Montag , 26 September 2016
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Überschwemmt der Plastikmüll die Erde? – Haben wir aus „Plastic Planet“ nichts gelernt?

Immer wieder schockieren uns Bilder von toten Fischen und Seevögeln, die in den Weltmeeren schwimmenden Kunststoff mit Nahrung verwechselt haben. Auf die vielfältigen Gefahren, die von Plastikverpackungen und -flaschen ausgehen, wies der österreichische Filmemacher Werner Boote bereits in seinem 2009 gedrehten Dokumentarfilm „Plastic Planet – Wir Kinder des Plastikzeitalters“ hin.

Typisch waren die nichtssagenden Antworten des Präsidenten von „Plastic Europa“ – dabei hatte der erste Mann der Dachorganisation der europäischen Kunststofferzeuger den Regisseur geschlagene 18 Monate auf ein Interview warten lassen. Die Ironie an der Geschichte: Bootes Großvater war in den 1960er-Jahren eine Führungskraft in den deutschen „Interplastik“-Werken. Der Enkel sorgte mit seinem mehrfach preisgekrönten Film dafür, das öffentliche Bewusstsein für die Brisanz der Plastiküberflutung unserer Erde zu schärfen.

Auch wir Menschen vergiften uns mit Plastik

New York verbietet künftig Peeling-Produkte mit Microperlen aus Plastik. Ein kleiner Schritt, aber immerhin eine Maßnahme. Durch die Luft und über die Haut gelangt mehr und mehr Plastik in den menschlichen Körper, belegen Studien. Am meisten Gift nehmen wir über die Nahrung auf, und Wissenschaftler führen Krebs, Adipositas und Unfruchtbarkeit auch darauf zurück. Rund 80 Prozent aller Lebensmittel, die in unseren Supermärkten verkauft werden, kommen in irgendeiner Form mit Plastik in Berührung: Wir leben seit gut 60 Jahren auf dem „Plastic Planet“, denn sogar Salat wird „hygienisch“ in Plastik gewickelt und Käse in beschichtetem Papier über den Tresen gereicht.

Kunststoffe werden von der Industrie für Joghurtbecher und PET-Flaschen sehr geschätzt. Denn das leichte und stabile Material lässt sich vielfältig einsetzen und bereits bei niedriger Temperatur formen. Verpackungen aus Plastik können sehr preiswert hergestellt werden. Die weltweite Produktion beläuft sich auf 280 Millionen Tonnen Plastik, 19,5 Millionen sind es allein hierzulande. Die Müllberge wachsen, und in den Meeren schwimmt zehnmal soviel Plastik als Plankton. In unseren Blutbahnen und in unserem Urin ist ebenfalls Plastik unterwegs. Angeblich sind mehr als 90 Prozent der Bevölkerung in den Industriestaaten inzwischen mit BPA (Bisphenol A) belastet. Das synthetische Hormon BPA gilt deshalb als besonders gefährlich, weil es eine östrogene Wirkung besitzt, die zu Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf- Beschwerden und Diabetes führen kann.

Für die Herstellung von Hartplastik ist BPA unverzichtbar. Es kommt als weltweit meistproduzierte Chemikalie in vielen Produkten vor, die wir im Alltag benutzen:

  • CDs, Konservendosen, Armaturen, Spielzeug und selbst das Thermopapier, das für Kassenbons und Tickets benutzt wird.

Da BPA sehr gut fettlöslich ist, gelangt es über die Nahrung in unseren Körper, wird aber auch über die Haut, die Atmung oder die Mundschleimhaut aufgenommen. Denn BPA steckt ebenfalls in vielen Kosmetika und Körperpflegemitteln.

Plastikmüll
Bildquellenangabe: ©Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM) / pixelio.de

Wie gleichgültig sind wir gegenüber der Plastikgefahr?

Menschen, wie Werner Boote rütteln uns zwar immer wieder auf – doch lange scheint die eindringliche Warnung nicht vorzuhalten. In zehnjähriger Recherchearbeit in Deutschland, Österreich und Italien, aber auch in China, Japan und Indien sammelt der Regisseur etwa 700 unabhängige Studien. Sie alle zeigen die Gefahren und die Schädlichkeit von Plastik. Zehn Studien beweisen das Gegenteil – sie wurden von der Industrie in Auftrag gegeben. Bootes Filmcrew unterzog sich einem Bluttest: Bei jedem Mitarbeiter fanden sich im Blutplasma neben BPA auch andere Plastik-Substanzen wie Weichmacher und Flammschutzmittel.
Dennoch scheint es unmöglich, Plastik komplett zu meiden. Mit der Menge der Kunststoffe, die im Laufe von 100 Jahren hergestellt wurde, könnte der Erdball insgesamt sechsmal eingepackt werden. Vor 40 Jahren wurden in Europa rund fünf Millionen Plastik pro Jahr produziert, heute sind es 60 Millionen. Die Kunststoffindustrie bringt es auf einen Jahresumsatz von 800 Milliarden Euro. Und mehr als eine Million Menschen arbeiten in Europa in der Plastikindustrie. Kein Industriezweig kann heute mehr auf Kunststoff verzichten. Alle dies Fakten hat der Film „Plastic Planet“ dokumentiert.

