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Finanzsystem als Betrugsmodell

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faust_IIDer Wirtschafts-Wissenschaftler Franz Hörmann scheut sich nicht, unser derzeitiges Finanzsystem, welches privaten Banken das Recht einräumt, aus Luft „Geld zu erfinden“, als Betrugsmodell zu bezeichnen. Wie nicht anders zu erwarten, findet sich Dr. Hörmann mit Vorwürfen konfrontiert, unter denen Inkompetenz noch zu den harmlosen zählt. Dass er sich Feinde schafft, ist kein Wunder. Als Nutznießer des herrschenden Finanzsystems betrachtet er eine Elite, deren Reichtum und Macht von der Erhaltung dieses Systems abhängt.

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Es war ein Leser, der uns auf dieses Interview mit Dr. Hörmann, Professor an der Wirtschaftsuniversität in Wien, hingewiesen hat. Vielen Dank! Wie sich aus gelegentlichen Kommentaren zu Artikeln über das Finanzwesen erkennen lässt, scheint die Zahl jener Menschen, die noch immer nicht verstanden haben, dass der größte Teil des in Umlauf befindlichen Geldes von privaten Banken kreiert wird, leider noch erschreckend hoch zu sein.

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Rein buchhalterisch funktioniert das System natürlich einwandfrei. Ein Bürger, ein Unternehmen, ein Staat, verfügt über bestimmte Werte. Ein Teil davon wird belehnt, wodurch die Bilanz noch immer im positiven Bereich bleibt. Die Bank, die den Kredit einräumt, erhöht zwar das Geldumlaufvolumen, indem ein bestimmter Betrag auf das Konto des Schuldners gebucht wird, doch verändert diese Transaktion nichts an den Bilanzwerten. Natürlich haftet die Bank mit ihrem Eigenkapital im Falle der Uneinbringlichkeit. Ein Teil der Zinsen wird zur Abdeckung dieses Risikos verwendet.

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Es entsteht aber gleichzeitig eine Lücke im Geldsystem, die sich nicht schließen lässt. Nachdem jeder Kredit Zinsen mit sich bringt, erhöht sich das Geldvolumen jeweils um die Höhe neu ausgegebener Darlehen, das Schuldenvolumen jedoch um Darlehen + Zinsen. Dies führt zuerst einmal dazu, dass es einfach nicht genug Geld geben kann, um alle Schulden zu begleichen. Gleichzeitig, nachdem mehr als 95 Prozent unseres Geldes als sogenanntes Buchgeld existiert, würde ein Begleichen aller Schulden auch praktisch alles Geld aus dem Umlauf ziehen. Kurz gesagt, so lange dieses System weiter besteht, muss die Zinslast mitgeschleppt werden.

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Dr. Hörmann formulierte die Situation folgendermaßen:

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„…Die Zusammenhänge sind auch völlig absurd, wenn man sich Folgendes überlegt: Der Staat verschuldet sich bei den Banken, um die Zinsen der Schulden, die er bei den Banken hat, zu begleichen oder um die Banken zu retten, bei denen er selber Schulden hat. Da versteht ja keiner mehr, wer eigentlich bei wem Schulden hat und was Schulden eigentlich sind.“

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Auf die Möglichkeit verweisend, dass der Staat sich Kredite eigentlich selbst geben könnte, erinnert Dr. Hörmann an das Bankensystem in China. Damit schneidet er einen Streitpunkt an, der insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – zu seriösen Diskussionen geführt hatte. Fällt die Ausgabe und Kontrolle von Geld in den Bereich von Politik oder handelt es sich dabei um ein Privileg von Banken? Nachdem die Konzentration bzw. Kontrolle von Geldwerten zweifellos Macht mit sich bringt, wie konnten es unsere Vorfahren bzw. deren politische Vertreter zulassen, dieses Machtinstrument in die Hände privater Bankiers zu legen? Dazu Dr. Hörmann:

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„…Es gibt ein systemisches Betrugsmodell einer Institution, der in unserem Wirtschaftssystem das Monopol zur Geldschöpfung über Kredite eingeräumt wird. Solange man mit Eigenkapital als Sicherheit zur Bank geht und die erzeugt aus Luft echtes Geld, das eine Zahlungsmittelfunktion hat, haben wir ein Problem.“

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Wir haben uns daran gewöhnt, Werte in Geld zu messen. Für Vergleichszwecke mag dies durchaus hilfreich sein, doch führt es gleichzeitig zur völlig unberechtigten Akzeptanz von Geld als Realwert. Geld ist ein Tauschmittel, dessen Wert jederzeit beliebig verändert werden kann.

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Ein durchaus banales Beispiel dafür wäre, seinen Wohnsitz nach Indien zu verlegen. Verfüge ich über 20.000 Euro, so kann ich in Deutschland, entsprechende Bescheidenheit vorausgesetzt, damit ein Jahr meines Lebens finanzieren. Steht mir die gleiche Geldmenge jedoch in Indien zur Verfügung, halte ich locker fünf Jahre damit durch.

