Freitag , 30 September 2016
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Prof. Hörmann zum Zusammenbruch des Währungssystems – 3. Teil

hoermann_interview_3Das aktuelle Wirtschaftssystem ist ein Nullsummenspiel. Somit ist auch das Geldsystem automatisch, nach Franz Hörmann, ein auf Lüge und Betrug basierendes Wirtschaftssystem, das verändert werden muss. Die Wissenschaft hat dabei einen entscheidenden Anteil. Hochschullehrer sind aufgefordert, dem Universitätsgesetz und allen Gesetzen zu folgen und davor zu warnen, wenn gemeinschaftliches Wohl gefährdet ist. Die einheitliche Weltwährung sieht Hörmann nicht kommen und damit wäre auch die Basis für eine Neue Weltordnung vereitelt. Er setzt auf den Einfluss realwirtschaftlicher Unternehmen, die erkennen werden, dass dieses Geldsystem nicht funktioniert und damit auch deren Macht und Einfluss abhandenkommt. Legten wir das aktuelle Nullsummenspiel ab, bräuchten wir keine Steuern mehr, keine Zinsen, keine Enteignungen usw.

Hier der dritte und letzte Teil des Interviews. Die ersten beiden Teile des lesen sie hier:  Teil 1 – Teil 2

Franz Hörmann (FH) sieht in den Mechanismen unseres Wirtschaftssystems ein Nullsummenspiel, das vom Markt ausgeht: „Weil der Markt hat eine endliche Zahl von Käufern. Denn ich kann nur wachsen in einem Markt, wenn ich dem Konkurrenten seine Käufer abjage. Deswegen muss ich mich durchsetzen.“

TI: Damit produziere ich aber Gewinner und Verlierer.

FH: So ist es. Dieses Muster haben wir überall. Mich selbst zu verändern geht gar nicht in der heutigen Wirtschaft. Weil im wirklichen Wirtschaftsleben mache ich mich schwach in der Veränderungsphase. Und die Schwäche erkennt jeder Mitbewerber und schlägt beinhart zu. Dann werde ich entweder übernommen oder in die Pleite gedrängt.

TI: Das nennt sich dann euphemistisch „Marktbereinigung“, „Gesundschrumpfen“ oder „Marktregulierung“.

FH: So ist es. Es kommen am Ende am Ende immer Monopole heraus. Das ist das Ende der Marktbereinigung. Das hat ja schon der Schumpeter gewusst. Die ursprüngliche Idee war die einheitliche Weltwährung.

TI: Glauben Sie, dass die kommt?

FH: Nein. Ich glaube nach wie vor, dass die BRICS-Staaten [Anm. d. Red.: Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika] nicht mitspielen werden. Die akzeptieren die Vorherrschaft des Westens so nicht. Daran werden sich die Architekten der Neuen Weltordnung sicher die Zähne ausbeißen – hoffe ich.

TI: Die Architekten der Neuen Weltordnung sind für Sie wer?

FH: Das sind die reichsten Familien und ihre Stellvertreter in unseren Systemen. Nur das Problem ist, dass diese Gruppe von Menschen genauso wenig homogen ist, wie alle anderen gesellschaftlichen Gruppen auch. Da gibt es zum Beispiel die, die rein von der Finanzwirtschaft leben. Dazu zählen Versicherungen und Banken. Und dann gibt es die, die eigentlich realwirtschaftliche Unternehmen besitzen. Und die realwirtschaftlichen Superreichen sind zwar nicht reich bezogen auf Geld, aber sie sind die Mehrheit in dem Verein. Und die merken, dass das normale Geldsystem nicht funktioniert. Die wissen, dass ihr Einfluss, ihre Macht verschwindet, wenn es keine Kunden mehr gibt, die ihre Produkte kaufen. Ja? Und deshalb werden die sich eher mit den Kunden und der Bevölkerung verbünden, und ein Geldsystem entwickeln, das für die Bevölkerung und sie selbst viel besser ist und nicht für die Versicherungen und die Banken im alten System. Und damit sind sie gleichzeitig auch die Beherrscher der neuen Finanzwirtschaft.