Plastik Welt
Bild: ©EdinburghGreens / Flickr.com

Die Verharmlosung von BPA geht weiter

Erfahrene Toxikologen an der Berliner Charité warnen vor allem vor der Gefahr von BPA für Schwangere, Babys und Kleinkinder. Das BdR (Bundesinstitut für Risikobewertung) in Berlin hingegen verneint gesundheitliche Gefährdungen durch Babynahrung aus Polycarbonatfläschchen und beruft sich ebenfalls auf von Forschern verfasste Studien. Die Efsa (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) sowie die US-Lebensmittelsicherheitsbehörde FDA sind sich einig in ihrer Bewertung, dass Bisphenol A zu den hormonähnlich wirkenden Substanzen gehört und eine geringe akute Giftigkeit besitzt. Es gäbe jedoch keine Hinweise, dass BPA Krebs auslösen könne.

Konsumenten haben keine Chance zu überprüfen, wer Recht hat. Auch Werner Boote scheiterte daran, „die Erzeugung von Plastik vom Erdöl bis zum fertigen Produkt lückenlos zu dokumentieren“, gab er zu.

Global herrscht Konsens darüber, dass chemische Zusammensetzungen als Firmengeheimnisse gelten.

Plastik ist auch eine ökologische Gefahr

Neben den möglichen gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen beleuchtet der Film „Plastic Planet“ auch die massiven ökologischen Folgen der Massenproduktion von Plastik. Bereits vor 20 Jahren wurde der „Great Pacific Garbage Patch“ entdeckt, ein riesiger Müllstrudel, der 1.600 Kilometer vor der kalifornischen Küste im Pazifik treibt. Er soll mittlerweile einen Umfang von 700.000 Quadratkilometern haben. Gigantische Flächen von Plastikmüll wurden auch im Nordatlantik gesichtet. Noch vor zehn Jahren bestand ein Verhältnis von sechs zu eins zwischen Plastik und Plankton in den Meeren. Heute gibt es mehr als die zehnfache Menge von Plastik.

Wir werden Plastik aus unserem Leben nicht komplett tilgen können, das wissen auch Aufrüttler wie Werner Boote. Aber wenn wir Bio-Gemüse in der Plastiktüte nach Hause trafen, erscheint das doch recht paradox. Jeder kann für sich selbst sein Konsumverhalten überprüfen und seine Entscheidungen treffen. Dem Regisseur von „Plastic Planet“ kam es vor allem darauf an, die Menschen aus ihrer Passivität zu reißen und zum Handeln aufzurufen.

Das könnte beispielsweise so aussehen, dass sich mündige Verbraucher gegen Plastikverpackungen wehren, aus denen nicht hervorgeht, dass die darin enthaltenen Schadstoffe auf die Lebensmittel übergehen könnten. Laut EU-Recht muss jeder Händler darüber Auskunft geben, was in den von ihm angebotenen Produkten enthalten ist Auch Nachfragen direkt beim Hersteller zeigen, dass sich die Konsumenten der Gefahren zunehmend bewusst sind. Firmen, die entsprechende Informationen verweigern, verstoßen gegen geltendes Recht und können bestraft werden.

Plastik Ozean
Bild: ©Kevin Krejci / Flickr.com

Eindringliche Botschaften weiter ignorieren?

Letztendlich entscheidet jeder selbst, wie viel Plastik er in sein Leben lässt. „Plastic Planet“ rüttelt mit Witz auf. Als Zuschauer erhält man nicht den Eindruck, mit Propaganda zugemüllt zu werden. Stattdessen punktet Werner Boote mit umfassenden Fakten. Es gelingt ihm, diese charmant zu verpacken, was angesichts des alarmierenden Themas eine hohe Kunst ist. Nicht jeder Dokumentarfilmer, der Missstände anprangert, hat die Gabe, Emotionen zu wecken, aber immer die Fakten für sich sprechen zu lassen. „Plastic Planet“ beruht auf weltweiter Recherche. Anerkannte Wissenschaftler kommen zu Wort, darunter die Genforscherin Patricia Hunt sowie der Zellbiophysiker Sott Belcher. Dieser hat nachgewiesen, dass bereits Kleinstdosierungen von BPA die Entwicklung des Gehirns beeinflussen können.

Über Peggy

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