Wo sind die Bilder der Ölpest
Wir wissen, Tausende Tonnen Erdöl geraten seit sechs Wochen täglich ins Meer. Gelegentlich sehen wir Luftaufnahmen. Hin und wieder hören wir von sterbenden Delphinen, von ölverschmierten Wasservögeln, von verseuchtem Marschland, von öligen Badestränden. Doch wo sind die Bilder davon? Will man uns vor den größten Schrecken verschonen? Der 60jährige Liedermacher Zachary Richard, auch als Umweltaktivist bekannt, wollte bei den Aufräumarbeiten im Golf von Mexiko helfen. Auf welche Schwierigkeiten er dabei stieß, erzählte er im frankokanadischen Fernsehen – und auch auf seiner Webseite.
Sobald die Ausmaße der Ölkatastrophe durch den Zusammenbruch der Plattform namens „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko bekannt wurde, flog Zachary Richard nach Louisiana. Wie viele andere, wollte er helfen.
Das erste, was er nach seiner Ankunft feststellte, war, dass es, zumindest vorläufig, noch keine Vögel zu reinigen gab. Es dauerte einige Zeit, bis das Öl die Küstengebiete erreichte. Doch der zweite Punkt, mit dem er sich konfrontiert fand, war: Die gesamte Region stand unter der Kontrolle des Erdöl-Konzerns BP!
Nicht staatliche Stellen kümmerten sich um die unzähligen Freiwilligen, die mithelfen wollten, das Schlimmste zu verhindern. Nicht Greenpeace oder irgend eine andere Umweltschutz-Organisation. Nein, BP, der Verursacher des Schadens.
Erste Voraussetzung, um helfen zu dürfen, war das Absolvieren eines Schnellkurses im Umgang mit „gefährlichen Materialen“. Die nächste Möglichkeit dazu fand sich nicht näher als in Houston, Texas. Damit hätte er bei BP bzw. einem Unternehmen, das von BP angeheuert war, einen Job beantragen können.
Und dann traf er die Schwester eines Freundes, Valerie Billeaud. Ihr war es gelungen, den sechsstündigen Kurs im Umgang mit giftigen Materialen, bei dem auch Videos von Wildtieren im Zustand der Panik gezeigt wurden, zu absolvieren. Mit der Kursbestätigung ausgestattet, wollte sie nun, zurück in Venice, Louisiana, ihre Lizenz ausgestellt bekommen. Eine Schule diente als Versammlungsort.
Sicherheitskräfte verwehrten ihr erst einmal den Zutritt. Warum? Weil sie vermutlich die einzige Frau unter Fischern war? Oder weil sie offen einen Fotoapparat bei sich trug? Gut, dank ihres resoluten Auftretens, gelang es ihr letztendlich doch, ihr Zertifikat ausgehändigt zu bekommen.
Auf seiner Webseite erklärt Richard, dass er und Valerie jedoch beschlossen hatten, mehr zu tun als ein paar Wasservögel von toxischem Erdöl und versprühten Chemikalien zu befreien. Richard dachte daran, seine Popularität zu nützen, um Aufmerksamkeit zu erwecken.
Für die Sendung „Mongrain“, ausgestrahlt am Vormittag des 4. Juni beim frankokanadischen Sender LCN, zeigte Richard eigene, schockierende Aufnahmen, u. a. von einem, im Ölschlamm versunkenen Pelikan.
Auch sprach er vom Schicksal der Fischer. 80 Prozent stehen vor dem Nichts. Doch, sonderbarerweise, der Teil, der von BP für die Reinigungsarbeiten angeheuert wurde, wird ausnehmend gut bezahlt. Vermutlich beträgt das Entgelt ein Mehrfaches von dem, was sich durch Fischerei erzielen ließe. Welche Zusagen müssen für derart einträchtige Jobs unterfertigt werden?
Die verdreckten Strände, das Marschland, die gesamte Gegend ist abgeriegelt. Natürlich handelt es sich dabei um Sicherheitsmaßnahmen. Wie erwähnt, der Umgang mit Öl und unbekannten Chemikalien stellt schließlich wirklich ein Gesundheitsrisiko dar. Erst kürzlich wurden sieben Fischer, die sich im Golf von Mexiko den Reinigungsarbeiten widmeten, ins Krankenhaus von Venice eingeliefert.
Und wie sieht es mit den mächtigen Medien aus? Könnte BP auch denen den Zugang verwehren?
Nicht ganz, wie ein kürzlich bei ABC-News gezeigter Beitrag beweist. Das, auch von uns veröffentlichte, Video verrät die Situation aus dem Blickwinkel von Tauchern, aufgenommen unter Wasser. Und sonst? Wie sieht es mit verantwortungsbewusster Berichterstattung aus? Schwelgt vielleicht irgend wo Angst mit, dass die Sorge um die Zukunft der Erde vielleicht sogar zur Akzeptanz von etwas Komfortverlust beitragen könnte? Selbst Greenpeace zeigt zwar ein paar Bilder und hat auch den Live-Stream von BP eingebettet, auf dem selten die wirklichen Aufnahmen aus der Tiefe übertragen werden, doch, dass man sich bemüht, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Situation zu lenken, danach sieht es nicht aus. Und der Quebecer Fernsehsender, der Zachary Richard eingeladen hat, verzeichnet schon der Sprache wegen eine beschränkte Zuseherzahl. Sind es eigentlich noch Regierungen, die über uns regieren, oder doch schon die Konzerne?




