Freitag , 1 Juli 2016
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Geldsystem: Warum die Rechnung nicht aufgehen kann

money_world_scaleBeim „A+B-Theorem“, ein Konzept, das im Jahr 1920 erstmals Veröffentlichung fand, handelt es sich um eine einfache Demonstration, die belegt, dass unser derzeitiges Geldsystem langfristig nicht funktionieren kann. Entsprechende Lösungsvorschläge, die unter dem Begriff „Social Credit“ bekannt sind, wurden von Finanzkreisen von Anfang an kompromisslos zurückgewiesen. Die Gründe dafür sind heute offensichtlicher denn je. Weltumspannende komplizierte Mechanismen verschleiern das Grundsatzproblem. Es kann einfach nicht mehr Geld ausgegeben werden als eingenommen wird.

H. C. Douglas war ein britischer Ingenieur. 1920 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Credit-Power and Democracy“ (Kreditmacht und Demokratie), in dem er das, von ihm selbst so benannte, „A+B-Theorem“ vorstellte.

Douglas erklärte, dass die Kosten, die bei der Herstellung von Waren entstehen, in zwei Gruppen zu teilen sind:

A: Der Anteil, der an Individuen ausbezahlt wird. Dazu zählen Löhne und Gehälter sowie Gewinnbeteiligungen.

B: Alle Zahlungen, die an Institutionen geleistet werden. Für Rohmaterialen, Zinsen und Bankauslagen sowie andere externe Kosten.

Somit korrespondieren die Gesamtkosten aller in einem Land produzierten Waren mit der Summe A+B. Die Kaufkraft beschränkt sich jedoch auf A. Die Kapitalmenge A ist somit ausnahmslos niedriger als A+B. Ungeachtet jedes Versuches, komplizierte Finanzmechanismen einzusetzen, sobald die Herstellungskosten aller Produkte die Summe der Kaufkraft aller Konsumenten übersteigen, zieht dies Konsequenzen nach sich. Die Lücke lässt sich, zumindest vorübergehend, folgendermaßen schließen:

  • Konsumenten verschulden sich durch Kauf auf Kredit.
  • Staatsgemeinschaften verschulden sich.
  • Unternehmen verschulden sich für Investitionsprojekte.
  • Einzelne Unternehmen scheiden aus dem Wettbewerb, da sich keine Käufer für ihre Waren finden.
  • Mehr Waren werden für den Export hergestellt als im gleichen Zeitraum importiert werden, was die Verschuldung anderer Länder zur Folge hat.

Ich möchte an dieser Stelle bemerken, dass Douglas seine Bedenken neun Jahre vor dem Beginn der amerikanischen Wirtschaftskrise zu Papier gebracht hatte. Während der 1920er-Jahre erlebten die Vereinigten Staaten einen davor nicht gekannten Wirtschaftsaufschwung. Maschinen, sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft, vereinfachten die Produktion. Während Europa unter den Folgen des Ersten Weltkriegs litt, brach in Amerika ein Konsumrausch aus. Das, seit 1913 von der privaten Notenbank (Federal Reserve Bank) kontrollierte, System einer Fiat-Währung mit nur teilweiser Golddeckung erlaubte, enorme Geldmengen für Investitionen zur Verfügung zu stellen. Eine mehrere Jahre andauernde Hausse an den Börsen brachte einen vorübergehenden buchhalterischen Anstieg von Vermögenswerten mit sich. Beginnend mit dem Crash vom Oktober 1929, wurden Kredite in großem Volumen fällig gestellt. Die dadurch entstandene Reduktion der Geldmenge führte nicht nur zu anhaltenden Kurseinbrüchen, auch den Bürgern fehlte es plötzlich an Kaufkraft. Unternehmen, die für ihre Produkte keinen Absatz fanden, standen Massen von Arbeitslosen und unterbezahlten Arbeitskräften gegenüber, denen es bloß an Geld fehlte, diese Produkte zu erwerben. Diese Spirale, die sich in Not und Elend in der Bevölkerung ausdrückte, fand erst durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg ein Ende.

