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Kalt oder nicht, Gott ist hier: Haruki Murakami und sein Roman 1Q84

tokyo rainbow bridgeWenn wir wirklich etwas über die Bedeutung der heutigen Zeit erfahren wollen, müssen wir erst einmal dazu bereit sein aus ihr, zumindest kurzfristig, völlig herauszutreten, um sie so - ohne störende Gedanken verwickelt in den Lärm des Alltags - wirklich einmal betrachten zu können. Die Romane von Haruki Murakami bergen zumeist viele phantastisch wirkende Elemente. Der Einbezug dieser Elemente erfolgt aber nur, um uns auf eine tiefere Realitätsebene als die gemeinhin wahrgenommene hinzuweisen und deren unbegrenzte Möglichkeiten uns ins Bewusstsein zu rufen. Im Folgenden wollen wir diese Vorgehensweise des Autors anhand seines letzten Romans 1Q84 (2010) betrachten, der in Japan und vielen anderen Ländern zurzeit von einem immer größeren Publikum gelesen wird. Murakami ist einer der ganz wenigen Gegenwartsautoren die Weltliteratur schreiben und dabei gleichzeitig es schaffen das breite Publikum unmittelbar anzusprechen. Werfen wir einen Blick darauf, wie dieser so seltene Spagat gelingen kann und gleichzeitig auch auf eine überaus hellsichtige Erfassung der Gesellschaft der Gegenwart.

Es geht Murakami offensichtlich mit seinem Schreiben darum, für den Leser eine Flexibilität im Denken zu ermöglichen. Und gehen nicht wirklich alle Übel unserer Zeit von der Begrenztheit des Denkens aus? Sein Stil ermöglicht es die Dinge von verschiedenen Seiten betrachten zu lernen und unterstützt einen dabei zu erkennen, dass der Weg zum wahren Sein offen steht, sobald man allen Menschen, die im Kontakt zum Verwerflichen stehen, die Macht-Kontrolle über sich entzieht.

Murakami beschreibt uns bei unserem täglichen Überleben in verdorbenen, grandiosen Großstadtlandschaften. Seine oft drastischen Schilderungen, die in äußerst knappen, präzisen Sätzen ohne jeden Zierrat daherkommen, sind in der Lage fast enthnographisch genau unsere gegenwärtige Zeit zu erfassen.          

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Auf eine Weise kann man so einen Roman wie 1Q84 durchaus als phantastische recht spannende Kriminalgeschichte lesen - diese Möglichkeit wollen wir jedem Leser offen lassen, ohne hier zu viel schon über den bloßen Plot zu verraten. Wir verzichten also bewusst auf jede vordergründig scheinbar logische, zwangsläufig unzureichende - weil subjektive - Nacherzählung des Inhalts. Das ergibt dann zwar einen etwas ungewohnten Zugang zu Literatur, aber es handelt sich ja auch in diesem Fall um einen Roman, in dessen Zentrum eben ein ungewöhnlicher Zugang steht: eine Treppe, die von der Stadtautobahn Nr.3 in Tokio aus der scheinbaren Realität hinaus und in eine wirklichere Parallelwelt hinein führt.      

Murakami sagte einmal bei einem Interview im Jahre 2004: "Ich will den Leser nicht davon überzeugen, dass dies eine reale Sache ist, wovon ich schreibe. Ich will es zeigen, wie es ist. Im gewissen Sinne sag ich allen Lesern, dass es nur eine Geschichte ist - es ist ein Fake. Aber wenn sie den Fake als real erfahren, kann es wirklich sein. Es ist nicht leicht zu erklären. Im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert hatten Schriftsteller die reale Sache angeboten, das war ihre Aufgabe. In Krieg und Frieden hat Tolstoi das Schlachtfeld so beschrieben, dass die Leser glaubten, dass es die reale Sache wäre. Aber ich mache das nicht. Ich tue nicht so, als ob dies die reale Sache wäre. Wir leben in einer falschen Welt, ...... wir beobachten gefälschte Abendnachrichten, wir kämpfen einen falschen Krieg. Unsere Regierung ist fake. Aber wir finden Realität in dieser Lüge, in dieser Scheinwelt. Und mit unseren Geschichten ist es dasselbe. Wir laufen durch gefälschte Szenen zu Fuß, aber wir selbst, die wir durch diese Szenen gehen, sind real. Eine Situation ist real, in dem Maße, wie sie eine Verpflichtung ist, denn nur dann entsteht eine echte Beziehung. Das ist es, worüber ich schreiben will."

