Samstag , 28 Mai 2016
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Was passiert nach dem Crash? – 2. Teil des Interviews mit Franz Hörmann

hoermann_interview_2„Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen“, meint Franz Hörmann im Interview mit The Intelligence. Wenn also sein prognostizierter Zusammenbruch des Währungssystems kommt, wird es keine Banken mehr geben. Auch Zwangsenteignungen fallen in Europa vermutlich aus, weil sich diese der europäische Bürger nicht bieten lassen wird. Die Leute müssen sich jetzt schon zusammenschließen und einen neuen Lebensstil kreieren. Hilfreich will Hörmann mit Tipps für eine solche neue Gesellschaft und Wirtschaft sein: im Sommer erscheint dazu ein Pamphlet. Seine Richtung weist in einen Alltag mit weniger Stress und in dem wir unsere Kreativität dafür verwenden, uns das Leben leichter zu machen. Die Zukunft liegt gesellschaftlich in Gruppennetzwerken, die sich interessensgeleitet bilden und in der Demarchie statt der Demokratie.

Teil 1 des Interviews lesen sie hier: „Crash der weltweiten Börsen im August 2011 erwartet“

TI: Was passiert beim prognostizierten Zusammenbruch?

FH: Ich nehme an, wenn das Währungssystem zusammenbricht, wird das Rechtssystem auch zusammenbrechen. Banken als Institutionen, sprich Kapitalgesellschaften, werden nicht überleben. Und ein Bankaktionär wird sagen, ich habe jetzt Aktien einer Bank, der wird ja nicht zu den Leuten gehen und sie aus dem Haus rausschmeißen. Was hat er davon, wenn es die Bank nicht mehr gibt. Der wird ja in den Häusern auch nicht wohnen. Der will ja Geld sehen. Und wenn es das Geld nicht gibt, was soll er machen? Geht er dann hin und nimmt sich zwei Zaunlatten mit nachhause?

TI: Das heißt, Sie sehen keinerlei Zwangsenteignungen und dergleichen auf uns zukommen?

FH: Keine Chance. Das ist politisch nicht durchzubringen. Wenn so etwas in Europa passieren würde, dann würden die Straßen brennen. Das würde sich die europäische Bevölkerung nicht bieten lassen. Man denke an Paris schon vor vielen Jahren oder an Griechenland. Dort haben ja Polizisten gebrannt auf der Straße. Die wurden mit Molotowcocktails beworfen. Aber bei uns in den Medien hat man das nirgendwo gesehen, wie dramatisch das war. Aber auf Youtube oder im Internet sieht man diese Videos.

TI: Gut, in Griechenland scheint es momentan recht eng herzugehen. Mein Bekannter in Athen meint, man sieht zu, dass man das Notwendige zum Leben verdient. Das sind Nahrungsmittel, und dass die Menschen die Miete zahlen können. Es wird immer prekärer.

FH: Na sicher. Das sind die Weltgegenden, wo als erstes alternative Systeme entstehen. Dabei sind die Lösungen ja sehr einfach. Man braucht nur eine Inventur machen, die jeder in seinem eigenen Leben macht. Also in welchem Zeitraum brauche ich welche Güter und welche Dienstleistungen. Das schreibe ich mir einfach zusammen. Welche Nahrungsmittel brauche ich, welche Energie, welche Art von Kleidung und so weiter. Und das wird dann beispielsweise im Internet in eine Usinglist eingetragen. Und dann schaut man herum, was kann man selbst organisieren, was kann man leihen, was kann man neu machen, was kann man beschaffen. Damit sind wir eigentlich schon in einer neuen Wirtschaftsform.

TI: Wenn man den Minimalismus als Alternative für das herkömmliche System nimmt, dann geht man dabei ja auf diese Art vor. Das heißt, ich tue alles weg, was ich nicht mehr benötige, behalte jenes, was ich für meinen Weg brauche und dann schaue ich, wie ich mir das organisiere.

FH: Das tut zwar ein bisserl weh in dem Moment, aber mit dem Essen können wir anfangen. Ich war jetzt in Altlengbach (Niederösterreich) und habe einen Vortrag gehalten bei einer Konferenz mit dem Titel „Wahre Alternativen“, und da war ein Kollege, auch ein Vortragender, ein gewisser Helmut Matzner. Und der hat über gesunde Ernährung einen Vortrag gehalten. Und der ist tatsächlich der Meinung und kann das auch gut argumentativ begründen, dass alles, was wir an Nahrungsmitteln zu uns nehmen pro Tag, was über eine Handvoll Reis hinaus geht, in Wirklichkeit dem Körper schadet. Also, zwei Hände Reis sind schon zu viel, sagt er. Eine Hand Reis, Ende. Jetzt stellen wir uns einmal vor, was brauchen wir wirklich? Sauberes Wasser, den Reis und einen Reiskocher. Die Zeit, die wir einsparen, weil wir nicht dreimal am Tag beim Essen sitzen,…

TI: Die Zeit fürs Einkaufen….

