Sonntag , 24 Juli 2016
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Globalisierung 0.5 – Fakten und Zahlen

Müssen wir überhaupt noch über Globalisierung diskutieren? Ist sie nicht längst da und überaus erfolgreich? Umfragen deuten zudem darauf hin, dass beinahe die Hälfte der Deutschen das ehemalige Schreckgespenst der Globalisierung inzwischen eher als Chance denn Bedrohung für deutsche Unternehmen sieht (siehe Umfrage unten). Die jüngsten Unternehmenszahlen von Daimler Benz und VW scheinen diesen chancenorientierten Trend zu bestätigen. Die internationale Vernetzung bringt darüber hinaus die Menschen durch Ereignisse wie das Erdbeben von Japan, die Demonstrationen im Mittleren Osten und natürlich auch eine königliche Hochzeit so nahe zusammen, dass die Welt wie ein großes, globales Dorf wirkt.

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Nun legt Pankaj Ghemawat, Vertreter der sogenannten „Harvard School“ und seit 2006 Professor an der IESE Business School in Barcelona sein neuestes Buch mit dem Titel World 3.0 vor. Mit eindrucksvollem Zahlenmaterial belegt er, dass die Globalisierung in weiten Teilen noch in den Kinderschuhen steckt (Pankaj Ghemawat, World 3.0. Global Prosperity and How to Achieve It, New York, McGraw-Hill Professional, 2011). Natürlich ist sein Buch auch eine erneute Antwort auf Thomas Friedmans vereinfachende These von der „flachen Welt“.

Der Erfolg der internationalen Handelsbeziehungen, augenfälligster Gradmesser wirtschaftlicher Integration, hängt nach Ghemawats Recherchen wesentlich von kulturellen Einflüssen ab. Je besser sich zwei wirtschaftlich gleichstarke Länder im kulturellen Sinne verstehen, desto mehr Handel treiben sie miteinander. So steigt das gemeinsame Handelsvolumen um 42%, wenn beide Länder eine gemeinsame Sprache sprechen. Ein Beispiel aus der Nähe: Schweizer Unternehmen verkauften 2010 Waren im Wert von 37,7 Mrd. Schweizer Franken (28,8 Mrd. Euro) nach Deutschland – 6,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit einem Exportanteil von 19,5% blieb der „große Kanton“ im Norden der wichtigste Zielmarkt der Schweizer Exportwirtschaft. Mit 32,9% Importanteil blieb Deutschland außerdem der wichtigste Beschaffungsmarkt für die Schweiz. Weltweit betrachtet machen Exporte jedoch nur 20% des gesamten globalen Bruttosozialproduktes aus. Die exportorientierten Märkte Deutschlands und der Schweiz passen nicht ganz zu Ghemawats globalen Durchschnittswerten.

Wenn eine Nation also an der Ausweitung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit interessiert ist, muss sie kulturelle Beziehungen herstellen können, so Pankaj Ghemawat, Genau daran hapert es. Bisher scheint sich die Globalisierung nur in den Köpfen des Top Managements abzuspielen. Doch auch dort wird mehr geredet als getan. Nur 7% aller Geschäftsführungsmitglieder der S&P 500-Unternehmen sind nach den Recherchen Ghemawats Ausländer. In diesem Punkt ist Deutschland übrigens einen Schritt weiter: Laut einer Studie von Simon-Kucher & Partner kommt fast jeder dritte Top-Manager der DAX-Unternehmen aus dem Ausland. 52 der 185 Vorstände sind ausländischer Herkunft. Doch wer sich die Herren genauer ansieht, entdeckt auch hier, dass kulturelle Affinität beim Aufstieg auf der Karriereleiter hilft. Mit Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, gehören ein Schweizer und mit Peter Löscher, Siemens-Konzernchef, ein Österreicher zu den bekanntesten ausländischen Topmanagern.

Ghemawat plädiert dafür, dass sich auch unterhalb der Top-Management-Ebene die Migration in die „alten“ Wirtschaftszentren der Welt, Europa und USA, verstärken müsse, um dem entstehenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dafür stehen jedoch die Vorzeichen schlecht. Lediglich 2% aller Studenten weltweit studieren an Universitäten außerhalb ihres Heimatlandes. Nur 3% aller Menschen leben nicht in ihrem Geburtsland. Diese Zahl hat sich seit 1990 nur um 0,2 Prozentpunkte erhöht. Verstärkt wird dieser Faktor dadurch, dass ausländische Studierende oft nach ihrem Abschluss keine Arbeitsgenehmigung im Gastland erhalten. So wird in den USA sehr hitzig über die Frage diskutiert, ob junge, ehrgeizige Absolventen aus dem Ausland in den USA bleiben dürfen, um dort eine eigene Firma gründen zu können. Mehrere bekannte Venture Capitalists haben daher das Start up Visa Program gegründet, um für mehr personelle Freizügigkeit einzutreten.

world_30_coverAnders als Friedman, der in der Verflachung der Welt vor allem eine Amerikanisierung gesehen hat, zeigt Ghemawat, dass die Globalisierung bisher weder eine Konzentration der Wirtschaftsmacht in den Händen einiger weniger US-basierter Unternehmen, noch eine kulturelle Homogenisierung gebracht hat. Auch die Technologie entlarvt er als überschätztes Mittel, räumliche und kulturelle Entfernungen zusammenschrumpfen zu lassen – eine Einschätzung, die ich persönlich nicht ganz teile. Da ist der Betriebswirtschaftler wohl zu akademisch abgehoben, um einen Zugang zu den neuen Interaktionsformen im Netz zu finden.

Wenn Ghemawat von World 3.0 spricht, meint er deshalb lange nicht Globalisierung 3.0, sondern allerhöchstens Globalisierung 0.5. Das Buch sollte Pflichtlektüre für jeden sein, der sich mit Globalisierung und Interkulturalität beschäftigt. Erhältlich ist das Buch für 20,95 € direkt hier.

Links zum Thema:

http://ghemawat.com/

http://blogs.hbr.org/ideacast/2011/04/the-food-crisis-market-failure.html

http://www.economist.com/node/18584204?story_id=18584204

http://www.bpb.de/wissen/Y6I2DP

http://www.swissinfo.ch/ger/news/newsticker/international/Handel_zwischen_Schweiz_und_Deutschland_wieder_im_Aufwind.html?cid=29902122

http://www.bilanz.ch/people/gespraech/die-welt-ist-nicht-flach

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