An Sonntagen hat die Zeit für Tengo einen sonderbaren Fluss und die Welt wirkt auf ihn seltsam verzerrt. In dieser inneren Welt - zu der die Sonntage, und die mit diesen für ihn in Bezug stehenden Kindheitserinnerungen ihn führen - gibt es überhaupt keine Zeit und alle Daten ergeben sich nur aus unvermeidlichen Konsequenzen bestimmter Ereignisse, die mehr oder weniger bewusst in der Erinnerung gespeichert sind. Die innere Welt besteht aus einem einzigen Fluss von Ereignissen und in ihr geht es darum sein Bewusstsein so zu sensibilisieren, bis man sich vielleicht sogar an Details eines möglichen zukünftigen Ereignisses erinnern kann. Alles andere ergibt sich aus dieser Fähigkeit. Es gibt in dem Maße für uns keine Zeit, wie wir sehen, wie alles sich auf indirekte Weise durch Beschreibungen miteinander zusammenhängender Ereignisse ergibt.

Die innere Welt ist jener Ort, an dem sich Fiktionen in Realität verwandeln. Die Literatur ist allgemein gesprochen dabei zu erforschen, wie dies genau vor sich geht. Wer könnte aber endlich eine Literatur schreiben, die mitten ins Herz aller Fiktionen vordringen würde? Kann eine solche Literatur überhaupt in einem, engen Regeln gehorchenden, Literaturbetrieb auftauchen? Nur wenn ein bereits etablierter Autor den Trick anwendet, eben das Auftauchen einer solchen Literatur als Inhalt eines vordergründig gewöhnlichen Romans zu verpacken. Denn: Die Verpackung ist der Inhalt.

Genau dies tut Murakami in seinem Roman 1Q84 und schreibt sich damit an etwas heran, was die Literatur so noch nicht gesehen hat.

Stendhal oder Tolstoi verlegten den Schwerpunkt des Geschehens bereits hinter die Kulissen und versicherten, dass sich ebendort das wirkliche Leben abspiele, auf der Bühne dagegen nur eine Quasi-Existenz, ein Scheinleben. Das eigentliche Ereignis bei Proust ist jenes Beschreiben einer völligen Loslösung von jenem Gesellschaftsleben, welches den Erzähler umgibt - und welches dann nur noch wie eine Bilderfolge erscheint, die eben jeweils nur so viel Realität besitzt, wie ihr durch einen Akt des Bewusstseins zugebilligt wird. Was Proust befähigt, die ihn umgebende Realität als Schein zu durchschauen - und eben dies führt sein großer Roman vor - ist seine Fähigkeit des divergenten Denkens. Er ist in der Lage Analogien wahrzunehmen, und dies ermöglicht ihn hinter den nur flüchtigen Illusionen, der nur scheinbaren realen und flüchtigen Gesellschaftswelt, das Ewige zu entdecken.

Bei Murakami geht es zumeist um die Beziehung der Welt, die dem divergenten Denken offen steht, zu einer von einer bestimmten Gesellschaftsform festgelegten und als Wirklichkeit akzeptierten. Die Ureinwohner der Insel Sachalin, wie Tschechow beschrieb, akzeptieren nicht auf vorgegebenen Wegen zu laufen. Vielleicht haben diese scheinbar primitiven Menschen uns damit etwas zu sagen: Kommt man nur sicher durch den dunklen Wald des Lebens, wenn man stumm abseits der breiten Wege wandert?

Nach neuesten wissenschaftlichen Forschungen haben Kinder bis etwa fünf Jahre zu 95% natürlicherweise die Gabe zu divergentem Denken. Wenn Kinder acht Jahre alt werden, ist diese Fähigkeit zumeist schon verloren gegangen. Divergentes Denken ist die Fähigkeit, ein und dieselbe Sache aus ganz verschiedenen Blickwinkeln sehen zu können. Es ist die kreative Fähigkeit wirklich offen im Geiste zu sein, alles mit allem gedanklich vermischen zu können, unbegrenzt. Die Wirklichkeit wird so für einen unbegrenzt und endlos wandlungsfähig. Nur ein durch eine etwaige Erziehung eines bestimmten Gesellschaftssystems konditioniertes Denken kann diese erweiterte Form von Wirklichkeit nicht wahrnehmen und muss mit den daraus erwachsenen Konsequenzen leben. Konsequenzen, die dann gerne oberflächlich in Kategorien von Gut und Böse verpackt werden. Die Schönheit einer unbegrenzten Welt aber besitzt einzig die Kraft die Widersprüche, die solche Kategorien mit sich bringen, aufzulösen. Oder, wie heißt es - in der deutschen Übersetzung von Ursula Gräfe (DUMONT Verlag, 2011) - an einer Stelle des Romans: „Vereinfacht ausgedrückt war es die Aufgabe einer Geschichte, eine bestimmte Problematik in eine andere Form umzuwandeln. Durch die Merkmale und die Richtung dieser Wandlung deutete sich auf der erzählenden Ebene eine Antwort an. Und mit dieser Andeutung in der Hand kehrte Tengo in die Realität zurück. Sie war wie ein Stückchen Papier, auf dem ein unverständlicher Zauberspruch stand. Oft fehlte ihm der inhaltliche Zusammenhang, und es ergab sich nicht sofort ein praktischer Nutzen. Aber er enthielt ein Potential, und eines Tages würde er den magischen Spruch vielleicht verstehen. Diese Möglichkeit erwärmte sein Herz.