FH: …genau, für das Kochen, der ganze Abfall, der Geschirrspüler, der Kühlschrank…. Weg, weg, weg… Wäre das nicht eine schöne Idee?

TI: Absolut, wären dabei aber nicht viele überfordert mit der Frage: Was mache ich mit der so gewonnenen Zeit?

FH: Nachdenken, wie es uns auf anderen Ebenen besser geht! Da lässt sich immer was finden und wenn man nur ein Mittagsschläfchen hält. In Japan machen das die Menschen auch. Die schlafen im Restaurant, in der U-Bahn und keiner stört sie. Das ist einfach nur ein kultureller Effekt. Warum können wir das nicht auch machen? Wer hindert uns daran? Das wäre wirkliche Lebensqualität. Da brauch ich nicht ein Schloss und einen Fuhrpark.

TI: Was raten Sie jenen, die jetzt schon in prekären Situationen sind? Von der finanziellen Art, von der Jobsituation her.

FH: Sich zusammen zu schließen und zu organisieren. Mit unserer nächsten Publikation, das wird eine Broschüre, um nicht zu sagen ein Pamphlet, die im Sommer verfügbar sein soll. Da treten wir in die Fußstapfen von Stephané Hessel  mit „Empört euch“, denn der kommt jetzt im Sommer mit „Erhebt euch!“ Und wir wollen im gleichen Format, im gleichen Umfang und auch um maximal vier Euro ein kleines Pamphlet mit dreißig Seiten, „Vereint euch!“, schreiben. Und im Untertitel „Neues Geld für eine neue Gesellschaft“. Und dort steht dann alles drin. Wie es geht, was man macht, was wir brauchen, was wir nicht brauchen. Wie wir die Denkweise ändern, was im Alten falsch ist, wie es im Neuen besser geht. Und so, dass es jeder versteht. Das ist geplant für Sommer.

TI: …das heißt, ab Herbst verfügbar?

FH: Wenn es so läuft wie wir wünschen, dann wird es schon vorher verfügbar sein. Damit die Leute wissen, was sie tun sollten.

TI: Das klingt für mich handfester als das, was ATTAC fordert… demonstrieren, Regeln für den Finanzmarkt…

FH: Das ist Zeitverschwendung. Den Finanzmarkt gibt es bald nicht mehr. Geld, der Finanzmarkt, Kapitalgesellschaften. Alle diese Dinge sind doch nur Werkzeuge in den Händen der Elite zu einem bestimmten Zweck. Und das ist die flächendeckende Bevölkerungsenteignung. Und daher brauchen wir uns um diese Werkzeuge nicht zu kümmern. Und wenn wir besonders clever sind, dann schaffen wir Eigentum gleich auch mit ab. Dann können sie nämlich nichts mehr tun. Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen. Eine Gesellschaft, in der das persönliche Eigentum, wie wir es heute haben, verschwindet, nur durch individuell gesicherte Nutzungsrechte ersetzt wird, wo wirklich jeder Mensch das, was er wirklich braucht, garantiert haben kann. Und das organisiert sich nicht unter einer diktatorischen Vorgabe, sondern aufgrund des Menschenverstandes, in Kooperation, in permanenter Abstimmung. Und das kann durchaus heißen, dass wir alle, später einmal, metaphorisch gesprochen, ein Schloss haben werden. Aber es ist dann etwas, was ökologisch, nachhaltig funktioniert. Was wir auch selber reparieren und in standhalten können. Wo wir nicht auf Dienstleistungen, die wir nicht bezahlen können, angewiesen sind. Und so weiter und so weiter. In der richtigen Geisteshaltung durch Kooperation können wir einen solchen Reichtum für alle schon schaffen. Aber wir können das nicht im bestehenden System, weil es diese Art von Entwicklung nicht zulässt.

TI: Da werden wir doch auf unsere individuelle Selbstbestimmung zurückgeworfen, oder?

FH: Naja, nicht so ganz dramatisch. Wir werden nach wie vor in Gruppennetzwerken leben.

TI: In Stämmen oder Clans?

