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RWE – Saubermannimage mit Pferdefuß

rwe_aktie_altIn harten Diskussionszeiten um Ausstieg aus der Atomkraft, erneuerbare Energien, Umweltschutz, Verantwortung für unseren Planeten und der Ohnmacht der Menschheit gegenüber entfesselten Naturgewalten, muss man sich schon einiges einfallen lassen, um den zunehmend kritischen Kunden zu halten bzw. dazuzugewinnen. Vor allem, wenn man einer der Energiegiganten ist, dem der dumme Zwischenfall in Fukushima ein Leck in die Geschäftspläne gebrannt hat. Schlagworte wie Verantwortung, Innovation, erneuerbare Energien und Biodiversität auf den Internetseiten der „PowerAG“ pflastern den eingeschlagenen Weg in eine saubere Zukunft, das Siegel der UN Global Compact unterstreicht zusätzlich das Bestreben des Konzerns, sich für Menschenrechte und Umweltschutz einzusetzen. Das Handeln ist geprägt vom ständigen Bestreben um Klimaschutz, Versorgungssicherheit, Arbeitssicherheit, Gesundheitsmanagement und mehr.

So wird dem auf Sicherheit bedachten Durchschnittskunden ein Angebot auf den Stromzähler geschrieben, dem er sich vernünftigerweise gar nicht entziehen kann, will er nicht unzeitgemäß gelten: RWE Smarthome, die sparende Haussteuerung fürs traute Heim, smart von unterwegs steuerbar, komfortabel verwaltet von der unverzichtbar zentralen Steuereinheit, die per Funk die Daten jedes im Hause vernetzten Endgerät abrufen und nach Plan ändern kann. Der Einbau kann ohne Vorkenntnisse erfolgen, die Benutzeroberfläche ist ebenfalls idiotensicher, es reicht völlig, wenn RWE Zugriff auf die Daten hat, immerhin benötigt die Zentraleinheit eine Internetverbindung zur entsprechenden Zusatzdienst-, Service- und Gerätesoftwareupdateseite. Nun, die Betreiber können nicht verhindern, dass der Komfort auch Abweichlern zu Gute kommt, die ihre Endgeräte mit Ökostrom betreiben, dafür hilft aber die permanente Standby-Stellung dazu, dass man den Stromverbrauch nicht allzu oft per Handbetrieb auf atomautarkes Niveau abschalten wird.

Dafür sorgt bereits der „grüne Strom“, der vom Konzern „auf die Straße gebracht wird“. Unter der Überschrift „Umweltbewusste Revolution für den Autofahrer“ geht RWE „mit dem Vorhaben Elektromobilität einen grundlegenden Schritt in Richtung klimafreundliche Mobilität und leistet durch RWE Autostrom Natur und den Einsatz von Strom aus regenerativen Quellen an allen RWE Ladesäulen einen weiteren Beitrag zu Umwelt- und Klimaschutz.“ Extra darauf hingewiesen wird, dass der eingespeiste Ökostrom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammt.

Was aber passiert, wenn diese Mobilitätsangebote, regierungsseitig auch noch mit Prämien unterstützt, tatsächlich zum rasenden Absatz weiterer Strom verbrauchender Geräte führt? RWE selbst warnt auf seinen Seiten vor wetterabhängigen Schwankungen, denen gerade Solar- und Windenergie unterliegen, „die sich nicht nach den Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft richten“. Dann muss halt konventionell nachgeliefert werden. Das erklärt auch das Ergebnis einer Greenpeace-Studie, wonach „der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bei RWE im Jahr 2009 bei nur 2,6 Prozent lag“. Die moderne Gesellschaft kommt eben nicht ohne moderne Kernenergie aus. Damit dies auch der letzte ignorante Kritiker kapiert, schüren die Energiekonzerne in trauter Einigkeit die Angst vor einem höchst wahrscheinlichen Blackout, angesichts der Tatsache, dass nur noch 27 Prozent der Atomstromkapazitäten zur Verfügung stehen. Jochen Stay, der Sprecher der Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“, denkt da noch einen Schritt weiter. Tatsächlich nähmen die Betreiber ihre abgeschalteten Gas- und Kohlekraftwerke aber bewusst nicht ans Netz und provozierten so Schwankungen im Netz, um die Bevölkerung in der Debatte um den Atomausstieg zu verunsichern. Das war auf tagesschau.de zu lesen.

Und während sich unsere Regierung eher lustlos an die Stärkung alternativen Energien macht – dem Entwurf für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nach soll der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch bis 2020 immerhin die 35 %-Marke erreichen – lachen sich die marktbeherrschenden Energiekonzerne ins Fäustchen. Der Januskopf der imagemäßig vom Saulus zum Paulus polierten RWE schielt nach dem niederländischen AKW Borssele, 200 km von der deutschen Grenze entfernt.

Wie die Süddeutsche berichtet, wird sich RWE eine 30-prozentige Beteiligung an Borssele geschätzte 500 bis 600 Millionen Euro kosten lassen. Geld, das man zur Sicherung bestehender Meiler bzw. zur möglichst sicheren Lagerung von Atommüll hätte investieren können. Aber damit nicht genug.

Ganz abgesehen von der zukünftigen Möglichkeit, billigen Atomstrom nach Deutschland zu leiten, ist die Errichtung eines zweiten AKW in den vom sich erhöhenden Meeresspiegel bedrohten Niederlanden angedacht. Trotz Fukushima. Die Kernschmelze wurde ja bereits vom Erdbeben ausgelöst, nicht vom Tsunami.

Ob die Rechnung dieses und anderer Konzerne aufgehen wird, hängt zum großen Teil von uns Endverbrauchern ab. Lassen wir uns manipulieren, oder steuern wir weiterhin bewusst unseren Energieverbrauch, mit Köpfchen und manuell? Greifen wir zu den verlockenden Angeboten oder vermehren wir den elektrischen Fuhrpark erst dann, wenn er ständig, ausschließlich und überall aus 100 Prozent reinem Ökostrom gespeist werden kann? Haben wir Fukushima gedanklich ad acta gelegt oder sind wir weiterhin zu hören?

Wir müssen dran bleiben, damit die Kehrtwenden in den Politikerköpfen mehr als nur Lippenbekenntnisse sind.

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