Mit zunehmendem Alter interessierte sich Tengo immer mehr für das Wesen dieser narrativen Hinweise."

Aomame lebt in dieser Welt narrativer Hinweise, in einem beständigen Oszillieren zwischen Wirklichkeiten. Ein Musikstück, die Sinfonietta von Janáček, welches sie beiläufig hört, das sich aber mit seinem Klang in ihr festsetzt, aktualisiert auch bei ihr, wie bei Tengo die Sonntage, eine latente Erinnerung. Dieses Musikstück markiert den Schalter am Scheitelpunkt zwischen Ost und West, Vergangenheit und Zukunft. Markiert den Moment, an dem die von außen vorgegebene Zeitvorstellung sich in ihr beginnt aufzulösen. Markiert den Montagepunkt, an dem sie potentiell mit dem ganzen Universum verbunden ist - und wir als Leser und Mit-Schöpfer des Autors mit ihr. An einem solchen Punkt kommen wir mit einem Energiefeld in Berührung, welches die sensorischen Daten unserer Wahrnehmung in die Wirklichkeit verwandelt die wir kennen und interpretieren. Aber sind wir dieses Energiefeld? Nur durch die genaue Rekapitulation der entscheidenden Ereignisse unseres Lebens können wir das Interpretationssystem in uns erkennen lernen, welches dafür verantwortlich ist, dass wir die Welt um uns herum in den Begriffen wahrnehmen, wie wir es tun.

Die Sinfonietta eröffnet jenen Raum reiner Möglichkeit in dem Murakamis Romane zumeist spielen. Ein plötzliches Glücksgefühl durchströmte Janáček und inspirierte ihn - eines Tages, als er mit einer jungen Frau durch einen Park ging - zum Komponieren des ersten Satzes seiner Sinfonietta. Er erinnerte sich damals an eine lebhafte Ekstase und an die Empfindung in seinem Kopf sei etwas geplatzt.

Wie steht nun dieses Auflösen und Platzen einer bestimmten Realität in Bezug zu der Frage, ob ein Meisterwerk große Fehler aufweisen kann und trotzdem ein solches seien kann? Zerstört das Nebeneinander von Mängeln und Qualität nicht die Seele eines Werkes? Dies ist genau die Frage vor der Tengo, und mit ihm der Leser des Romans von Murakami steht. Tengo meint die Originalversion des Textes von Fukaeri, den er beauftragt wurde zu überarbeiten, gehöre genau zu so einer Sorte Text. Er steht vor der Aufgabe das Ego dieses Textes zu reduzieren, dazu habe er, so heißt es, eine natürliche Begabung: "In Tengo war es zu einer Art chemischen Reaktion gekommen, die ihn die Beschaffenheit der Welt, die Fukaeri in Die Puppe aus Luft zu beschreiben (oder aufzuzeichnen) versucht hatte, genauestens verstehen ließ."

Symbole sind immer vieldeutig, denn ein Symbol bezieht seine Kraft daraus, dass es subjektiv für jeden etwas anderes bedeutet. Erst wenn Symbole ein Kristallgitter von wechselseitigen Beziehungen ausbilden, schaffen sie jene poetische Welt, die den einen Künstler vom anderen unterscheidet.

Der Ort der Unbestimmtheit und reinen Kreativität heißt für Aomame "1Q84". Dieses und/oder sind die beiden Monde am Himmel dieses Romans, der kleinere unregelmäßige grüne und der größere weiße Mond. Bei Murakami ist der Musilsche Möglichkeitssinn zur Grundhaltung des Erzählens geworden. Nietzsche, Musil, Heisenberg und andere näherten sich bereits der jetzt mit Murakamis Romanen durchbrechenden Verschmelzung von östlichem und westlichem sowie männlichem und weiblichem Denken.

