Montag , 23 Oktober 2017
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Angst und Verzweiflung in Fukushima

fukushima_cityMehr als vier Monate ist es her, dass eine verheerende Naturkatastrophe in Japan zu einem folgenschweren Unfall im Atomkraftwerk von Fukushima führte. Obwohl die Techniker noch immer fieberhaft gegen die Kernschmelze ankämpfen, wird die Weltöffentlichkeit immer seltener an die vermutlich größte Atomkatastrophe aller Zeiten erinnert. Erhöhte Strahlenwerte wurden nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa gemessen. Wie hoch könnte die Verstrahlung nun tatsächlich im Nahbereich des Kernkraftwerkes sein? Die Menschen in Fukushima leben in Angst. Die Vertreter der Regierung zeigen nichts als Überheblichkeit.

Gelegentlich werden wir mit Zahlen gefüttert, Millisievert, Mikrosievert, pro Stunde, pro Tag, pro Jahr, mit denen die meisten von uns relativ wenig anzufangen wissen. Unterschiedliche Strahlungskomponenten, verschiedene Halbwertszeiten, dann gibt es noch die sogenannten „Hot Particles“, die sich jeder Messung entziehen, sich aber trotzdem in den Lungen der Menschen festsetzen. Strahlung ist heimtückisch, geruchlos, farblos. Sie bleibt den Sinnen verborgen. Die Auswirkungen auf die Gesundheit zeichnen sich langsam ab, schleichend, meist erst Jahre nach der Konfrontation.

Folgender Satz findet sich bei Wikipedia im Unterkapitel über die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986:

Laut WHO und IAEA (2006) starben knapp 50 Menschen an der Strahlenkrankheit. In den drei am stärksten betroffenen Ländern sei aufgrund der erhöhten Strahlenexposition mit etwa 9000 zusätzlichen tödlichen Krebs- und Leukämieerkrankungen zu rechnen.

Die Autoren Alexey V. Yablokov, Vassily B. Nesterenko und Alexey V. Nesterenko studierten 5.000 wissenschaftliche Artikel und 30.000 Zeitungsberichte, die meisten davon in slawischen Sprachen. Auf ihren Erkenntnissen basierend, veröffentlichten sie 2007 ein Buch mit dem Titel „Tschernobyl: Die Konsequenzen der Katastrophe für Mensch und Umwelt!“ Im Januar 2010 erschien dieses 400 Seiten umfassende Werk auf Englisch im Wiley-Blackwell-Verlag, basierend auf der Übersetzung durch die New Yorker Akademie der Wissenschaften. Dieser Studie zufolge, beträgt die Zahl der Todesopfer, die direkt und vor allem indirekt auf den Reaktorunfall von Tschernobyl zurückzuführen sind, bis zu einer Million. (Ursprünglicher Artikel vom 25. März)

Jetzt gibt es wiederum „Experten“, die das Ergebnis dieser Recherchen ins Lächerliche ziehen, als Wichtigtuerei abtun. Wer hat mehr Grund zu lügen? Die Atomlobby und ihre Sprachrohre oder Menschen, die vor den Gefahren der Atomkraft warnen? Sollten beide Seiten übertreiben, dann ist es schockierend genug, die Wahrheit in der Mitte der beiden Extreme zu suchen.

Was nun Fukushima betrifft, so findet sich in der englischen Ausgabe von Wikipedia folgender Satz:

Der Fukushima-Unfall hatte zur Folge, dass Spurenmengen von Verstrahlung, Iodine-131 und Cäsium-134/137, rund um die Welt gemessen wurden (New York, Alaska, Hawaii, Oregon, Kalifornien, Montreal und Österreich).

Wenn Spuren bis nach Österreich und somit mit Sicherheit auch in andere europäische Länder gelangten, wie schlimm muss die Situation in Fukushima City sein, einer Stadt mit 290.000 Einwohnern, die nicht mehr als 60 km von den Reaktoren entfernt liegt? Evakuiert wurde bloß in einem Umkreis von rund 20 bis 25 km.

Am 19. Juli wurden Vertreter der japanischen Regierung (Nuclear Emergency Response Headquarters) mit Fragen einer mehr als nur verunsicherten Bevölkerung von Fukushima konfrontiert. Die am Ende eingesetzte Aufzeichnung, japanisch mit englischen Untertiteln, zeigt eine Atmosphäre von Angst und von Verzweiflung.

