Sonntag , 25 September 2016
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Die Zukunft liegt im Wirtschaftsfaschismus – Der benötigt dumme Bürger

trend_nach_obenDarf man so denken? Darf man der Politik böse Absicht unterstellen, indem sie die Bürger mit vollendeten Tatsachen konfrontiert und absichtlich dumm belässt? Indem man die Ergebnisse der PISA-Studie als „Problem der Migranten“ abtut? Anscheinend darf man viel, solange die „normalen Wahnsinnigen“ mitspielen. Die anderen, auch bunte Vögel genannt, packt der Zorn. Der heilige Zorn ob der Ohnmacht gegenüber dem System. Dem Wirtschaftssystem, dem Bildungssystem und der missverstandenen Fachliteratur. Derweil verkünden Hofberichterstatter die Mär vom „Fest der Freude am Arbeitsmarkt“.

„Ja, das will ich sehen! Ich will es wirklich endlich mit eigenen Augen sehen! Aber dazu ist sie als Gefangene ihrer Ideologie überhaupt nicht in der Lage. Dazu müßte sie eine 180°-Kehre machen und alles über den Haufen schmeißen, was sie bisher gepredigt hat. Und bevor sie irgendwelche Konsequenzen zieht, sollte sie mal den Kopf aus dem Rektus der Bank- und Finanzfürsten ziehen. Ein bisschen freie Sicht hat noch keinem geschadet. Ich bin es so leid, ihr hohles Geschwätz, die Phrasendrescherei und die leeren Worthülsen, die sie hervorwürgt wie eine Eule das Gewöll. Ich möchte kotzen, wenn ich sehe, wie viele Menschen die bitteschön froh sein sollen, dass sie eine Arbeit haben, mit Dumpinglöhnen ihr Dasein fristen, ganz besonders weit möchte ich kotzen, dass nichtsnutzige Banken Hunderte von Milliarden hinten hineingeschoben kriegen, gleichzeitig aber an Tausende von Hartzis Rückzahlungsbescheide versandt werden. Ja, ja, die angeblichen Sozialschmarotzer brauchen doch einen vernünftigen Ansporn. Ein richtiges „Fest der Freude am Arbeitsmarkt“: so viele billige Sklaven auf einmal! Wer unser System versteht, der versteht auch, warum Deutschland nie der Sklaven aus Übersee bedurfte.“

Mit „sie“ ist Angela Merkel gemeint, ihre Worthülsen und Versprechungen für eine deutsche Vollbeschäftigung. Auch in Österreich meldet man Beschäftigungszahlen, wie nie zuvor gewesen. Die Wirtschaft brummt, das Weihnachtsgeschäft läuft besser als je, von der Krise keine Spur – wieder einmal. Derweil rettet man Irland, schweigt sich dezent über die budgetären Wahrheiten Portugals aus und lässt den Tunnelblick großzügig über Belgien, Spanien und Italien hinweg streifen. Belgien steht ganz oben auf der Verschuldungsliste der EU und hat seit den Wahlen im Frühjahr keine Regierung! Diese Haltung ist so schön romantisch, wie der alte Seemann, der sich am Horizont orientiert und die Geschehnisse vor ihm auf Deck auszublenden versucht.

Enttäuschung baut sich auch in Cancun auf. Der Klimagipfel ist wieder gescheitert. Kein Staat auf der Welt scheint wahres, aufrichtiges Interesse am Weltklima zu bekunden. Vielmehr schiebt man Verantwortungen von einer Ecke in die andere. Warum auch, wenn der Aktienmarkt für CO2-Zertifikate seit November zunehmend uninteressanter wird, die Gratiszertifikate von Business Europe gezielt herbei „gelobbt“ wurden. Wenn sich mit dem Klima nichts verdienen lässt, wofür dann Engagement? Und die TEEB-Studien, die den Schutzgebieten monetären Wert zusprechen – man bezeichnet diese geschönt als „Ökosystemdienstleister“ (!) – sind noch in der Probephase. Darin ist Deutschland Vorreiter und zertifiziert derzeit Hochmoore und ökologisch sensible Gebiete, berechnet den Wert ihrer „Leistung“ für einen potenziellen Markt der Zukunft.

Marke „Merkel“ hat tatsächlich null Bock, am Status Quo etwas zu ändern. Wer wirtschaftlich die Fäden zieht, hat kein Interesse, diese aus der Hand zu geben. Da hat es auch den Deutschen wenig zu kümmern, dass Brasilien Vorreiter in Sachen Klimaschutz ist, China weltweit die Führung im Solaranlagenbau übernimmt. Denn schließlich soll wieder alles so werden, wie es war. Wohlstand und jedem Deutschen seinen Benz oder Volkswagen – auf gut österreichisch: „Jedem Bauer seinen Golf.“ Die Wirtschaft soll wieder wachsen, die Arbeitslosen sollen brav in die Fabriken zurückkehren, die Schulen sollen dafür passende Menschen ausbilden und alles ist schön lean brain gemanaged, eine Hierarchie der Dummen. Bürger, denen man das selbständige Denken abgewöhnt, sind eben handzahm. Dazu passt ein Bildungssystem aus dem 19. Jahrhundert, das auf solche Karrieren der Willigen sorgsam vorbereitet. Ein kollektiv starkes Wir, welches gemeinsam kämpft und arbeitet, zur Ehre des Exportweltmeisters. Deutsches Wirtschaftswunder eben – hofft Merkel tatsächlich, dass sich dieses, dem Phoenix gleich, aus der Asche der Wirtschaftskrise erhebt?