Die zwei Monde stehen aber nicht nur für die Gleichzeitigkeit von Ost und West, sondern auch für das komplizierte Verhältnis zwischen Kreativität und Wahnsinn: zwei Meere unter zwei Monden, die ihre Fluten gegeneinander losrollen lassen. Natürlich hat derjenige, der sein offenes Denken anwendet, die Aufgabe zwischen Wahn und innerer universaler geistiger Realität unterscheiden zu lernen.

Fukaeri, die ein Stück Gurke so gründlich kaut, als würde sie eine unbekannte Delikatesse ausprobieren, oder die ein Salatblatt mit der Gabel anhebt als wäre es ein Dokument mit einer geheimen aufgedruckten Botschaft, steht in Kontakt zu einer inneren Wirklichkeit (rechte Gehirnhälfte / weiblich / östlich). Tengo wiederum hat in der Mathematik seinen Zugang zu einer idealen Welt (linke Gehirnhälfte / männlich / westlich). - Die linke Gehirnhälfte ist Sitz des Sprachzentrums und denkt in verdichteten und abstrahierten Inhalten, also Begriffen, Worten und Zahlen. Rechnen ist z.B. eine typische Funktion der linken Gehirnhälfte. Die rechte Gehirnhälfte dagegen denkt unmittelbar in sensorischen Inhalten, also in Bildern. Sie denkt ganzheitlich und intuitiv und ist Sitz der Phantasie. Tengo begnügt sich nicht mit einer dieser Realitäten, nur in der Mathematik, so erkennt er, begnügen sich die Dinge damit ihren natürlichen Fluss zu folgen und den kürzesten Weg einzuschlagen, was im wirklichen Leben eben nicht immer der Fall ist. Und deswegen, so seine Erklärung für Fukaeri, schreibt er. Aber wieso schreibt Fukaeri? In 1Q84 versucht Tengo, durch eine entsprechende Bearbeitung, die Welt von Fukaeri mit seiner ins Gleichgewicht und in Übereinstimmung zu bringen.

Der innere Künstler unseres wahren Selbst benutzt zwei Pinsel, zwei Monde, einen bewussten, Synchronizität, und einen unbewussten, Träume. Beide sind oder liefern Schlüssel zu unserer Selbstwerdung. Wenn ein Traum einen psychischen Zustand reflektiert, handelt es sich um Synchronizität. Durch diesen Prozess inkarniert sich die archetypische Realität in die historische Zeit. Um sich in uns zu verwandeln, tritt die Zukunft lange Zeit bevor sie stattfindet bereits in uns ein. Oft kommt ein Stück unseres Selbst oder unserer Geschichte, das wir verloren haben, zu uns zurück in Form einer anderen Person. Freiheit ist die Freiheit vor Angst. Und wir fürchten nur das Unbekannte. Das Unbekannte ist furchteinflößend und deswegen begegnen uns Menschen oder Ereignisse, die uns heilen und helfen dorthin zu gehen. Wenn wir uns weigern zu folgen, erzeugt dies Leiden. Wir schöpfen alle Leiden bis auf den Grund aus, wie Proust bemerkte, damit das Gras nicht des Vergessens, sondern des ewigen Lebens sprießt, jenes dichte grüne Gras fruchtbarer Werke.

Die Besonderheit an Murakamis psychologischen Ansatz besteht darin, dass er mit aller Konsequenz Charaktere wie bei einer Feldtherapie verortet. Während einer solchen werden Einblicke ins Unterbewusstsein möglich. Die tieferen psychischen Ursachen eines bestimmten Verhaltens werden offen gelegt: Verletzungen, Traumata, unverarbeitete Emotionen, kurz Konditionierungen, die einen Charakter erst zu dem machen, für das er sich fälschlicher Weise hält. Zudem spiegeln alle Charaktere bei Murakami direkt Wesensglieder von uns wieder. Sie wecken etwas in uns, das noch im Schatten sitzt und von uns betrachtet werden möchte. Dabei achtet Murakami als Autor sehr genau darauf alle Charaktere so zu zeichnen, dass wir sie - so verabscheuungswürdig sie uns auch erscheinen mögen - doch irgendwie lieben können. Es gibt bei jedem Menschen hier etwas zu entdecken, was uns gleicht.