Und auf die Idee muss man natürlich kommen. Was braucht die Bevölkerung wirklich? Sie braucht Güter und Dienstleistungen, aber nicht Zettel und Zahlen. Wenn ich jetzt Zettel mit Zahlen erfinde, die sicherstellen, dass meine Produktion von den Kunden auch wirklich gekauft wird, dann haben alle neue Zettel und Zahlen und nicht mehr das alte Finanzsystem. Und dann sind die bisherigen Herrscher in der Realwirtschaft zugleich die neuen Herrscher in der Finanzwirtschaft. Das ist der Spaltpilz in allen Elitegruppen. Es ist eigentlich ganz einfach. Daher können die auch selber nicht mehr an einem Strang ziehen, weil das Spiel „Divide et Impera“, das sie mit der Bevölkerung gespielt haben, fällt jetzt auf sie selber zurück.

TI: Sie berufen sich in Ihrer Kritik auf den Paragraph 1 des Universitätsgesetzes von 2002.

FH: Dort steht sinngemäß, die Universitäten sind dazu aufgerufen für gesellschaftlichen Wohlstand zu forschen und neue Ideen hervorzubringen. Das ist alles ganz toll. Dort steht zum Beispiel nirgendwo, dass man eine hirnverbrannte Berufsausbildung anbieten soll, basierend auf Methoden, von denen man wissenschaftlich schon weiß, dass sie gar nicht funktionieren. Das finden wir da nicht. Eine mittelalterliche Buchhaltung ist auch keine neue Idee, und schon gar nicht für die Gesellschaft sinnvoll und nützlich. Trotzdem wird das an den Universitäten scheinbar unterrichtet. Ich frage mich nur, warum und auf welcher gesetzlichen Grundlage dies passiert.

TI: Ist der Universitätsrat mit dieser Kritik von Ihnen schon konfrontiert worden?

FH: Ich bin pragmatisierter Beamter. Das interessiert mich nicht.

TI: Das heißt, Sie nützen Ihre sichere Stellung.

FH: Diese sichere Stellung ist für mich eine Verpflichtung, weil alle meine jungen Kollegen mit ihren befristeten Dienstverhältnissen können das eben nicht tun. Wenn das überhaupt jemand machen kann, dann nur jemand in meiner Position. Das ist vollkommen klar.

TI: Das wäre aber auch eine indirekte Aufforderung von Ihnen an alle Pragmatisierten, sich auf das Universitätsgesetz zu besinnen.

FH: Ganz genau. An alle Gesetze! Sich einfach einmal die Mühe zu machen zu fragen, für wen bin ich eigentlich tätig? Ich werde von der Bevölkerung bezahlt und nicht von einer Prüfungsfirma und nicht von einer Marketingfirma und von keinem Lobbyverein. Mich bezahlt die Bevölkerung, alle die Steuern zahlen.

Unser Problem ist, dass wir als Kultur komplett auf Nullsummenspiele geprägt sind. Nullsummenspiel ist, ich kann nur gewinnen, wenn andere verlieren. Gewinne und Verluste in der Runde gleichen sich immer auf null aus. Und schön kann man das bei Kartenspielen demonstrieren. Das klassische Nullsummenspiel beim Kartenspiel ist Poker. Das ist der absolute Klassiker. Weil alle ihre Einsätze tätigen and the winner takes it all. Der gewinnt natürlich nur das, was die andern verlieren. Aber er kann auch nur gewinnen, wenn andere verlieren. Anders geht´s nicht.

Es gibt aber heute andere Kartenspiele, die nicht Nullsummenspiele sind. Zum Beispiel Wizard oder Rage. Funktioniert ganz anders. Bei Wizard kriegt jeder sein Blatt. Dann wird eine Trumpfkarte aufgedeckt. Dann muss jeder in der Runde sagen, wie viele Stiche will er machen, mit diesem Blatt und der Trumpffarbe. Und wenn er genauso viele Stiche wirklich macht, kriegt er für jeden Stich eine Prämie, und zusätzlich noch einen Bonus. Macht er aber zu wenig Stiche oder zu viele, dann kriegt er ausschließlich Strafpunkte für die Differenz; also für die Unter- oder Überstiche. Da sehen wir sofort, diese Belohnungs-, Bestrafungspunkte summieren sich pro Runde niemals auf null.

Was heißt das aber jetzt. Wenn ich sage, ich will zwei Stiche machen. Und ich mach gleich am Anfang meine zwei Stiche, schalte ich sofort um auf kooperatives Spielen, lasse überall, wo es möglich ist, nach. Weil ich ja froh bin, wenn die anderen stechen. Weil ich habe ja meinen Spielvertrag, meinen Kontrakt schon erfüllt. Okay?

