Donnerstag , 28 Juli 2016
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Versteckte Billionen: Steht die Blase vor dem Platzen?

british virgin islandsUm die wirtschaftliche Situation auch nur halbwegs zu verstehen, ist es unumgänglich, über einen gewissen Überblick über die weltweit existierenden Vermögenswerte zu verfügen. Verlässliche Angaben verweisen auf Dutzende Billionen, die sich in weitgehend unüberprüfbaren Finanzoasen befinden. Wer derartige Kapitalkonzentrationen ignoriert, wird kaum in der Lage sein zu verstehen, warum immer mehr Staaten, und gleichzeitig immer mehr Menschen, in Not geraten. Die Realwirtschaft nährt ein unersättliches Monster.

Wen interessiert schon, wie Geld überhaupt entsteht, solange er selbst über genug davon verfügt, um seine Bedürfnisse zu decken? Und ich fürchte, die meisten unserer Politiker denken ähnlich. Dann noch über Anreize für Investoren zu sprechen, über sinkende Arbeitslosenzahlen, über den allgemeinen Wohlstand in den Industrienationen, erweckt den Eindruck von Kompetenz. Und wenn plötzlich Informationen auftauchen, dass zwischen 21 und 32 Billionen Dollar in Steueroasen gehortet werden, scheinen jene Experten, die der Finanzhoheit hörig sind, darin kein Problem zu erkennen. Was sie dabei grundsätzlich außer Acht lassen, ist der Umstand, dass diese gigantischen Werte nicht aus sich selbst heraus entstanden sind, sondern durch die Arbeitsleistung der Menschen. Und dieses Kapital will weiter wachsen, obwohl es in keiner Relation zum Gesamtvolumen der weltweiten Wirtschaftsleistung mehr steht.

Selbst Milliardenbeträge sind für Normalsterbliche kaum zu erfassen. Ohne den Kapitalertrag zu berücksichtigen, müsste man täglich 50.000 Euro ausgeben, um eine Milliarde während einer Lebensspanne aufzubrauchen. Wenn der deutsche Staat 20 Milliarden Euro zur Verfügung stellt, dann entfallen auf jeden einzelnen Bürger 250 Euro. Wird im Parlament beschlossen, einen Betrag in dieser Größenordnung als Hilfeleistung zu aktivieren, hält sich die öffentliche Empörung in Grenzen. Wie würde es aber aussehen, würden Steuereintreiber an jede Haustür klopfen, um den jeweiligen Anteil einzufordern? Ein Ehepaar mit zwei Kindern müsste einen Tausender auf den Tisch legen.

Und die deutschen Staatsschulden belaufen sich mittlerweile auf zwei Billionen Euro. Das wären 25.000 Euro pro Bürger. 100.000 Euro für die soeben zitierte Familie mit zwei Kindern. Wieso ist den Menschen noch immer nicht bewusst, um welche Tragödie es sich bei solchen Schuldenbergen handelt?

Unter Berufung auf Guardian und Mail-Online berichtete The Intelligence erst kürlich von einem Detail in Zusammenhang mit dem Skandal um fragwürdige Geldverschiebungen durch die HSBC. Während sich die einzelnen Meldungen in erster Linie an Vorwürfen der Geldwäsche und der damit verbundenen Unterstützung des internationalen Drogenhandels orientierten, kam gleichzeitig aber auch ans Tageslicht, dass die HSBC, während des von den Ermittlungen betroffenen Zeitraums, 49 Billionen (!!!) Euro an undeklarierten Überweisungen tätigte, was das geschätzte Volumen der internationaler Drogengeschäfte um das Hundertfache übersteigt.

Und nun folgt eine neue Enthüllung. Zwischen 17 und 26 Billionen Euro sollen auf Konten in sogenannten Steueroasen gebunkert sein.

Einen Überblick über das Verstecken von Vermögenswerten in nicht kontrollierbaren Inselreichen, wie Jersey, Kaimaninseln, Jungferninseln oder den Bahamas, verschafft der im Oktober des Vorjahres veröffentlichte Artikel über Zweckgesellschaften. Die dort „geparkten“ Vermögenswerte sind zwar sowohl dem Zugriff durch Steuerbehörden als auch dem Einblick durch staatliche Kontrollinstanzen entzogen, doch handelt es sich dabei trotzdem um einen, und zwar nennenswerten, Teil des internationalen Kapitals. Schon allein das genannte Volumen bezeugt, dass es sich selbstverständlich nicht um Geldguthaben handelt, sondern um Investitionen.

Der diesbezügliche Artikel im Spiegel lenkt dabei die Aufmerksamkeit in eine aussagelose Richtung. Von einem bescheidenen Kapitalertrag von 3% ausgehend, wird hochgerechnet, dass den Staaten dadurch Steuereinnahmen in einer geschätzten Höhe von 157,5 Milliarden Euro jährlich entgehen. Sogleich wird mit den Steuer- und Zolleinnahmen Deutschlands in Höhe von 527 Milliarden Euro verglichen. Demzufolge kann 157,5 Milliarden weltweit ja kein gar zu großer Brocken sein.