Wir nähern uns also einer Literatur im Alphazustand, jener Gehirnaktivität, die die meisten Menschen normalerweise nur kurz vor dem Einschlafen oder Aufwachen durchlaufen, und die Aha-Erlebnisse hinsichtlich der tieferen Ursachen unseres Verhaltens und unserer Krankheiten gestattet. Hierzu passt es auch, wie Murakami mit den Little People symbolisch in seinem Roman jene tiefere Wirklichkeitsschicht sich auftuen lässt, die sich hinter all den Illusionen verbirgt, in die wir gefangen sind, solange wir noch in unsere privaten psychologischen Konflikte eingespannt sind. Hier führt er im Grunde das Motiv weiter, welches etwa in den The Matrix Filmen populär gemacht wurde: Diese gehen davon aus, dass die von den Menschen als reale Welt wahrgenommene Umgebung reine Illusion ist und in einer Matrix marionettenhaft gestaltet und beherrscht wird von den Wesen einer anderen Welt. Aber vielleicht stehen diese Wesen in direkten Kontakt, zu dem was wir Unterbewusstsein nennen ...

Worauf all dies nur hinweisen kann, ist das unmittelbare Bevorstehen eines Durchbruchs zu einer erweiterten Sicht auf unsere Existenz, einer Sicht, die frei wird, wenn wir Menschen die Illusion unseres bisherigen Ego-Daseins durchbrechen und begreifen, dass wir immer entweder von fremden Kräften, das was wir das Böse gewohnt sind zu nennen, gesteuert werden - oder wir halt zu bewussten Lenkern dieser Kräfte werden, und so jenes, was wir übereingekommen sind das Gute zu nennen, erschaffen.

Was hält uns gefangen in der Matrix? Die alten Inder nannten es Vermischung aus Maya, Verblendung und Illusion. Oder auch Glaubensdogmen, für die in 1Q84 die Wirkungsweisen einiger sektenähnlicher Organisationen stehen. Verbunden sind mit diesen bestimmte zur Manipulation der Masse eingesetzte Schuldvorstellungen, die die Menschen unten halten sollen. Dazu gehört auch die sogenannte Unter-Haltung des gängigen kulturellen Betriebes. Als Gegenmittel tritt im Roman die authentische Spiritualität auf, symbolisiert u.a. durch Fukaeris spontanes Singen einer Arie von Bach, die nicht zufällig im Zusammenhang steht mit dem Bethanien-Ereignis aus der Bibel. Zentral ist hierbei die gleichzeitig mit dieser Arie stattfindende mögliche Zusammenkunft von Aomame und Tengo, die als geistige Hochzeit auf der tiefsten Ebene unter dem Romangeschehen liegt. Es ist diese Arie, die es Tengo ermöglicht sich auf sein Bewusstsein zu konzentrieren und sich, jenseits von Scham - Resultat seiner bisherigen Konditionierungen - auf sein wahres Wesen zu besinnen. So werden für ihn bisherige Konditionierungen sichtbar und lösen sich schließlich auf.

Tengo wird auf diese Weise als Charakter gestaltet, dessen bewusst kontrollierte Aufmerksamkeit im Tagesbewusstsein immer mehr registriert wie sein Unterbewusstsein funktioniert. Am Anfang steht dabei seine Fähigkeit spontan und authentisch andere Menschen wahrzunehmen und auf sie zu reagieren, ohne sein Verhalten selbst dabei zur Manipulation anderer, bewusst oder unbewusst, einzusetzen. Eben durch sein Bearbeiten des Textes von Fukaeri kommt er zunehmend in Resonanz mit seiner eigenen inneren Schwingung und so in Berührung mit einem höheren Ego-freien Bewusstsein. Aus dieser Richtung strömt schließlich auch der tiefe Humanismus, der Murakamis Schreiben im Ganzen kennzeichnet.

Aomame durchläuft, parallel zu Tengos Entwicklung, eine Aufhellung ihres Egos in Bezug auf ihre verletzte Unschuld. Dabei wird ihr zunehmend bewusst - während ihrer unterschiedlichen Identitätswechsel (Sporttrainerin, Verführerin, Ninja-Rächerin) - was der Unterschied ist zwischen dem Anspruchsdenken des Egos und einem legitimen Gefühl für eigene Rechte. Vergeltung ist eben nicht gleich Gerechtigkeit. Vergeltung ist die schäbige Befriedigung eines empörten Egos, das nicht mehr an die Wandlungsfähigkeit des Menschen und die Macht der Gnade glaubt.

Wonach sich alle Menschen sehnen, also auch stellvertretend für uns in diesem Roman Aomame und Tengo, ist fähig zu werden erfüllende Intimität zu leben. Fähig zu sein, aus einem selbst oder fremd induzierten Wachtraum-Zustand zu erwachen. Dies wird aber erst möglich wenn die Autonomie des bedürftigen Egos, welches beständig in einem selbstbetrügerischen und selbstgenerierten Traum herumirrt, für einen durchsichtig wird. Um das Ego entsprechend zu transformieren, muss man Selbstachtung, Genauigkeit in der Wahrnehmung und die Fähigkeit zur Kooperation kultivieren. Nur durch ein entsprechendes Wahrnehmen treten wir in einen umfassenden Dialog mit dem Leben in all seinen unbegrenzten Möglichkeiten und empfinden uns dann auch nicht mehr getrennt von diesen.

