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Druck, nicht nur im Wasserreaktor

akw philippsburgWie groß müssen der Druck und das Wissen um Unregelmäßigkeiten werden, bis sich Mitarbeiter trauen, Missstände öffentlich anzuprangern und somit gegen die Interessen ihrer Arbeitgeber und den bis dahin sicheren Arbeitsplatz anzugehen? Der Verfasser des sechs Seiten umfassenden Informationsbriefes an das Umweltministerium in Stuttgart könnte darüber berichten. Tatsächlich berichtete er über skandalöse Zustände im von EnBW betriebenen AKW Philippsburg. Das Credo laute Kostenminderung um jeden Preis: d.h., Umgehung vorgeschriebener Prüfungen, Täuschung Sachverständiger, Vertuschung meldepflichtiger Vorfälle. SpOn führt die gravierendsten Punkte auf:

  • Konkret soll im November eine wichtige Beckenkühlpumpe, welche die hochradioaktiven Brennelemente kühlt, “durch Fehlverhalten kaputt gefahren” worden sein – ohne dass das Ereignis gemeldet worden wäre.

  • Das gleiche gelte für einen Zwischenfall Anfang September, damals sei Wasserstoffperoxid bei der Anlieferung ausgetreten.

  • Darüber hinaus seien großflächig defekte Gebäudefugen im Notspeisegebäude entdeckt worden, durch die “im Brandfall ein Feuer ungehindert in weitere Räume vordringen” könnte. Auch darauf sei nicht sachgemäß reagiert worden.

Alles nur heiße Luft, könnte man meinen, wenn man die Reaktion von EnBW liest: Eine erste Überprüfung der pauschalen Anfeindungen und Unterstellungen habe ergeben, dass diese haltlos seien. Allerdings weigern sich die Verantwortlichen, sich in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Alle Fragen würden dem zuständigen Ministerium beantwortet.

Nach einer ersten Prüfung kommt nun auch das Umweltministerium zu dem Ergebnis, dass der Austritt von Wasserstoffperoxid als harmlos einzustufen sei. Auch über den Ausfall der Beckenkühlpumpe sei man rechtzeitig informiert worden. Sie wäre lediglich zur Wartung außer Betrieb genommen worden. Aber selbstverständlich würden alle Vorwürfe “zügig, unaufgeregt und sachgerecht” erörtert. Zudem wurden die Hinweise anonym gegeben, ob die Belegschaft tatsächlich frustriert und demotiviert ist, sei dahingestellt.

Beunruhigt ist man dennoch. Im Februar 2011 führte ein Schreiben dazu, dass EnBW meldepflichtige Störfälle nachmelden muss. Es gab also tatsächlich gravierende Missstände. Und die Hoffnung, dass sich AKW-Betreiber nach der Katastrophe von Fukushima nur mehr um das Wohl der Menschen und die Gesunderhaltung unseres Planeten sorgen, ist verschwindend gering. Man denke nur an das Festhalten am Borssele II. Ausbau, der nur auf Grund von Protesten auf Eis gelegt wurde. Oder die ungebrochene Bürgschaftsbereitschaft für Angra 3, trotz attestierter Sicherheitsmängel, die fukushimaähnliche Folgen nach sich ziehen könnten.

Ein Glück, dass unsere Atomaufsicht ein wachsames Auge auf die atomkraft(be)treibenden Damen und Herren wirft. Zumindest, solange es dem amtierenden „Abteilungsleiter RS“ im BMU nicht in den Sinn kommt, verschleiernden Druck auf die Lider auszuüben. Dieser Gedanke könnte durchaus durchs Gehirn spielen, wenn man bedenkt, wer diesen wichtigen und einflussreichen Posten begleitet. Gerald Hennenhöfer ist’s, der in den 1990ern schon einmal für Reaktorsicherheit zuständig war (unter der damaligen Umweltministerin Angela Merkel), dann aber vermutlich die Einstellung, eindeutig jedoch die Seiten wechselte, um die Betreiber des Endlagers Asse rechtsanwaltlich zu beraten. 2009 wurde er erneut Atomaufseher, wieder unter Merkel, diesmal Kanzlerin.

Nicht nur Asse-Gegner sprachen entrüstet vom endgültigen Einzug der Atomlobby in die Atomaufsicht. Nun plant Umweltminister Altmaier, Hennenhöfer für weitere zwei Jahre im Amt zu halten, obwohl dessen Rückzug allein schon aus Altersgründen angeraten scheint. Eine entsprendende „Kleine“, jedoch datailierte Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zum Abteilungsleiter RS zeigt so deutlich Ungereimtheiten und Verstrickungen auf, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn man die Antwort vom 7.12.2012 darauf unter der Nummer 17/11788 – 2012-12-07 bis dato noch nicht herunterladen kann.

Wer sich jetzt noch wundert, warum Schreiben wie die aus Philippsburg anonym verfasst werden, wenn überhaupt, ist sich des Machtapparats im Lobbyhintergrund immer noch nicht bewusst.

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