Die tatsächliche Situation sieht allerdings ganz anders aus. Die Realwirtschaft nährt nämlich zwei Nattern gleichzeitig. Den Staatshaushalt und den unproduktiven Finanzsektor. Beide beanspruchen ihren Anteil an den Umsätzen der Wirtschaft. Der kärgliche Rest steht dem Volk in Form von Löhnen zur Verfügung, die – zumindest in den meisten Fällen – gezwungenermaßen sofort wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen, um erneut Finanzsektor und Staatshaushalt zu nähren. Während öffentliche Mittel jedoch einer sofortigen Umverteilung unterliegen, schwillt das Kapital weiter an und verlangt nach immer größer werdenden Erträgen.

Über Jahrzehnte hinweg hat dieses Spiel klaglos funktioniert. Zumindest bis in die 1970er-Jahre stieg die Kaufkraft durchschnittlicher Einkommen regelmäßig an. Wenn auch immer hinter den durch Fortschritt ermöglichten Produktionssteigerungen herhinkend, so war für die meisten Menschen doch eine Verbesserung der Lebensqualität erkennbar. Wen kümmert’s da noch, ob das international verfügbare Kapital gleichzeitig anschwillt?

Von Kapital wird jedoch erwartet, dass es Gewinne abwirft. Wächst Kapital in einem größeren Ausmaß an als die Wirtschaftsleistung, muss es sich entweder mit niedrigeren Renditen zufriedengeben oder aber den Profitanteil an erzielbaren Umsätzen anheben. Wie wir wissen, ist der zweite Fall eingetreten.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die angeblich reichsten Menschen der Welt, wie sie im Forbes Magazin regelmäßig gelistet werden. Hierzu sei jedoch bemerkt, dass die dort veröffentlichten Angaben nur als Richtlinie verstanden werden dürfen. Forbes macht kein Geheimnis daraus, dass ein kurzes Schreiben ausreicht, um seinen Namen, trotz Vermögens in Milliardenhöhe, nicht in der jährlichen Liste der Superreichen vorzufinden.

Im Jahr 1990 nannte das Fortune-Magazin (einsehbar bei CNN-Money, 10. September 1990) noch den Sultan von Brunei, mit einem Vermögen von 25 Milliarden Dollar, als reichsten Mann der Welt. Ihm folgte der König von Saudi Arabien mit 18 Milliarden, dann US-Geschäftsmann Forrest Mars mit 12,5 Milliarden, und an vierter Stelle thronte die Königin von England mit 11,7 Milliarden US-Dollar. In Summe waren es damals noch 182 Milliardäre, eine Zahl, die sich laut Forbes bis zum Jahr 2012 auf 1.153 erhöhte.

Während sich die Finanzlage der meisten Menschen seit dem Jahr 1990 um nichts verbesserte, stieg nicht nur die Zahl der Milliardäre ebenso an wie das weltweite Gesamtvermögen, die Namen der wirklich reichsten Erdenbürger sind in den veröffentlichten Listen kaum mehr zu finden. Nicht nur der Sultan von Brunei scheint „verarmt“, auch die Namen von Königen, wie Abdullah von Saudi Arabien und Elisabeth II von England, sind nicht mehr zu finden. Bankiersdynastien wie Rothschild, Wahrburg und Schiff halten ihre Vermögen vor der Öffentlichkeit ebenso geheim wie der Rockefeller-Clan. In der Forbes-Liste 2012 taucht David Rockefeller Sr mit 2,5 Milliarden Dollar an 491. Stelle auf.

Die Vermögen der bei Forbes angeführten 1.153 Milliardäre addiert, ergeben zusammen weniger als fünf Billionen Dollar. Informierte Börseninsider schätzen jedoch allein schon das Rothschild-Familienvermögen auf im Billionenbereich liegend.

Allerdings, nicht nur Milliardäre investieren und erwarten Kapitalertrag, sondern auch Multimillionäre. Laut dem „World Wealth Report 2011“, der von Credit Suisse veröffentlicht und als PDF-Datei verfügbar ist, gibt es weitere 1.700 Menschen, die zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Dollar ihr Eigen nennen. 26.300 sind es, denen zwischen 100 und 500 Millionen zur Verfügung stehen. 50 bis 100 Millionen: 55.700; 10 bis 50 Millionen: 931.600; 5 bis 10 Millionen: 1.959.600; 1 bis 5 Millionen: 26.725.200.

Private Wohnhäuser finden bei den genannten Zahlen keine Berücksichtigung. Die Vermögen aller Millionäre und Milliardäre weltweit addiert, entsprechen rund 140 Billionen Dollar. Als weltweites Gesamtvermögen werden im besagten Bericht 231 Billionen Dollar angenommen. Auch wenn es wenig zur Sache tut, so bedeutet dies, dass 0,4% der Weltbevölkerung über 60% des Weltvermögens verfügen.