In der Sage bekommt Herkules den leidenden Prometheus zu sehen, den er aus dem Hades befreien soll - wie Aomame ihren Tengo. Beim Abstieg in die Dunkelheit hört er die Stimme Athenes, der Göttin der Weisheit. Und auch die stärkenden Worte des Hermes. Er muss den Cerebus töten, bzw. zur Erde hinaufbringen - wie Aomame im Roman den Leader, um den leidenden Prometheus freizusetzen. Die drei Köpfe des Cerebus symbolisieren Sensationslust, Begierde und gute Vorsätze. Das mittlere Haupt wurde von Herkules ergriffen, weil Begierde aller Sensationslust zugrunde liegt. Der Schlangenschwanz des Cerberus versinnbildlicht dabei die Illusion, oder was wir weiter oben Matrix genannten hatten. Sie ist es, die allen weiteren Fortschritt zu geistigen Leben behindert und Furcht aller Art erzeugt.

Die Erfahrung von Herkules ist bei dieser Aufgabe unmittelbar die, durch die auch die zentralen Charaktere im Roman geführt werden: Das Licht scheint nur in der Welt der Finsternis.

Diese Erfahrung führt in das geistige Reich. Dabei liegt das Hauptgewicht auf dem Abstieg in die Hölle und auf der Befreiung der Menschheit in Gestalt des gepeinigten Prometheus.

Die Geschichte hinter der Geschichte führt uns in diesem Roman wie eine Meditation in bestimmte Tiefen. Sie bringt uns in Resonanz mit einem kosmischen Geschehen wie es symbolisiert wird im Herkules Mythos.

Aomame denkt schließlich, nachdem sie Die Puppe aus Luft selbst gelesen hat, darüber nach, ob die Geschichte Empfindungen erweckt, die sich unterhalb der bewussten Ebene abspielen. Die Leser geraten in den Sog dieser Empfindungen und verschlingen das Buch. Sie ist sich sicher sie müsse nur die Bedeutung der Welt, in die sie verstrickt ist, möglichst genau und konkret aus ihm herauslesen.

Der ganze Abstieg in den Hades führt Tengo und Aomame im letzten Teil des Romans zur Geburt des Christus im Herzen - zur geistigen Hochzeit. Selbst der wendige, liebenswert gezeichnete Detektiv Ushikawa, der sich zur Deckung auf seiner Visitenkarte als Generaldirektor der Stiftung zur Förderung der neuen japanischen Wissenschaften und Künste ausgibt, kann daran nichts mehr ändern, es ist auch fraglich, ob er es überhaupt wollte. Er ist den beiden - als Spiegel von uns Lesern - auf den Hals gesetzt. Ushikawa nähert sich so selbst seiner feurigen Taufe. Dass er dazu bereit wäre, könne er seine Selbstbezogenheit nur überwinden, deutet sich dadurch an, dass er weise feststellt, nur die wenigsten Menschen hätten es gelernt zu denken und diese sind es auch nur die zuhören können. Es sind eben solche Gedanken, die ihn mit dem geistigen Dreieck Fukaeri/Tengo/Aomame verbinden. Ushikawa erkennt sich bei seinen Nachforschungen als das Gegenteil von Tengo wie auch als Verwandter. Wie er sind Aomame und Tengo Außenseiter der Gesellschaft die eine schwierige Kindheit durchlebt haben. Auch er sehnt sich wie diese eigentlich nur nach einem Menschen, der ihn bedingungslos akzeptiert und liebt. Der Unterschied zwischen dem ehemaligen Anwalt und seiner Beute wird vielleicht in einer Szene am deutlichsten, in der Ushikawa so sehr mit dem Genießen seines Bades und dem Verfolgen seiner eigenen Gedanken beschäftigt ist, das er die Sinfonietta von Janáček, die gerade im Radio läuft, unbewusst an sich vorbeiziehen lässt. Aber dem bohrenden Blick von Fukaeri kann seine Seele schließlich nicht ausweichen.  