FH: Nun ja, interessensgeleitet schon. Also was die Leute gemeinsam tun wollen. Aber nicht von der Abstammung her, nicht von der Kultur, der Religion. Das ist zu archaisch. Entscheidend wird sein, dass die Menschen herausfinden, dass unser Reichtum und Wohlstand eben nicht von diesen Papierschnipseln und Computerzahlen abhängt. Sondern von dem, was in der Realwirtschaft da ist. Das heißt zum Beispiel, ein Energieversorger, ein Lebensmittelproduzent, ein Unternehmer oder ein Treibstoffunternehmer – wenn die jetzt wirtschaftlich bankrott sind, dann müssen die trotzdem in der Realwirtschaft weiter leisten. Deswegen brauchen wir eine Änderung des politischen Systems. Damit wir sagen, Bilanzen, irgendein positives Eigenkapital brauchen wir nicht mehr. Sondern die Menschen tun etwas für andere, die auf die Dienstleistungen und Güter angewiesen sind. Und das müssten wir sicherstellen. Die Organisationsform, ob wir das Ergebnis jetzt Gewinn nennen, ob wir die Eigentümer schöpfen, ob das genossenschaftlich ist oder verstaatlicht. Das spielt keine Rolle. Es muss nur funktionieren.

Das ist ja eigentlich nur die Ideologie, die dafür sorgt, dass die Leute weiter arbeiten. Zuckerbrot und Peitsche ist es eben heute. Dann müsste es vernünftiger sein, eine „schiache“ (Anmerk. d. Red.: österreichisch für „hässlich“) Arbeit, die will ich nicht machen, da stelle ich einen Roboter hin und ich bin dann immer noch nützlich für die Gesellschaft. Und ich hab dann auch meine Einkommen, sonst gibt es ja auch keine Kreativität. Wenn jede Verbesserung meine eigene Existenz bedroht, dann gibt es keinen Fortschritt mehr.

TI: Wobei wir dabei bei der Grundversorgung wären, bei einem Grundeinkommen oder wie Sie das auch bezeichnen: funktionales Geld, funktionale Währung, Sozialversicherungsgeld.

FH: Ganz genau.

TI: Das heißt, basisdemokratische Prozesse, oder besser gesagt die Demarchie, wo man einen Konsens herstellt…

FH: …ganz genau, richtig.

TI: …weil Demokratie ist ja auch wieder eine versteckte Hierarchie

FH: Jawoll, wir haben heute noch das Problem der Abschirmungsprozesse. Heute ist es so, dass 51 Prozent 49 Prozent beherrschen können. Und das ist natürlich ein Unsinn. Man muss in die Richtung gehen, dass man sagt, man friert nicht den eigenen Standpunkt ein, sondern man bleibt so flexibel, dass man zu einer Lösung kommt. Dann hat man zum Beispiel 80 oder 90 Prozent Zustimmung. Und die erreicht man nur, wenn man eigene Elemente der eigenen Meinung auch aufgibt oder variabel gestaltet. Das ist etwas, was wir systemisch nicht wirklich drauf haben. Ja weil wir glauben immer, ich hab ein komplettes Paket und wir haben gewonnen, wenn es unverändert, genauso für alle gilt. Das ist natürlich ein völliger Unsinn. Wir müssen das ganze zerlegen in einzelne Bauteile, dann sagen, was ist besonders wichtig, was ist absolut notwendig, auf was kann ich sofort verzichten. Dann kann man sich viel besser  unterhalten. Aber wenn man vereinfacht schwarz-weiß malt oder ja nein, oder die eine Variante und sonst gar keine und auf der Ebene die Argumente verwendet, dann hat man es bei solchen Prozessen schwer.

TI: Das erinnert mich an das Managementtool „Effectuation“ (The Intelligence hat darüber berichtet), wo man von einer Idee ausgeht, man sich dazu Stakeholder sucht und dann sagt, was jetzt.

FH: Richtig, und dann entwickelt man dazu das Projekt aus dem Prozess heraus und nicht wie zuvor aus einer logisch kausalen Kette heraus und stur Heil durch. Und so etwas kann man im Internet wunderbar umsetzen. Mit kleineren Gruppierungen. Das kann man auch für Staaten oder größere Regionen verwenden. Und dann kann man mit Menschen, vor allem in Schulen, schon üben, so zu denken. Weil heute ist es ein Machtverlust, ein Verlust an Selbstwertgefühl, wenn ich meine komplette Meinung, also von A bis Z, nicht durchsetzen kann. Da verliere ich mein Gesicht. Vor allem in einer sozialen Gruppe, wo ich schon eine bestimmte Hierarchiestufe erreicht habe. Wenn ich da jetzt klein beigebe und Zugeständnisse mache da und dort auch, dann bin ich kein Alphatier mehr.

Das Intervie führte Angelika M. Wohofsky. Fortsetzung hier ab 19.05. um 09:30 Uhr.

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