des Außenseiters und der Hang zum Raufen, Schlagen und Streiten. Noch mehr? Nein, lieber nicht, denn das lässt sich auf vielen Internetportalen und in Büchern zu diesem Thema nachlesen, allerdings wird man dort folgende Aussagen gewiss nicht finden: Stellt dreiviertel der deutschen Bevölkerung unter Drogen, denn all diese „Symptome“ sind bei mehr Menschen vorhanden als man es wohl vermuten würde! Aber bekommen diese sofort die gleichen Pillen wie die Kinder, um diese im wahrsten Sinne des Wortes ruhigzustellen?? Wohl kaum.
Noch vor rund dreißig Jahren waren Kinder wild, ungestüm, lebhaft und einfach lebendig, was angesichts der unverbrauchten Jugendlichkeit ja nicht verwundert hat. Die Betonung liegt hierbei auf dem Wort „hat“, denn heute sind Kinder, die sich derart verhalten arme, kleine und kranke Würmer, die dringend der Hilfe benötigen. Und diese wird ihnen rasch zuteil. Lag die Anzahl derjenigen Kinder mit der Diagnose ADHS und folglich der Gabe von Medikamenten zum „Lindern des Leids“ im Jahr 1990 nur bei rund 2.580 Kindern, stieg diese Zahl bis zum Jahr 1999 auf sage und schreibe 41.000 Kinder. Das ist viel? Mitnichten, denn heute liegt diese Medikamentengabe bei circa bis zu 10% der offiziellen Zahlen nach betroffenen Kinder, wobei Experten davon ausgehen, dass rund 25% der Kinder und auch Erwachsene unter mehreren Symptomen von ADH oder ADHS leiden. Besieht man sich die Forschung und Diagnostik zu dieser „Krankheit“, dann wird ein großer Teil auf einen genetischen Defekt unter der Berücksichtigung einer gestörten Dopaminproduktion in den Vordergrund gestellt. Andere Fachleute sprechen auch davon, dass das Rauchen, Alkohol und Stress in der Schwangerschaft zu einer späteren Erkrankung des Kindes führt oder auch das Lebensumfeld seinen großen Anteil an dieser so negativen kindlichen Entwicklung in sich birgt. Wie bei so vielen das Hirn betreffende Erkrankungen reichen sich jedoch unterschiedliche und durchaus Kontroversen sich die Hand.
Kranke Kinder oder kranke Erwachsene?
Vergleicht man das Leben der Kinder vor etwa dreißig Jahren mit dem von heute, kann man nun bei diesem Thema ganz gewaltig in die Bresche schlagen. Einst saßen Kinder kaum vor dem Fernseher, Computer waren noch für jeden Haushalt in weiter Ferne, es gab Platz und Raum zum Spielen und Toben und auch die Eltern hatten mehr Zeit, Interesse und Lust sich mit ihren Kindern vor allem auch in der Natur zu beschäftigen. Schwimmen gehen, Toben, die Natur zu Fuß oder per Rad erkunden, wurden neben dem gemeinsamen Räuber und Gendarm oder Fußballspielen zu einer Angelegenheit, die Kinder die überschäumende Energie loswerden ließ. Bewegung hieß einst das Zauberwort, das dabei half, lebhafte Kinder auch ohne Tabletten wie Ritalin, das zu den Methylphenidat-Präparaten gehört, oder auch andere dem Betäubungsmittelgesetz unterliegenden Medikamente aus dem Bereich der Amphetamine und ähnliche Substanzen, abends friedlich und müde ins Bett fallen zu lassen. Mehr Sport in den Schulen sowie viele Bewegungsspiele in den Kindergärten ergänzten dieses familiäre und freundschaftliche Programm und taten ihr übriges für das gesunde und medikamentenfreie Aufwachsen der Kinder.
Heute sieht da die Welt doch sehr viel anderes aus. Marathon-Fernsehen und Computerspielen werden mit der Interessenlosigkeit und der Faulheit zahlreicher Eltern kombiniert, die sich lieber DSDS oder Daily-Soaps zu Gemüte ziehen, anstatt mit ihren Kindern draußen aktiv etwas zu unternehmen. Erzieher und Lehrer halten sich strikt an ihren Erziehungs- und Lehrplan, sodass lebhafte Kinder nur den Unterricht stören und folglich entweder erst gar nicht in den normalen Schulbetrieb aufgenommen werden oder dann bitte nur mit einer entsprechenden Medikamentengabe vor Schulbeginn. Ein ausgelassenes Toben in der Turnhalle nach fünf Unterrichtsstunden mit Ruheregeln, Stillsitzen und Konzentrieren, wird mit Verweisen und Strafen geahndet. Plätze zum fröhlichen Balgen, Fußballspielen zubetoniert, die Kinder vor dem Fernseher geparkt sowie zum Allgemeinen Wohlwollen aller Erwachsener dazu verdonnert sich ja wie die Erwachsenen zu verhalten. Ruhig, angepasst und nicht auffallend.
Leben die Kinder ihre Energie und ihren gesunden Dickkopf aus, dann verzweifeln viele Erwachsene und konsultieren mit dem kranken Kind den Arzt, der immer häufiger die Diagnose fällt: „Ihr Kind hat ADHS“. Dann folgt die Kaskade aus Medikamenten, Erziehungshilfen, verschiedenen Therapien und viele weitere ausgeklügelte Ansätze, um den Eltern dabei zu helfen, diesem ungestümen und unhaltbaren Kind endlich Herr werden zu können. Im Sinne der Allgemeinheit natürlich, denn die fühlt sich besonders von „hyperaktiven“ Kindern in ihrem Alltag gestört. Doch dank der umfassenden heutigen Erkenntnisse, ist ja gegen derartige kindliche Probleme ein Kraut gewachsen, auch wenn dieses nicht aus der Natur, sondern auch der chemischen Keule der Pharmaunternehmen entstammt. Kinder unter Drogen und es herrscht Ruhe im Land.









