Mut für eine Zukunft! Oder eben eine andere
Egal ob Treppe oder Lift, oben ist oben und unten ist unten. Es ist schon merkwürdig, dass Zukunftssichtung so unterschiedlich ausfallen kann. Prof. Dr. Holger Rust, Key-Note-Speaker der CC Science 2010*, formuliert dies so: „Wir brauchen Träume und Visionen, wir brauchen Genie und Wahnsinn! Und etwas, das die Konvention eines Tages aus den Angeln hebt. Wir brauchen Zukünfte!“ und „Zukunft… braucht Menschen, die darauf brennen etwas zu verändern, zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen.“**
Ein gangbarer Weg ist wahrscheinlich eher der Wahnsinn ohne Verantwortung. Nach so einem Brennvorgang steht man dann ganz anders da, falls überhaupt noch gestanden wird.
Einesteils sind solche Zukunftsversionen von einer so mutigen Auslegung der Potentiale geprägt, denen die Entwicklungen dann zaghaft hinterherhinken, dass man von der tatsächlichen Realisierung schon wieder überrascht wird. (Wirtschaftswoche, 26/2010, s. 66)
Andererseits wird eine klarsichtige Auslegung von Offensichtlichkeiten oft absichtsvoll unterlassen. Das „Gedöhns“ sollen andere machen. Da passt es doch ins Bild, wenn der Harvard Business Manager heute feststellt: „Imitationen sind wertvoller als Innovationen“, „97,8 % der mit Innovationen erzielten Wertschöpfung ging an Imitatoren“ (S. 22ff) und nur Nachahmer blieben im Gedächtnis. Das ist Quatsch, in Wahrheit sorgen immer nur die Überlebenden für nachhaltiges Erinnern, oder ist schon mal jemand dem Teufel begegnet, an den wir uns alle erinnern? Aber das mit den Nachahmern stimmt, wie kürzlich die Finanzkrise gezeigt hat.
Zwei grundlegende Phänomene werden heute jedenfalls diskutiert, die beide als Soll und Muss für einen Erfolg definiert werden, deren Ergebnisse aber absichtsvoll mit dem Notwendigkeitsimperativ übertüncht werden. Die Farbe wird von allein abblättern und dann ist man schon weg:
- Personalmanagement
- Social-Relationship-Strategien
Einig ist man sich: Zukünftige Erfolge werden heute erspart. Jeden Tag neu. Nur heute noch nicht. Aber schauen wir uns diese Dinge mal genauer an:
Ein Unternehmen verzichtet auf das Risiko, dass immer die falschen Mitarbeiter befördert werden oder das Unternehmen verlassen. Momentan sind wir in einer Übergangszeit, aber es ist zumindest denkbar, dass die Unternehmen weitestgehend überhaupt auf einen festen und wenig flexiblen Personalstamm verzichten.
Es erfolgt eine Orientierung auf den wechselnden Arbeits- und Wissensbedarf. Just in time. Bezahlt wird benötigte und geleistete Arbeit, nicht die Vorhaltung von Möglichkeiten. Die Rekrutierung der Eventualmitarbeiter erfolgt über eine Zertifizierung.
Wer bereit ist, in einem Unternehmen zu arbeiten, scheut auch die kostenpflichtige Zertifizierung seiner Leistungsfähigkeit nicht. Mit der befristet erteilten Berechtigung, hat er das Recht an allen Projekten und Maßnahmen mitzuarbeiten, die seinem Level entsprechen. Einer gesonderten Bewerbung oder vertraglichen Regelung bedarf es nicht. Er meldet sich nur an, sofern es freien Bedarf gibt. Täglich neu stellt das Unternehmen seinen Arbeitsbedarf öffentlich. Wer heute nicht zum Zuge kommt, versucht es morgen neu. Ein Unternehmensdispachter regelt mit dem Zuschlag und über Angebot und Nachfrage das Tagesentgelt oder kontrolliert „schwarze Listen“. Logisch, dass kurz vor Start der Arbeitsmaßnahmen einerseits weniger freie Plätze vorhanden sind und andererseits unbesetzte Stellen durch geänderte Entgelte beworben werden. Jederzeit kann eine Zertifizierung ablaufen oder ein höheres Level nachgewiesen werden. Motivation, Engagement, Fortbildungswillen stellen sich binnen kürzester Zeit ein. Fehlbesetzungen kann es nicht geben. Ungerechte Bezahlung auch nicht. Bedenkt man zudem das Potential von online-Arbeitsplätzen könnte dies der Endpunkt der Effizienz sein.
Nichts ist wichtiger als eine gute Kundenbindung, Markenpflege und Trendforschung. Social Communities ermöglichen „just in time“ und höchste Effizienz. Die MIGROS in der Schweiz startet den Großversuch mit OnlineWarenhäusern. Man kann digital durch die Regale schlendern, als sei man in seiner Vorortfiliale, kann Produkte wählen und bewerten. Nach dem Passieren der Kasse dauert es nur kurze Zeit, bis es an der Wohnungstür klingelt.
Klingt wie aufwendiges Zusatzmätzchen, ist aber hocheffizient. Wer vom Büro aus ordert, ist wahrscheinlich zeitgleich mit dem Lieferer daheim und kann die Party gleich vorbereiten. Langfristig gesehen, braucht solch eine Online-Filiale wenig Personal und überhaupt keinen Dekorateur. Es gibt wenig Probleme mit einem Verfallsdatum. Man braucht noch nicht mal eine Spedition, denn die reißen sich um die Aufträge. Alles was man braucht, ist ein gut sortiertes Großlager und eine verspielte IT, welche in die Onlineregale auch mal ein welkes Kohlrabiblatt legt. Letzendlich werden die Speditionskosten geringer sein wie Miete und Personal der realen Verkaufsstelle. In der Endphase der Umstellung, kann man für das Vergnügen, die Produkte auch mal in echt befingern zu dürfen, sogar Eintritt nehmen. Den Shop als „Muster“haus, geliefert wird sowieso, gleich Mitnehmen kostet extra. Wenn dann die Freundinnen zum Schuhkauf ziehen, macht das Shoppen ganz besonders Spaß. Alles Probieren, zwischendurch Kaffee, Massage und Kino, der italienische Charmeur mit seinem Verkaufsschürzchen ist so nett und witzig und immer hat man die Hände frei. Daheim dann die Tupperparty, wem was gehört und eigentlich der Luise viel besser passen würde.
Und weil man ein netter Nachbar ist, ordert man für Oma Grimmig die Großpackung 4711 gleich mit.
** TeleTalk, Heft Juli 2010
Franz Wanner - http://blog.corporatebookstore.de



