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MCS: Krank durch die Umwelt – von Behörden im Stich gelassen

Zahlreiche Gesundheitsstörungen werden in unserem hochtechnisierten Zeitalter durch Umweltfaktoren ausgelöst und ebenso verstärkt, beispielsweise durch die zunehmende Luftverschmutzung wie auch durch mangelnden Arbeitsschutz, belastetes Trinkwasser, mit Pestiziden und Hormonen belastete Nahrungsmittel, Wohnraum- und / oder Umweltgifte, Schimmel sowie Chemikalien-belastete Konsumgüter. Kritische TV-Magazine und Umweltorganisationen berichten immer wieder über Schadstoffquellen im Alltag. Doch nach wie vor gelangen unzählige Produkte in den Handel, zumeist durch Importe aus Fernost, die mit in Europa längst verbotenen Chemikalien kontaminiert sind und hierzulande überhaupt nicht verkauft werden dürften. Stichproben reichen bei weitem nicht aus, um greifenden Verbraucherschutz zu gewährleisten.

Umwelteinflüsse bei Diagnosestellung mit einbeziehen

chemielaborantin_1Unzureichender Verbraucher- und Gesundheitsschutz, mangelnder Arbeitsschutz und fehlendes Bewusstsein für eine schadstoffarme Umgebung, ökologisches Bauen und Wohnen sowie für gesunde unbelastete Nahrungsmittel und Konsumgüter seitens Behörden, Politik und Verbraucher, sind fortwährender Nährboden für folgenschwere und oftmals irreparable Gesundheitsschäden. Adäquate Hilfe für die Betroffenen ist keine Selbstverständlichkeit, stattdessen lässt man sie vielfach im Regen stehen.

Die Einbeziehung von Umweltfaktoren als mögliche Krankheitsursache ist bei der Diagnosestellung hierzulande keine gängige Praxis, denn der Bereich der Umweltmedizin fristet im deutschen Gesundheitswesen nach wie vor ein Schattendasein. Hingegen werden durch die Umwelt ausgelöste Gesundheitsstörungen von Behörden, Berufsgenossenschaften sowie Rentenversicherungsträgern gerne bagatellisiert, als irrelevant bzw. nicht existent abgetan und die Beschwerden der Patienten gerne pauschal psychogenem Ursprung angelastet. Diese systematische Vernachlässigung umweltrelevanter Aspekte kommt zahlreichen Interessengruppen mehr als gelegen. Dass Umweltfaktoren zunehmend immense Auswirkungen auf die Gesundheit nehmen und zugleich vielfach gesundheitliche Langzeitschäden bewirken können, lässt sich jedoch immer schwieriger unter den Teppich kehren. Zahlreiche Forschungsergebnisse wie auch die besorgniserregende tendenzielle Zunahme an umweltbedingten Erkrankungen wie Krebs, Allergien, ADHS, chronischen Atemwegserkrankungen, Asthma, COPD, Parkinson, Neurodermitis und Multipler Chemikalien Sensitivität, kurz MCS genannt, unterstreichen die Brisanz der stattfindenden Negativentwicklung.

Ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen, wie bei dem zu den größten Umweltskandalen Deutschlands zählenden PCB-Skandal der Firma „Envio“, wird vertuscht und man lässt die Betroffenen im Regen stehen.

MCS hat viele Gesichter – kein Krankheitsbild gleicht dem anderen

Bei Patienten die an MCS – Multipler Chemikalien Sensitivität erkrankt sind, führen geringste Schadstoffkonzentrationen in ihrem Umfeld zu starken Überempfindlichkeitsreaktionen. Die körperlich bedingte Umwelterkrankung kann durch eine anhaltende schleichende Schadstoffbelastung über einen längeren Zeitraum hinweg, ebenso auch durch eine einmalig hohe Exposition ausgelöst werden. Zu den häufigsten Krankheitsursachen zählen Belastungen durch Formaldehyd, Pestizide, Lösungsmittel wie auch durch Schimmel. Kein Krankheitsbild gleicht dem anderen, die Symptome sind vielfältig und können die unterschiedlichsten Organsysteme betreffen, was nicht selten dazu führt, dass die Betroffenen eine jahrelange, mitunter sogar eine jahrzehntelange Ärzteodyssee durchleben, bis sie eine kompetente Diagnosestellung für ihre schwerwiegenden Gesundheitsstörungen erhalten. Zu den häufigsten Beschwerden zählen starke Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, körperliche Erschöpfung, Schwindel, Herzrhythmusstörungen, Muskel- und Gelenkschmerzen, metallischer Geschmack, starkes Durstgefühl, Magen- und Darmbeschwerden, brennende Augen, Sehstörungen und Ohrgeräusche. In schwerwiegenden Fällen kann es sogar zu Bewusstseinsverlust und anaphylaktischen Schockzuständen kommen.