Andererseits, was könnte man sich für ein Geldsystem als schöneres Ziel vorstellen, in der Wirtschaft, als wenn man die belohnt, mit Geld, die sich an die Verträge halten. Und jetzt stellen wir uns einmal vor, fünf Spieler ziehen Stiche, und jeder einzelne sagt: Ich mache zwei Stiche. Und die bringen das auch zusammen. Von allen einzelnen Zusagen werden alle Kontrakte eingehalten. Jetzt müsste ich jeden einzelnen belohnen. Das geht natürlich nicht in einem Nullsummenspiel. Bei einem Nullsummenspiel hätte ich jetzt niemanden etwas wegnehmen können, weil sich alle an ihre Verträge gehalten haben. Das ist der einzige Grund, warum ein Nullsummenspiel als Geldsystem automatisch ein unethisches, ein verlogenes, ein auf Lüge und Betrug basierendes Wirtschaftssystem erzeugt.

TI: In diese Richtung wird vermutlich auch Ihre kommende Diskussion mit Margrit Kennedy laufen, oder?

FH: Aber selbstverständlich. Sie glaubt, als Freiwirtschaftsanhänger, an das Nullsummenspiel, ohne dass es ihr bewusst ist. Das sind Verteilungskämpfe. Das schönste Beispiel dafür ist für mich der Finanzminister. Der Finanzminister mit seinem Budget lebt in dem bestechlichen Wahn, dass er einem Ressort nur dann mehr geben kann, wenn er einem anderen denselben Betrag wegnimmt. Das ist diese merkwürdige Sichtweise. Dabei weiß er ja, dass auf keiner Bank das so funktioniert. Kredite sind immer nicht vorhandenes Geld, das entsteht, weil es entliehen wird. Nur der Finanzminister kann sich daran nicht halten. Der kann nicht Geld erzeugen, wann er es braucht. Nein, noch viel lustiger. Der borgt es sich bei der Bank. Und die erzeugt es aus Luft. Aber er muss von der Bevölkerung Zinsen beschaffen.

TI: Wir würden uns also auch die Steuern sparen?

FH: Komplett. Wir hätten keine Zinsen mehr, keine Steuern, keine Staatsdefizite, keine Enteignungen, und könnten 80 Prozent unserer Lebenszeit einfach das tun, was uns Spaß macht.

TI: Wir müssen also nur auf null stellen?

FH: Wir brauchen nur den politischen Willen der Mehrheit der Bevölkerung. Wir brauchen ein anderes Gesellschaftssystem. Nicht nur Geldsysteme, Wirtschaftssysteme, wir brauchen auch ein anderes Bildungssystem, das uns zu gelebten Werten hinführt und nicht zu so komischen Rechnungseinheiten, wo keiner weiß, warum die Zahlen immer größer werden sollen.

TI: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

FH: Naja, jetzt kommt einmal diese Aufklärungsbroschüre, um nicht den Namen Pamphlet zu verbreiten. Und parallel dazu möchte ich eine Webseite einrichten, Ende Mai, wenn möglich, mit dem Titel ANEW. Ich könnte sie auch NÖNÖ nennen. Das sind Abkürzungen. NÖNÖ ist das Netzwerk Österreichischer Neuer Ökonomie. Aber ANEW klingt besser: Austrian New Economics Web. [lacht] Ich muss zugeben, NÖNÖ hat auch was.

TI: Und was steht auf dieser NÖNÖ-Webseite?

FH: Und da zeigen wir halt die ganzen Denkfehler, die, wenn man den Geldschöpfungsprozess negiert, und den Zinsen, die in der Geldmenge nicht vorhanden sind, die dann passieren bei dem, was wir heute Wirtschaftswissenschaften nennen. Und welche Konsequenzen das für die Wirtschaftswissenschaften hat, und wie man das aber berücksichtigt. Und wenn man insbesondere das Geldsystem als Variable betrachtet, also als Konstrukt, das gesellschaftlich gestaltbar ist, dann haben wir auf einmal einen viel größeren Lösungsraum. Und in diesem Lösungsraum beginnen wir dann langsam mit Vorschlägen aus der Gesellschaft zu füllen. Der beste Vorschlag soll sich dann einfach durchsetzen.

In der geistigen Welt bin ich ja total für Wettbewerb. 100-prozentig. Die beste Idee soll sich durchsetzen. Gar keine Frage. Nur müssen wir erst einmal lernen, von den eigenen, selbst generierten Ideen wegzukommen.

TI: Herr Professor Hörmann, wir bedanken uns für dieses ausführliche Interview.

Das Gespräch mit Prof. Franz Hörmann führte Angelika M. Wohofsky, exklusiv für The Intelligence.

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