R³ - Amerika ist beleidigt!
Und zwar wegen uns. Uns im Sinne von Europa. Wenn ich Volkswirtschaft studiert hätte, Mitarbeiter einer Rating-Agentur wäre, hochbezahlter Wirtschaftsberater der Bundesregierung oder Mitarbeiter eines Institutes welches immer die Wachstumszahlen falsch voraussagt, könnte ich jetzt ganz kompliziert erklären warum Amerika beleidigt ist. So das es halt, wie immer, eigentlich keiner versteht.
Ich würde das berühmte Bruttoinlandsprodukt bemühen, die Geldmenge M3 dagegenstellen, das ganze mit den Inflationsrisiken multiplizieren und das Ergebnis im Kreditkanal der Realwirtschaft baden gehen lassen. Oder einen 8-farbigen Chart daraus basteln, den auch keiner versteht. Ich könnte aber auch den angeschlagenen Euro aus dem Fenster der nachhaltigen Wachstumsperspektive blicken lassen, damit er am Horizont mal nachschauen kann, was die fiskalische Nachfragestimulierung macht. Das ist nichts Unanständiges, hat man mir glaubhaft versichert. Wahrscheinlich sieht der arme Euro, wenn er aus diesem Fenster schaut, aber auch nur eine Nebelwand. Oder er kann die EZB dabei beobachten wie sie versucht die europäischen Renditespreads auf ein konjunkturell gerechtfertigtes Niveau zu drücken. Irgendwie drängt sich mir da immer das Bild einer Saftpresse auf.
Nichts verstanden? Sehr gut, dann bewerbe ich mich demnächst als gut bezahlter Chef-Volkswirt bei einer großen Bank. Oder als freier Berater, mit einem Wahnsinns-Honorar direkt in Brüssel. Ohne jede Verantwortung, aber mit dem 50-fachen Gehalt einer Krankenschwester. Und die hat garantiert jede Menge Verantwortung.
So, aber kommen wir darauf zurück, warum denn Amerika mit uns Europäern beleidigt ist. Die Dollarianer geben Geld aus, welches sie eigentlich nicht haben. Und wollen das auch weiterhin tun, denn Sparen macht keinen Spaß. Wir Euroianer haben ein schlechtes Gewissen, weil wir schon soviel Geld ausgegeben haben, welches wir eigentlich auch nicht hatten, und wollen jetzt langsam Sparen. Sagt zumindest unsere Regierung. Spaß hatten wir mit denen noch nie, somit macht uns noch weniger Spaß beim Sparen auch nicht soviel aus wie den Dollarianern.
Jetzt sagen aber die Dollar-Boys, wenn ihr soviel spart geht es der Wirtschaft schlecht. Denn bei der ganzen Sparerei kauft niemand mehr etwas und die Unternehmen machen keine Gewinne mehr. Wir Euroianer sagen aber, wenn wir weiterhin soviel ausgeben, geht unser ganzes schönes Geld für die Zinsen drauf. Dann müssten wir irgendwann Europa an die Amerikaner verkaufen und von diesen zurückmieten. Cross-Border-Selling, heißt der Kraftausdruck dazu. Machen Gemeinden gerne mit ihren Wasserwerken, wenn ihnen finanziell das Wasser bis zum Hals steht. Richtig interessant wird es wenn man darüber nachdenkt, was passiert, wenn der eine oder der andere tatsächlich Recht haben sollte.
Wenn die Amerikaner Recht haben, werden wir in Europa bald eine saftige Rezession erleben, mit einem weiteren Rückgang der Steuereinnahmen, steigender Arbeitslosigkeit, weiterer Verarmung großer Bevölkerungsgruppen. Wenn wir Europäer Recht haben, macht Amerika weiter Schulden, irgendwann zu viele Schulden, der Wert des Dollars verfällt dramatisch, die Amis können sich für ihre Dollars nichts mehr kaufen. Die Wirtschaft kann nichts mehr produzieren, weil sich niemand mehr etwas leisten kann.
Die Dollarianer reagieren im Moment so, als glaubten sie selbst, das die Euroianer das bessere Konzept haben. Aber das wollen sie niemandem verraten, und außerdem macht ihnen, wie bereits erwähnt, Sparen keinen Spaß. Also sagen sie uns ständig, das wir weiter Geld ausgeben sollen, egal ob wir es haben oder auch nicht. Dann stünden beide Systeme irgendwann gleich abgewirtschaftet da, aber ohne Alternative und Vergleichsmöglichkeit fällt dann nicht so sehr auf, wer Recht hatte und wer nicht. Oder wer der weniger Schlechte ist von den beiden.
Ich glaube, wir Nicht-Volkswirtschaftler sollten mit Europa und Amerika und überhaupt beleidigt sein. Am Wirtschaftswachstum hatten wir in den letzten zehn Jahren keinen Anteil, somit haben wir weder Spaß am weiter Geld ausgeben noch am Sparen. Wenn wir der Chef unserer Regierungen und Minister wären - Minister kommt aus dem lateinischen und heißt Diener - könnten wir denen sagen: einigt euch bis nächsten Freitag auf eine Lösung und tragt die dann so vor, dass es jeder versteht. Wenn nicht - seid ihr gefeuert!
Leider sind wir nicht der Chef, sondern nur der Souverän. Und wir lassen uns schon seit langer Zeit ganz souverän auf der Nase herumtanzen und an dieser herumführen. Nicht nur von unseren Regierungen. Wir lassen uns von der Werbung anlügen, von der Nahrungsmittelindustrie das Geld für Müll mit naturidentischen Aromastoffen aus der Tasche ziehen, von den Krankenkassen die Praxisgebühr aufbrummen, von selbsternannten Gesundheitsaposteln mit unnötigen, aber teuren, Vitaminen füttern, schicken unsere Kinder zu unfähigen Lehrern mit absurden Lehrplänen in sinnlose Hauptschulen und subventionieren Kernkraftwerke deren Abfall wir dann auch noch auf unsere Kosten 100.000 Jahre bewachen müssen. Und dabei sind wir nicht die Bohne beleidigt.
Amerika ist es sehr wohl, weil vielleicht irgendwann rauskommt, dass sie zu viel Geld ausgegeben haben. Die sind ganz schön zickig.
Ein Beitrag aus der Reihe "R³ - Rottlers Rigoroses Review"