Was in dieser Studie jedoch besonders ins Auge fällt, ist das rasche Wachstum des Weltkapitals. Allein von 2010 auf 2011 soll es von 195 Billionen auf 231 Billionen gestiegen sein. Bis zum Jahr 2016 wird mit einer weiteren Steigerung um 50% auf 345 Billionen Dollar gerechnet.

Und nun werfen wir einen Blick auf die jährliche Wirtschaftsleistung. Bei Wikipedia wird diese für das Jahr 2010 mit weltweit 61,96 Billionen Dollar angegeben. Der Wertanstieg weltweiter Vermögen entspricht somit knapp 60% der Wirtschaftsleistung der ganzen Welt. Und, wie der erwartete Anstieg bis zum Jahr 2016 zeigt, sollte diese Tendenz noch auf Jahre anhalten.

Das Zusammenfassen dieser Zahlen soll jetzt keineswegs dem Zweck dienen, Neid gegenüber „Reichen“ zu wecken. Insbesondere die größte der genannten Gruppen, jene 26,7 Millionen Menschen, die jeweils über ein bis fünf Millionen Dollar verfügen, lassen sich als wesentliche Triebkraft der Wirtschaft einstufen, denn schließlich sind viele davon auch erstklassige Konsumenten. Die Gefahr, die dieser entfesselte Kapitalismus in sich birgt, ist der unglaubliche Zuwachs von Vermögen, die bloß einem einzigen Zweck dienen: weiter zu wachsen! Auf Kosten der Realwirtschaft, auf Kosten der Arbeitsleistung der Masse der Menschen. Und hier sind wir zweifellos an einem Punkt angelangt, an dem wir uns den Finanzsektor schlichtweg nicht mehr leisten können.

Insbesondere während der letzten beiden Jahrzehnte wurden immer mehr rechtliche Schranken, die unüberschaubare Konzentrationen von Finanzwerten eindämmten, aufgehoben. Die Märkte würden sich ohnehin von selbst regulieren, lautete die Devise, die u. a. vom ehemaligen Vorsitzenden der sich in Privatbesitz befindlichen US-Notenbank, Allan Greenspan, unterstützt wurde. Als nach dem Platzen der legendären Immobilienblase eine Menge von Geldinstituten von der Pleite bedroht waren, verschuldeten sich bereits tief verschuldete Staaten weiter beim privaten Finanzsektor, um einzelnen, angeblich „systemrelevanten“ Banken aus der Patsche zu helfen. Mittlerweile stecken wir in einer unlösbaren internationalen Schuldenkrise. Und während die Billionen, die der Finanzsektor hortet, weiter anwachsen, zweigen Staaten noch immer Gelder ab, um einzelne Institute vor der Insolvenz zu retten.

Wenn die Märkte nach Deregulierung verlangen, dann darf den Marktteilnehmern auch das Recht zugestanden werden, von der Bildfläche zu verschwinden. Es mag sein, dass der eine oder andere Sparer, der der falschen Bank vertraute, dabei zu Schaden kommt. Es mag sein, dass ein Aktionär, der die falschen Papiere hält, seines Vermögens verlustig wird. Doch wie um Himmels willen soll das gutgehen, wenn Staaten sich auf alle Zeiten verschulden, wenn Arbeitenden ein nennenswerter Teil ihres Einkommens weggenommen wird, um das System, das über Jahrzehnte hinweg einem einzigen Ziel zusteuert, nämlich alle Vermögenswerte in den Händen Weniger zu konzentrieren, weiter aufrecht zu erhalten? Man braucht nicht Kommunist zu sein, um hier die Fehler zu erkennen. Man braucht auch nicht national eingestellt sein, um die teuflischen Auswirkungen der Globalisierung wahrzunehmen.

Was die Herrscher über den Finanzsektor für die nahe Zukunft planen, lässt sich nur schwer vorhersehen. Der Masse der Menschen, weder in der Dritten Welt noch in den Industrieländern, lässt sich nichts mehr wegnehmen. Selbst ihre Arbeitskraft ist immer weniger gefragt, was sich an den tatsächlich enorm hohen Arbeitslosenzahlen deutlich zeigt. Es gibt aber noch 26,7 Millionen „kleine“ Millionäre, die in Summe aber doch über 80 Billionen Dollar verfügen. Wie lassen sich diese Werte in die Hände der Elite verschieben? Wenn in den Medien immer öfter auf die „Reichen“ verwiesen wird, die höher besteuert oder gar enteignet werden sollen, dann ist damit diese Gruppe gemeint, für die wohl eher der Begriff „Mittelstand“ passend wäre. Die Vermögen der wirklich Reichen bleiben mit Sicherheit unangetastet. Für diesen Zweck gibt es ja schließlich Finanzparadiese, wie die City of London, Jersey, die Bahamas und noch einige andere entlegene Inseln.

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