In dem Moment, in dem Tengo von seiner geistigen Partnerin Fukaeri verführt wird - wie er im nach hinein zunehmend realisiert - hat er den perfekten Geschlechtsakt erlebt und überwand damit das Begehren. So kommt es auch dazu, dass er später neben Fukaeri auch noch mit einer anderen jungen Frau in der Stadt der Katzen eine Nacht verbringen wird, in der eine Eule sich in seine bewussten Träume schleichen kann. Diese Sturmnacht verwandelt ihn, da er sich ohne Begehren, aber mit einer Art reinen Zuneigung dieser Frau (Venus) hingeben kann, in einen Adonis; in einen Mann, der eben nicht zum Tarquin wird, weil das göttliche weibliche Prinzip vollständig in ihn integriert wurde. Dieses doppelte Ereignis, welches Shakespeare in seinem Gesamtwerk darstellt, wie Ted Hughes so gut herausarbeiten konnte, ist die grundlegende Herausforderung, vor die jeder Mensch sich gestellt sieht. Im Angesicht der Gottheit der reinen Liebe hat das Ego die Wahl entweder sich auf sich selbst zurückzuziehen und in Folge ein selbstsüchtiges, rationales weltliches Leben zu führen, getrennt von der Fülle des wahren Seins, oder sich vom Ego zu trennen, die Gottheit mit völliger und selbstloser Liebe zu umarmen und sich so vollständig der göttlichen Macht zu übergeben.          

Tengu ist der Begriff für ein japanisches Fabelwesen aus der geistigen Welt, eine Mischung aus Mensch und Vogel oder auch Mensch und Hund. Tengu ist andererseits auch die japanische Version der Hindu Gottheit Garuda.                    

Da der Tengu mit seiner langen Nase in den Träumen von Menschen zu erscheinen pflegt und gleichzeitig als hauptsächliches literarisches Mittel in der Kamakura-Periode bekannt war, um sowohl etablierte wie auch neuartige religiöse Sekten zu kritisieren, ist der leicht verdrehte Name Tengu/Tengo innerhalb des Romans eine Verdrehung und Erweiterung dieser Kritik. Die lange Nase wächst nach der in Japan herrschenden literarischen Tradition den eingebildeten, vorurteilsbeladenen und arroganten Priestern nach deren Tod als äußeres Zeichen ihres korrupten Wesens zu Lebzeiten. In 1Q84 steht die Sekte der Vorreiter stellvertretend für die Wirkungsweisen der Dunkelheit und der allgemeinen Korruption im Land, welche von Tengo und Aomame angegriffen und symbolisch überwunden wird, damit das neue geistige Bewusstsein sich auf unserem Planeten ausbreiten kann. Die geisterhafte Erscheinung des Tengu wird in Japan als ein Vernichter von Eitelkeiten in seiner Verbindung von Mensch (Hund) und geistigem Wesen (Vogel) durchaus zweiseitig beurteilt. Die Ambivalenz des menschlichen Wesens zwischen Tiernatur und spirituellem Dasein wird so mit Tengu angesprochen. Analog dazu ist Garuda in der hinduistischen Mythologie der Hauptgegner von Wesen, die sich nur von Schlangen ernähren. Zudem ist Garuda als geistig-kulturelles Symbol auch ein Vehikel (Vahana) für die Gottheit Vishnu, die wiederum für den Weltlehrer für das jetzt beginnende Zeitalter steht.

Nachdem Tengo durch die feurige Umwandlung seiner Begegnung mit Aomame via Fukaeri hindurchgegangen ist, lebt er wie die beiden weiblichen Teile von sich in einer Welt, in der alles möglich scheint. Er lebt nicht mehr bloß in einem dichten Körper, weil sein ganzes Wesen umgewandelt wurde. Dieser subtile Körper und jene unbegrenzte Welt ist all jenen zugänglich, die alles Grobe hinter sich gelassen haben im Denken. Denn jeder feine Gedanke verbindet einen schon ein Stückchen mehr mit der geistig-feurigen Welt. Durch die Beziehung zu Fukaeri ist Tengo zunehmend in der Lage fein zu denken - und so transformiert er sich und verfeinert seinen Organismus. Aomame wiederum erfährt ihre geistige Umwandlung in dem Moment, in dem der Anführer der Vorreiter sich freiwillig von ihr töten lässt.

Der Detektiv Ushikawa - zunächst ohne Zugang zum Jahr 1Q84 - lernt bei seiner Verfolgung der Liebenden sich selbst erkennen. Sein persönliches Motiv für seine Verfolgung der Liebenden ist eine Art Erpressung vonseiten seiner Auftraggeber. Er weiß zu viel schon über die Vorreiter und er wird durch dieses Mitwissen vorangetrieben. Da sein Motiv und seine Geschichte immer mehr zusammenfallen, wird ihm schließlich sein eigener Charakter durchsichtig. Somit steht Ushikawa genauso für den Leser, wie für die Gesellschaft als Ganze, die ja auch unbewusst geheilt werden will von ihrem gefrorenen Herzen.

