R³ - Es bleibt schwierig, dabei könnt‘s so einfach sein
Früher hat der Huber-Bauer den Toni gefragt, ob er ihm denn in diesem Winter das Holz machen könne. Dafür würde der Toni auch eine Kuh bekommen. Dann hat der Toni kurz nachgedacht, hat sich mit dem Huber-Bauer darüber gestritten, ob so viel Holz denn nicht eher eine Kuh und ein Schwein wert seien, dann haben sie sich auf eine Kuh und ein Kalb geeinigt. Und irgendwann, so im Februar, hat der Toni dem Huber-Bauer reichlich Holz geliefert und ist mit der Kuh und dem Kalb in einem Strick nach Hause gegangen. Fertig war der Business-Case. Das ist der denglische oder auch globische Ausdruck für ein Geschäft. Klingt etwas teurer, ist aber tatsächlich das gleiche.
Heute geht das nicht mehr. Heute ist alles viel komplizierter, oder sogar komplex. Selbst Haarshampoo hat heutzutage einen Komplex. Zum Beispiel einen Vitamin-B-Komplex. Warum heute alles viel komplizierter ist, weiß niemand so genau. Das ist eine Religion. Und dass es eine Religion ist, merkt man daran, dass man kurz vor der Kreuzigung ist, wenn man etwas anderes behauptet. Eine andere Religion ist der Glaube, dass die Steuern zu hoch seien. Niemand weiß wie hoch sie eigentlich sind, und wie niedrig sie sein müssten damit sie nicht mehr zu hoch sind, aber, so sagen die Gläubigen eben ihren Glaubenssatz auf, mehrmals täglich – die Steuern sind zu hoch.
Doch kommen wir zurück zum Huber-Bauer und zum Toni. Heutzutage ist man zertifiziert, wenn man etwas auf sich hält. Das bedeutet, dass man viel Zeug, welches man eigentlich nicht versteht, auswendig gelernt und dann einen Multiple-Choice Test bestanden hat. Das hat mit dem wahren Leben überhaupt nichts zu tun, ist aber ziemlich teuer und wenn sich zwei treffen die das gleiche Zertifikat haben, ist das so ähnlich, wie wenn sie im gleichen Kindergarten waren. Man freut sich halt, auch wenn man nicht so genau weiß über was.
Wenn jetzt also der zertifizierte Huber-Bauer den ebenfalls zertifizierten Toni trifft und Holz haben will, muss der Toni erst einmal nachschauen, ob er diesen Service (das hieß früher Holz hacken) auch in seinem Service-Catalogue hat. Im Service-Catalogue steht was der Toni alles schaffen muss. Und den Service-Catalogue hat sein Service-Catalogue-Manager aufgeschrieben. Das ist im Allgemeinen die Gattin. Der Service-Catalogue Manager hat sich dann mit dem Service-Level-Manager zusammengesetzt und ausgewürfelt, was die Services (wir erinnern uns: das Holzhacken) kosten. Vorher hat der Service-Level-Manager natürlich wiederrum mit dem Business (das ist der Huber-Bauer, auch wenn er das gar nicht weiß) in einer moderierten Besprechung festgelegt, welche Services der Huber-Bauer denn nutzen will. Die haben sogar die Services festgelegt, die der Huber-Bauer in Zukunft nutzen will. Die stehen dann in der Service-Pipeline. Wenn zum Beispiel der Huber-Bauer dann in 30 Jahren in die Grube fährt, gibt es schon einen bepreisten Service fürs Sarg-machen. Mit allen Nebenbedingungen wie Holzsorte, Länge, Breite, Höhe, Innenausstattung, Lackierung und Elektronik. Und jetzt wissen wir auch woher die Autoindustrie ihre Ausstattungskataloge hat. Richtig, vom Service-Manager vom Toni.
Wenn die vorgenannten Kleinigkeiten dann alle geregelt sind, meistens in Form von elektronischen Dateien mit ca. 4.035 Dokumenten und 36 Gigabyte Speicherplatz, muss der Service-Level-Manager nur noch mit den Unterfunktionen die OLA´s besprechen. Das sind die Organisation-Level-Agreements, in denen festgelegt wird, wie der Schmied zu arbeiten hat, damit der Toni ein scharfes Beil bekommt. Und wie der Wagner termingerecht zu liefern hat, damit der Holztransport-Wagen die richtigen Räder bekommt. Und wie der Pferdezüchter zu züchten hat, damit im Winter auch ausgebildete Holz-Rück-Pferde zur Verfügung stehen. Dafür muss man so ca. 2-3 Jahre Verhandlungen ansetzen, denn es muss schließlich alles bis ins kleinste schriftlich festgehalten werden.
In diesen 2-3 Jahren wird das kleine Dorf, in dem der Huber-Bauer und Toni leben, einen unglaublichen Aufschwung erfahren. Auf jeden der tatsächlich etwas schafft, werden mindestens zehn Manager kommen. Der Kommunikations-Manager, der Security-Manager, der Operations-Manager, der Design-Manager, der Financial-Manager, der Demand-Manager, der Strategy-Manager und noch viele mehr. Die sind nicht unnütz, so kann man das nicht sagen, die müssen die ganzen Dokumente erstellen und lesen, die jetzt auf einmal überlebenswichtig sind, damit der Toni ordentlich Holz hacken kann.
Nach 2-3 Jahren wird dem Huber-Bauer dann aber langsam das Holz ausgehen. Da der Toni jetzt aber täglich 8-10 Stunden in Service-Design und Service-Strategie-Besprechungen ist, hat der Huber-Bauer leider kein Holz mehr. Das lässt er sich dann halt aus Chile kommen. Was heute recht einfach ist, dazu gibt es ebay und Internet. Und nur mit solchen einfachen Hilfsmitteln können wir die moderne und komplexe Welt beherrschbar machen. Tatsächlich soll sie sogar noch komplexer werden, habe ich gehört. Aber ich glaube dann gehe ich mit dem Toni einfach auf ein Glas Bier in die Dorfkneipe und dann gehen wir halt zusammen im Winter wie früher Holz machen. So mehr als Event getarnt und ohne Manager.
Ein Beitrag aus der Reihe R³ - Rottlers Rigoroses Review.