Die derzeitige Krise ist nur im Ansatz mit jener der 1930er-Jahre zu vergleichen. Der markanteste aller Unterschiede liegt darin, dass die Schuldenpolitik damals erst in ihren Anfängen stand. Im Jahr 1930 betrugen die amerikanischen Staatsschulden rund 16 Milliarden Dollar.

Offizielle Inflationsstatistiken vergleichen den Wert von 16 Milliarden Dollar anno 1930 mit zwischen 200 und 300 Milliarden heute. Verwenden wir einen Multiplikationsfaktor von 50, was dem tatsächlichen Unterschied im Preisverhältnis näher kommt, entspräche dieser Betrag heutigen 800 Milliarden. Der derzeitige Schuldenstand der USA beläuft sich auf 14,3 Billionen.

Kommen wir nochmals auf die A+B-Rechnung zurück, so zeigt sich, dass der Anteil B heute wesentlich höher liegt als zu Zeiten Douglas’. Durch das dramatisch angestiegene Schuldenvolumen entfallen deutlich höhere Beträge auf Zinsleistungen. Dazu kommt, dass moderne Spekulationsstrategien teilweise exorbitant hohe Gewinne mit sich bringen, die sich wiederum in erhöhten Produktionskosten niederschlagen.

Doch nun zu Douglas’ Lösungsvorschlag: Social Credit.

Ich nehme vorweg, dass Douglas’ damalige Überlegungen heute neu überarbeitet werden müssten. Mit Sicherheit wäre dies eine Aufgabe, die zumindest mehrere Monate in Anspruch nehmen würde. Doch allein die Grundprinzipien zeigen auf, warum gewisse Kreise jegliche Veränderung in diese Richtung mit allen Mitteln zu verhindern versuchen würden.

Die erste Voraussetzung für die Einführung eines derartigen Geldsystems wäre, dass die Geldausgabe ausschließlich dem Staat untersteht. Als Grundlage für die Festsetzung des Geldvolumens gelten die Herstellungskosten aller Produkte. Nehmen wir an, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes wurden Waren im Wert von 100 Milliarden Euro hergestellt, im gleichen Zeitraum jedoch nur 80 Milliarden an Individuen ausbezahlt, so fehlen 20 Milliarden Euro an Kaufkraft, um die produzierten Waren absetzen zu können.  Douglas schlug vor, in diesem Fall jedem Bürger eine nationale Dividende zukommen zu lassen, was einem, in anderen Zusammenhängen gelegentlich diskutierten, Grundeinkommen gleichkäme.

Den Anspruch des Bürgers auf eine derartige Dividende erklärte Douglas damit, dass in jedem Staat naturgegebene Werte existieren, die als Allgemeingut betrachtet werden sollten. Somit stünde jedem Bürger zu, einen bestimmten Anteil an dessen Erträgen zu erhalten.

Das erste Argument gegen dieses System beruft sich darauf, dass durch die regelmäßige Ausgabe neuen Geldes die Inflation empfindlich steigen würde. Dementsprechend schlug Douglas vor, insbesondere Spekulationsgewinne in die Umverteilung einzubeziehen. Bereits hier erreichen wir einen Punkt, der zeigt, dass ein derartiges System nur auf nationaler, nicht jedoch auf internationaler Ebene anwendbar wäre. Jedem Staat stünde es zu, Spekulationsgewinne empfindlich hoch, z. B. mit 90%, zu besteuern. Sollte der Spekulant den Gewinn nach Abzug solcher Steuern als nicht mehr profitabel erachten, wäre ein Abnehmen dieser Art der Preistreiberei zu erwarten. Volkswirtschaftlichen Interessen dienen Spekulationen ohnehin nicht.