Dr. Hörmann, der sich deutlich von marxistischen Ideen distanziert, geht davon aus, dass alle Währungen verschwinden werden, weil sie technisch nicht mehr funktionieren können. Grundsätzlich rechnet er mit einem endgültigen Zusammenbruch innerhalb der nächsten drei Jahre, schließt aber keineswegs aus, dass dies schon 2011 der Fall sein könnte. Als Übergangslösung zu einem neuen System schlägt er die Einführung „mehrdimensionalen“ Geldes vor. Er formuliert seine Vorstellungen:

„Wir brauchen mehrere unabhängige Rechnungskreise in Form spezialisierter elektronischer Gutscheine. Um die Grundversorgung der Menschen abzudecken, wie Wohnraum, Energie, Lebensmittel usw., könnte man eine Inventur in den einzelnen Ländern aller verfügbarer Ressourcen und des Bedarfs machen. Dann wäre es notwendig, die vorhandenen Ressourcen pro Kopf so zu verteilen, dass für den Basislebensstandard alle versorgt sind. Hier müssen alle kooperieren, ohne dass sie in ein gewinnorientiertes Tauschkonzept verfallen. Die Gemeinschaft muss ohne Wenn und Aber und ohne Gegenleistung Kinder, alte und kranke Menschen erhalten, und alle müssen mit diesem Grundlebensstandard versorgt werden, egal welche oder ob sie überhaupt eine Leistung vollbringen.“

Diese Basisnotwendigkeiten sollten jedoch nicht in Form von Geld, sondern als Naturalien übertragen werden. Gleichzeitig müsste dieses System aber auch die Möglichkeit einschließen, durch gesonderte Leistungen den eigenen Lebensstandard erhöhen zu können.

 

Nur wenige Stunden nach Erscheinen dieses Interviews bei DerStandard.at, fand sich ein Journalist der gleichen Zeitung, Eric Frey, der Dr. Hörmanns Fundmentalkritik am Geldwesen als „ökonomische Quacksalberei“ bezeichnete, die von sinnvollen Reformen ablenke. Nicht ohne auf die respektable Laufbahn des Hochschullehrers zu verweisen, wirft er diesem aber trotzdem vor, dass weder Geldpolitik noch Finanzwesen, „ja nicht einmal allgemeine Volkswirtschaft“, zu seinen Fachgebieten zählten. Herr Frey weiß es also besser. Er verheimlicht nicht, dass schon einer der größten deutschen Denker, Johann Wolfgang von Goethe, in Faust II diese Art der Geldschöpfung als Magie anprangerte, behauptet aber gleichzeitig, dass noch niemand ein besseres System vorgeschlagen hätte. Wen wundert es, wenn jede neue Idee nicht nur von den mächtigen Nutznießern des Systems, sondern auch von klugen „Experten“ – was immer sie sich erhoffen mögen – im Keim erstickt wird.

Frey findet aber auch ein Argument, mit dem er gewiss viele Menschen anspricht. Das vorherrschende Geldsystem, das sich nach Bedarf expandieren lässt, hat, dank fast grenzenloser Investitionsmöglichkeiten, wesentlich zu einem Fortschritt beigetragen, auf den die meisten von uns gewiss nicht mehr verzichten wollen.

Doch handelt es sich bei Fortschritt wirklich um das einzige Ziel unserer Gesellschaft? Denken wir ganz kurz an Fritz Langs Klassiker, Metropolis, der im Januar 1927 uraufgeführt wurde. Ergibt Fortschritt Sinn, wenn er nicht gleichzeitig zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt?

 

Dr. Hörmann hat im besagten Interview seine Thesen oberflächlich und allgemein verständlich gehalten. Dies führte u. a. zu einer kritischen Stellungsnahme durch Universitätsprofessor Dr. Ewald Nowotny, der seit 2008 die Position des Gouverneurs der Österreichischen Nationalbank bekleidet. Als einen von drei Kritikpunkten führt dieser an, dass Geschäftsbanken Geld keineswegs aus „der Luft erfinden“ und verweist dabei auf jene Regelungen, an die sich Banken bei der Kreditvergabe zu halten haben. Dazu bemerkt er, dass Banken auf der Passivseite ihrer Bilanz über entsprechende Mittel verfügen müssen.

„Entsprechende Mittel“ bedeutet, dass Geschäftsbanken einen Teil ausgegebener Kredite durch Eigenmittel decken müssen. Die neuesten Empfehlungen, die unter dem Begriff „Basel III“ bekannt sind, beziehen sich auf Eigenkapitalanforderungen von insgesamt 10,5 Prozent, was sich wiederum aus verschiedenen Werten zusammen setzt. Ungeachtet der wenig transparenten Mechanismen von Banken, die ein Jonglieren mit diesen Anforderungen erlauben, ungeachtet dessen, dass die Forderungen erst jetzt langsam angehoben werden, allein die Möglichkeit, 100 Euro gegen Zinsen zu verleihen, wenn nur 10 Euro und 50 Cents zur Verfügung stehen, würde wohl jeder von uns gerne in Anspruch nehmen.

Ein Geld- bzw. Wirtschaftssystem, das einen Staat nach dem anderen an die Grenze des Bankrotts treibt, das einen beachtlichen Anteil der Bevölkerung auf Unterstützungen angewiesen sein lässt, das vielen, die hart arbeiten, gerade genügend Mittel übrig lässt, um die Basiskosten ihres Daseins zu bestreiten, gleichzeitig aber unzählige Milliarden in den Händen weniger konzentriert, sollte eigentlich nur schwerlich dazu anregen, es zu verteidigen. Mit Sicherheit ist es aber an der Zeit, dass die Bürger mehr über das Phänomen Geld, das derartigen Einfluss auf unser Leben ausübt, zu verstehen lernen. Letztendlich sind es wir, die regelmäßig für die Fehler dieses Systems zur Kasse gebeten werden.

 

Ausführlichere Informationen zu Dr. Hörmanns Thesen finden sich in einem Arikel bei Heise.de bzw. auf Dr. Hörmanns eigener Webseite.

Über Konrad Hausener