„So wie andere Leute, haben auch die Menschen von Fukushima ein Recht darauf, es zu vermeiden, der Strahlung ausgesetzt zu sein. Denken Sie nicht so?“, stellte einer der Anwesenden seine Frage. Die Antwort:

„Die Regierung hat sich bemüht, die Strahlenbelastung so weit sie konnte zu reduzieren!“

Ein Raunen ist aus den Reihen der Bürger zu vernehmen. „Sie haben die Frage nicht beantwortet. Haben die Menschen ein Recht auf ein gesundes Leben oder nicht?“

Die, nach einigem Überlegen gegebene Antwort, führt zu noch lauteren Unmutsäußerungen:

„Ich weiß nicht, ob sie dieses Recht haben!“

Die Stimmen werden heftiger:

„Und wie ist es mit Ihnen? Haben Sie auch kein Recht auf ein gesundes Leben? Antworten Sie mir! Denken Sie, dass die Bürger von Fukushima keine Menschenrechte verdienen? Vertreten Sie die Meinung, dass es unterschiedliche Standards für die Strahlenbelastung zwischen Fukushima und anderen Präfekturen gibt?“

Und wieder folgen ausweichende Worte von Akira Satoh:

„Was ich sage ist, dass die Regierung sich bemüht hat, die Strahlendosis, so weit sie konnte, zu senken!“

„Sie haben die Frage noch immer nicht beantwortet!“, erklingt die erregte Stimme eines Bürgers. „Wendet die Regierung unterschiedliche Standards für die Bewohner von Fukushima an?“

Akira Satho:

„Ich habe alles gesagt, was ich zu sagen haben!“

Die Besucher des Saales wollen wissen, warum sie nicht evakuiert wurden. Satho informiert sie, dass es ihnen frei stünde, auf eigene Kosten und eigenes Risiko die Stadt zu verlassen.

Es folgt ein Satz nach dem anderen. Selbst in der kommunistischen Sowjetunion hätte die Regierung mehr für die Bürger von Tschernobyl getan. Japan, als freies Land, sei dazu nicht fähig? Innerhalb von zwei Wochen seien damals, in Tschernobyl, 240.000 Kinder evakuiert worden. Warum geschieht nichts in Japan? Warum überlässt man hier die Menschen ihrem Schicksal?

Die Regierungsvertreter werden aufgefordert, doch zumindest den Urin ihrer Kinder zu testen. Sie erheben sich, verlassen den Saal. Die aufgebrachte Menge läuft ihnen nach. Vorwürfe werden wiederholt. Aus den Stimmen klingt Hoffnungslosigkeit. Es bleibt zwecklos.

Japan zählt zu den am dichtesten besiedelten Länden der Welt. In Fukushima City leben 290.000 Menschen. Wie viele sind es im weiteren Umfeld. Eine halbe Million? Ein ganze? Oder noch mehr? Wohin sollten die Menschen gebracht werden? Wo gäbe es genügend Platz, ihnen eine neue Zukunft zu bieten?

Ist es verständlich, dass eine Umsiedlung so vieler Menschen die Möglichkeiten der japanischen Regierung übersteigt? Ist es verständlich, dass auch dem Betreiber des AKWs, TEPCO, die Mittel dafür nicht zur Verfügung stehen? Die Folgen der Verstrahlung werden ihre Auswirkungen langsam zeigen. Es wird Jahre dauern.

Natürlich haben auch wir keine Möglichkeiten, diesen Menschen zu helfen. Wir können bloß mit ihnen mitfühlen. Und wir dürfen uns bewusst sein, dass Japan ein moderner Industriestaat ist – mit einer demokratisch gewählten Regierung, mit freier Presse, mit Menschenrechten. Und wir dürfen darüber nachzudenken beginnen, welchen Stellenwert der Mensch in diesem, in so einem System genießt. Der Ruf nach Verbesserung der Volksgesundheit verklingt, sobald die Kosten dafür zu hoch wären. Selbst wenn es sich um die verheerenden Folgen einer Atomseuche handelt.

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