Die Essenz der Zen-Lehre, sich vollständig so zu akzeptieren, wie man ist - was gleichzeitig das Schwierigste und Schmerzhafteste ist - bedeutet auch derjenige zu werden, der man ist. Nur wenn man seinen Verblendungen und Illusionen direkt ins Gesicht sehen kann, ist man schließlich in der Lage diese zu überwinden. Ein anderer Ausdruck dafür wäre frei von mimetischer Rivalität zu werden und somit frei von Begehren. Ein Künstler wie Murakami verdichtet unsere mimetischen Impulse als Leser und konfrontiert diese innerhalb einer Handlung, mit den Motiven der von ihm dargestellten Charaktere. Das seltsame titelgebende Jahr außerhalb der Zeit steht für eben den Raum dieser Konfrontation. (Die Zahl 9 wird auf japanisch wie Q ausgesprochen.)

Ushikawa ist zäh, er möchte den Eisklumpen in seiner Brust behalten. Er klammert sich an ihn wie an eine Droge, um überhaupt in seinem bisherigen System weiter funktionieren zu können. Es ist dabei bezeichnend, dass er ein Mann ist, der seine Familie verlassen hat, oder von dieser verlassen wurde. Er ist ein Mann, der eigentlich allen Sinn im Leben bereits verloren hat. Er funktioniert, wie unsere längt abgestorbene Gesellschaft der Gegenwart, nur noch innerhalb einer perversen Logik stumpfsinnig weiter vor sich hin, aufgrund einer Abhängigkeit zwischen sich und einer Illusion.

Der kleine neue Mond, als Zeichen von 1Q84, ist wie der Stern, der schon vor 2000 Jahren die Ankunft des Christkindes andeutete. Und es ist eben dieser kleine Mond mit unregelmäßiger Form, der die Fiktion in der Fiktion mit der Realität schließlich verbindet, oder aussöhnt. Am Ende ist Ushikawa, mit uns allen, mehr auf der Suche nach der Ursache, den Umständen und der Bedeutung dieser Erscheinung, als noch auf der Suche nach irgendetwas anderem.

Doch die eigentliche symbolische Bedeutung des Jahres 1Q84 führt uns noch weiter. Für Tengo ist die Konfrontation mit seinem quasi schon gestorbenen und dann tatsächlich sterbenden Vater, diesem NHK-Gebühreneintreiber-Gespenst in der Stadt der Katzen, eine notwendige Konfrontation mit der Scheinrealität - der konformistischen Maske des etablierten Gesellschaftsgeistes - bevor er zur wahren Realität und seinem wahren Selbst vordringen kann. Denn er erkennt dieses wahre Selbst nur in dem Maße, wie er die Wirkungsweise der Scheinrealität verstehen lernt und sich gleichzeitig damit vom Traumata seines Vaterbildes und dem von diesem auf ihm weitergegebenen Gesellschaftsbild befreien kann. Diesen schwierigen Befreiungsprozess symbolisiert wiederum die Geschichte von der Stadt der Katzen, die Tengo seinem im Koma liegendem Vater vorliest, wobei er feststellen muss, dass er eben hier bei seinem Vater, in diesem Krankenhaus eines kleinen Fischerdorfes, in eben dieser Stadt der Katzen, gelandet ist, einem Ort, der einen versucht zurückzuhalten vom eigenen Weg. Da NHK der japanische Fernsehsender ist, tritt anhand des Motivs der allgemeinen Medienkontrolle – NHK berichtet durchweg Regierungs- und Konzernmafia konform - an dieser Stelle der Roman von Murakami in ein Resonanzfeld mit Orwells 1984, in dem ja ebenfalls eine medien- und gehirngewaschene quasi völlig von Big Brother, den Little People bei Murakami, kontrollierte Gesellschaft porträtiert wird, die, so zeigt 1Q84, eben tatsächlich die Realität unserer Zeit geworden ist.

Kalt oder nicht, Gott ist hier ... denn das Leben ist die einzige Wirklichkeit, und am Ende laufen alle Dinge in Richtung dieser Wirklichkeit zusammen. Wenn wir erkennen, dass es kein Äußeres gibt, wenn dies wirklich von uns erkannt wird, nur dann sind wir in Sicherheit. Es gibt dann nichts mehr zu fürchten. Der Himmel ist nicht ein Ort; er ist ein inneres Bewusstsein, ein inneres Wissen der Wirklichkeit.


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