Fehldiagnosen verschlechtern Gesundheitszustand – belasten Sozialkassen unnötig

In Bezug auf Umwelterkrankungen herrscht im deutschen Gesundheitswesen weiterhin ein Informationsdefizit bzw. die Einbeziehung von Umwelteinflüssen als mögliche Krankheitsursache stellt für viele Mediziner neues Territorium dar. Fehldiagnosen sind somit keine Seltenheit, mit fatalen Folgen für die Betroffenen. Infolgedessen verrinnt oftmals kostbare Zeit, wodurch vielen Patienten eine unaufhaltsame Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes widerfährt. Denn durch Meidung der Auslöser sowie durch eine an das Krankheitsbild individuell angepasste Umstellung der Lebensgewohnheiten und Sanierung des Wohnumfeldes, können sich die Beschwerden in der Anfangsphase der Krankheitsentwicklung oftmals wieder weitestgehend zurückbilden. Somit können die Umweltpatienten zum Teil sogar im Erwerbsleben integriert bleiben und ein halbwegs „normales“ Leben führen. Ist die Erkrankung jedoch schon weiter fortgeschritten, ist diese Option in den meisten Fällen vertan, die Beschwerden haben sich zwischenzeitlich chronifiziert. Krankheitsbedingt sind für die Mehrheit der Betroffenen gravierende Veränderungen ihrer finanziellen, sozialen und persönlichen Lebensumstände unaufhaltsam. In vielen Fällen führt die weitere Krankheitsentwicklung zum Verlust des Arbeitsplatzes bis hin zur vollen Erwerbsunfähigkeit.

Durch Duftstoffe ins soziale Abseits gedrängt

Erschwerend kommt hinzu, dass Chemikaliensensible allgemein an einer signifikant ausgeprägten Geruchsüberempfindlichkeit auf Duftstoffe leiden und ebenfalls auf die Duftstoffe ihrer Mitmenschen reagieren. Dies engt die Umweltkranken in ihrem Aktionsradius zusätzlich erheblich ein und bringt weitere gravierende Einschnitte in ihre Lebenssituation mit sich, da Duftstoffe heutzutage fast allgegenwärtig sind. Infolgedessen ist der völlige Verlust der sozialen Integrität zumeist vorprogrammiert.

Der kontinuierlich wachsende Konsum bedufteter Produkte wie beispielsweise von Parfüms und parfümierter Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmittel, Weichspüler, Duftkerzen, Raum- und Polstersprays etc. wie auch der zunehmende Einsatz von Duftmarketing in Kaufhäusern sowie in Krankenhäusern und Arztpraxen, beschert den Duftstoffproduzenten seit einigen Jahren traumhafte Umsätze. Der resultierende Negativeffekt dieses wirtschaftlichen Erfolges lässt sich an der steigenden Zahl an Hilfesuchenden in den Toxischen Instituten sowie bei praktizierenden Umweltmedizinern ableiten. Denn der Mehrheit der Verbraucher ist sich dessen nicht bewusst, dass Duftstoffe letztendlich toxisch wirkende Chemikalien sind, die die eigene, wie auch die Gesundheit ihrer Mitmenschen nachhaltig schädigen können. Von daher ist ein kritischer und zurückhaltender Umgang damit, mehr als anzuraten.

Wegsehen schafft neue Probleme

Durch Augenverschließen und Ignorieren bestehender negativer Begebenheiten bezüglich Umwelt und Gesundheit verschwinden die Probleme bekanntlich nicht, sondern es entstehen unweigerlich neue. Statt auf Grund wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse dringend notwendige Veränderungen herbeizuführen und die Kuh wohlweißlich beim Namen zu nennen, führt die praktizierte Passivität der Verantwortlichen und das zum Wohle der Wirtschaft beständige großzügige Geschenke verteilen zwangsläufig dazu, dass man unzählige Menschen weiterhin sozusagen ins offene Messer laufenlässt und aufgrund dessen mit einer weiter ansteigenden Zahl an Umweltkranken und Chemikaliengeschädigten, wie bspw. MCS-Patienten zu rechnen ist.

Insofern besteht seitens der Regierenden, Behörden und weiteren Verantwortlichen akuter Handlungsbedarf, umfassende Aktivitäten zu bewerkstelligen, um endlich adäquaten Gesundheits- und Verbraucherschutz zu gewährleisten, damit die jedem deutschen Bürger per Gesetz zugestandene und im Grundgesetz verankerte körperliche Unversehrtheit, auch tatsächlich gegeben ist und nicht als nichtssagende Phrase zu interpretieren gilt.

Über Maria Herzger