Wesentlicher Teil des politischen Verwirrspiels ist die heute erschienene PISA-Studie. Österreichs 15-Jährige glänzen mit „Nicht Genügend“ in Lesen, Naturwissenschaften und Mathematik. Deutschlands Bildungsniveau bewegt sich nach wie vor im Mittelmaß. Länder wie Südkorea, Singapur, Japan, Finnland, Kanada sind weit vorne. Mathematik ist für österreichische Schüler wohl eine besondere Hürde, die deutschen schneiden mittelmäßig besser ab, pochen auf ihre signifikante Verbesserung im Prozentbereich. Leseverständnis, einfache Umrechnungen von einer Währung in die andere sind eben nicht Jedermanns Sache, braucht man wegen dem Euro auch nicht. Außerdem wären die Migranten die „Bösen“, die nicht lesen können. Dabei muss man festhalten, dass vor zehn Jahren die PISA-Studie bereits miserable Ergebnisse zutage förderte, die Lehrer in diesem Bildungssystem wohl noch immer dieselben sind, und die PISA gebrieften Schüler von damals heute wählen gehen und Zeitung lesen(?).

In einem solchen Umfeld kann verantwortungslose Politik wild vor sich hin werken, ohne vom Wähler kontrolliert zu werden. Es versteht ja eh keiner, was wirklich mit den politischen Phrasen gemeint ist, und wirtschaftliche Zusammenhänge scheinen den meisten Mitbürgern bereits zu hoch. Man mache mal die Probe aufs Exempel und frage auf der Straße die Mitmenschen, wie denn die Geldschöpfung durch Banken gelingt. Man wird kaum Antwort erhalten, der Großteil der Bevölkerung versteht nur schwer das Kreditwesen, geschweige denn, glaubt an die heile Welt, will nichts wissen von Kartellabsprachen und dem Einfluss der Lobbyisten auf Politik und (Welt-)Wirtschaft.

Es hat Vorteile, die Bevölkerung dumm zu halten. Verschwörungstheoretiker mögen darin den großen Angriff auf die Demokratie erkennen. Ein Gunter Dueck, Chefstratege bei IBM, beschrieb dieses Moronentum („moron“ = englisch für „Schwachsinniger“) als „Null Hirn Management“ – gleichnamiges Buch (Lean Brain Management) wurde zum Wirtschaftsbuch des Jahres 2006 gekürt und als Managementhandbuch gepriesen. Die in ihm wohnende Systemkritik wurde teils nicht verstanden.  Also, man tut jetzt ganz geschockt und fordert eine Reaktion vom Bildungssystem. Doch im Grunde ist es recht so, wie es ist. Lean Brain eben.

Auch der Wille, sich den Wahrheiten eines sich völlig selbst überlassenen Marktes zu stellen, dessen Wurzeln, wie das Bildungssystem, in einem anderen Jahrhundert zu finden sind, fehlt. Wer hat davon Nutzen? Wer profitiert vom Festhalten des überkommenen Alten, vom Schwachsinn der Bürger? Was Dueck aus Zorn schreibt („Lean Brain Management“ ist aus Zorn über das System heraus entstanden, verrät dieser im Gespräch mit der Redakteurin), verhallt als Ratgeber, rezipiert im leeren Raum des neoliberalen Wirtschaftsidealismus. So wie Wolfgang Haber von unbequemen Wahrheiten einer Wohlfühlökologie spricht, und damit die „Fallen der Menschheit“ aufdeckt, so engagiert sich ein Gunter Dueck für eine „himmelblaue Politik“, um den gesellschaftlichen Neurosen etwas entgegen zu setzen: „Es lügen alle, aber sie tun nichts!“ Es gehört Mut dazu zu sagen, was fehlt und was zu tun ist. Für Dueck fehlt es an Bildung in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik. Doch „die Öffentlichkeit fällt gnadenlos über Menschen her, die sagen, was man nicht sagen darf, und die nicht sagen, was man zu sagen hat.“ – Manfred Lütz, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bezeichnet die ganz Normalen als Wahnsinnige, die „koste es was es wolle, zu jeder Zeit im Trend liegen wollen, die überall mitlaufen und immer ganz genau wissen, was man sagen muss und was man nicht sagen darf.“

Dessen ist sich auch die Politik bewusst, die ganz bestimmt nicht die Wahrheit sagt, weil dies Wählerstimmen kostet – ein beinahe O-Ton eines österreichischen Staatssekretärs bei einer politischen Veranstaltung, und alle Anwesenden stimmten dieser Aussage durch Schweigen zu. Also tickt man so, oder hat zumindest mit „lean brain“ gelernt, so zu ticken. Bürger werden informiert, wenn die Sache im Kasten, die Kuh aus dem Stall ist. Ob Stuttgart 21 oder ein anderes provinzielles Großprojekt, mit dem man Stimmen fängt, ist egal. Zauberformel PPP (Private-Public-Partnership) und Konjunkturförderungen lösen alle Budgetprobleme. Private Investoren sind ja Hype, sind die Guten. Sei nur zu hoffen, dass der Psychiater unrecht hat, wenn er meint: „Dann spüren die Mittelmäßigen, dass sie ganz viele sind, und dass sie Macht haben über all die abweichenden bunten Vögel. Und dann wird ihre Normalität militant.“ Hatten wir doch schon. Gehirnwäsche in der Bildung, in der politischen Meinung und das Ausradieren der widerspenstigen bunten Vögel. Die Politik dazu erhält das Präfix „Wirtschaft“ – Wirtschaftsfaschismus ist das System mit Zukunft.

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