Mittwoch , 29 Juni 2016
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Kinder in Tokio leiden unter Strahlenerkrankung

tokyo_peopleNach wenigen Wochen glätteten sich die Wogen um die nukleare Katastrophe in Japan. Doch die selten erscheinenden Berichte bringen regelmäßig neue schockierende Fakten zutage. Während zumindest 60.000 Menschen in Tokio gegen ein Fortführen der Gewinnung von Nuklearenergie protestierten, tauchen bei Al-Jazeera Schreckensmeldungen über strahlenkranke Kinder in der japanischen Hauptstadt auf. Viele Familien und schwangere Frauen, die es sich leisten können, haben Tokio schon lange verlassen. Von offizieller Seite wird die Gefahr jedoch noch immer herunter gespielt.

50.000 Teilnehmer wurden am Montag im Meiji-Park in Tokio erwartet, um ihren Protest gegen ein weiteres Betreiben von Atomkraftwerken in Japan auszudrücken. Diese Erwartungen wurden eindeutig übertroffen. Viele der Anwesenden waren aus der Region von Fukushima angereist. Am 11. März, also vor mittlerweile mehr als sechs Monaten, wurde das dortige Atomkraftwerk durch ein überaus heftiges Erdbeben, dem ein katastrophaler Tsunami folgte, schwer beschädigt. Mehr als 100.000 Menschen wurden evakuiert.

Die Distanz zwischen Fukushima und Tokio beträgt rund 230 km. Als wie schwerwiegend lässt sich die Strahlenbelastung in der japanischen Hauptstadt, in der fast neun Millionen Menschen leben, beurteilen?

In einem Bericht beim arabischen Sender Al-Jazeera erklärt Toru Kikuchi, ein Experte, der im Auftrag der Regierung spricht, dass die größte Gefahr in paranoiden Reaktionen der Bevölkerung läge. Die Strahlenwerte halten sich in Grenzen und seien keineswegs gesundheitsgefährdend.

In Deutschland wird eine Belastung von 1 Millisievert pro Jahr als unbedenklich eingestuft. Dieser Grenzwert wurde in Japan, nach dem Reaktorunfall in Fukushima, auf 20 Millisievert pro Jahr angehoben. Allerdings erklärt der Journalist Kota Kenoshita einerseits, dass in manchen Stadteilen Tokios die Strahlung durchaus gefährliche Werte erreicht habe, und, andererseits, jedes strahlende Partikel, auch wenn es noch so klein ist, das vom Körper absorbiert wird, bringt ein erhöhtes Risiko von Folgeerscheinungen mit sich.

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass der in den USA lebende Physiker Michio Kaku erst vor kurzem erklärte, dass sich die Strahlenbelastung, die von Fukushima ausgeht, bereits um den gesamten Erdball verbreitet hat. Auch, so der Physiker, tragen wir alle seit langem Partikel aus Tschernobyl in uns. Dass die ständig ansteigende Zahl von Krebserkrankungen, neben einer enormen Belastung durch chemische Produkte, auch auf die Nuklearverseuchung zurückzuführen ist, findet überraschend selten Erwähnung.

Was in dem Bericht über Tokio allerdings die größte Aufmerksamkeit weckt, ist ein Gespräch mit Yoyoi Iinoma, Mutter der zehnjährigen Hana. Seit Monaten leidet das Mädchen unter Gelenksschmerzen und anhaltender Müdigkeit, Symptome, die zu hoher Wahrscheinlichkeit auf Strahlenerkrankung zurückzuführen sind. Diese Vermutung wird noch dazu durch den Umstand bestätigt, dass sich Hanas Zustand während des Sommerurlaubes, in sicherer Distanz zu Tokio, eindeutig verbessert hatte. Jedoch gleich nach der Rückkehr traten die Symptome umgehend wieder auf. Aus der Hauptstadt wegzuziehen ist der Familie aus finanziellen Gründen nicht möglich.

Al-Jazeera nennt keine Zahlen, wie viele Kinder bereits unter Strahlenerkrankung leiden könnten. Nachdem die Regierung eine Panik unter der Bevölkerung wohl am meisten fürchtet, fehlt es an statistischen Angaben zur Gesamtsituation. Doch selbst von einem einzigen strahlenkranken Kind zu wissen, reicht mit Sicherheit aus, die Situation in der Stadt zu beurteilen. In den meisten Fällen werden sich die Auswirkungen erst in Jahren zeigen.

Nachdem keinerlei öffentliche Mittel als Hilfe zur Verfügung stehen, sind es relativ wenige Familien, die sich einen langfristigen Umzug leisten können. Erwähnt werden bloß einige hundert schwangere Frauen, die sich bereits in Sicherheit gebracht hätten.

Schließen wir die Möglichkeit ein, dass den japanischen Behörden die, durch Strahlenbelastung bedingte, Gefahr für die neun Millionen Einwohner der Stadt Tokio bewusst sein möge, wäre es denkbar, die ganze Stadt zu evakuieren? Alle Fabriken und Unternehmen, die ihren Sitz in und um der Hauptstadt haben, in sicherer Entfernung neu zu errichten? Für neun Millionen Menschen eine neue Heimat zu finden, in einem Land, das ohnehin bereits unter schweren Problemen von Überbevölkerung leidet?

Ich glaube, es ist nicht übertrieben, hier von einer Unmöglichkeit zu sprechen. Was bliebe den Autoritäten also anderes übrig als eine vielleicht herrschende Gefahr herunter zu spielen, das Schicksal der Kinder Tokios zu akzeptieren, die unter erhöhter Strahlenbelastung aufwachsen? Ungeachtet der Ausmaße einer menschlichen Katastrophe, wirtschaftliches Denken und maximale Produktivität zählen zu den Verursachern vieler Probleme. Ohne einer grundlegenden Änderung der Voraussetzungen, kann somit auch keine Lösung solcher Probleme erwartet werden.

Über Konrad Hausener

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