Ein weiterer Faktor, der einer Reduktion unterliegen müsste, wären die Kosten für die Kapitalbereitstellung schlechthin. Und auch dies wäre selbstverständlich nur auf nationaler Ebene durch eine generelle Umstrukturierung des Steuersystems möglich. Dem Wachstum bestimmter Unternehmen oder Branchen wäre eine hohe Besteuerung von Kapitalertrag nicht hinderlich, nachdem tatsächlich durchgeführte Investitionen entsprechende Berücksichtigung fänden.

Geld wäre somit weder durch Edelmetalle noch durch Sicherheiten gedeckt, sondern durch den Produktionsprozess. Im Vergleich zum Goldstandard würde dies erlauben, die Geldmenge je nach Bedarf zu verändern. Im Gegensatz zu Fiat-Währungen, deren relative Deckung auf den, der Bank zur Verfügung gestellten, Sicherheiten beruht, handelte es sich bei Social Credit jedoch um zinsenfreies Geld. Die derzeit akzeptierte Doppelfunktion, Tauschmittel und gleichzeitig Mittel zur Wertaufbewahrung, würde sich zugunsten des Konsums verschieben. Im Gegensatz zur derzeitigen Situation, stünde die Versorgung der Bürger mit Verbrauchsgütern im Vordergrund. Vermögenszuwachs wäre natürlich möglich, mit Sicherheit jedoch nicht in den Ausmaßen, wie wir es heute kennen.

Wie erwähnt, um alle Schwachstellen eines derartigen Währungssystems zu erkennen, bedarf es einer wirklich aufwendigen Studie. Ohne dieses Konzept näher analysiert zu haben, es von Haus aus als undurchführbar abzulehnen, entspricht jedoch nicht der Logik. Das System von Fiat-Währungen und das Vertrauen in die Selbstregulierung der Märkte haben die Welt in genau jene Situation geführt, in der wir uns jetzt befinden. Alle Vorschläge, dieses System noch über eine bestimmte Zeitspanne mit allen Mitteln weiter zu erhalten, zielen am eigentlichen Problem vorbei, ungeachtet ob es sich um Finanzspritzen handelt, um Umschuldung oder um ein Anheben der Staatsschulden. Douglas’ „A+B-Lehrsatz“ verdeutlich, wo das Problem liegt. Ein System, das auf einem falschen Grundsatz basiert, lässt sich nicht erfolgversprechend verbessern, sondern nur durch ein neues ersetzen.

Ein rein nationales Geldwesen dieser Art müsste natürlich auch der heimischen Wirtschaft den Vorrang einräumen. Das Warenangebot aus aller Welt mag den oberflächlich eingestellten Bürger blenden. Unumstritten wirkt die derzeitige Auswahl, preislich oft tatsächlich um vieles günstiger als es durch heimische Produktion möglich wäre, verführerisch. Wer würde hier schon gerne Abstriche in Kauf nehmen? Da lässt es sich doch leichter darauf hoffen, dass ein unhaltbares System auf wunderbare Weise doch noch gesunden könnte. Es gibt ja auch Menschen, die sich bewusst sind, dass ihr Lebensstil sie krank macht. Trotzdem schlucken sie täglich Pillen, anstatt diesen Lebensstil zu ändern.

H. C. Douglas ging in seinen Überlegungen davon aus, dass Produktion dazu dient, die Bevölkerung mit den Gütern ihres Bedarfes zu versorgen. Für ihn stand der Mensch im Mittelpunkt. Die Wirtschaft erfüllt, in seinen Augen, ausschließlich den Zweck der Versorgung. Sie sollte dem Menschen dienen – und nicht umgekehrt. Mittlerweile scheinen wir uns jedoch damit abgefunden zu haben, dass wir es sind, die sich anzupassen haben. Veränderungen, die den Nutznießern des derzeitigen Systems nicht genehm wären, werden als undurchführbar beiseite geschoben. Wird die Rechnung „2 + 2 = 5“ in Form einer komplizierten Formel ausgedrückt, so könnte es durchaus der Fall sein, dass uns nicht mehr auffällt, dass die Gleichung nicht aufgehen kann.

Über Konrad Hausener

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