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Die Dialektik des Aufschwungs – Der Boom bestätigt die Krise

aufaschwung_diagramm2010 war das Jahr des Aufschwungs in Deutschland, um 3,6 Prozent wuchs die Wirtschaft hierzulande. Nun kann man darüber diskutieren, wem der Aufschwung zugutekommt, wie viele Menschen davon was gespürt haben oder mit welchen statistischen Tricks die Arbeitslosenquote herunter gerechnet wird. Die zahlenmäßige Tatsache bleibt. Wie ist das möglich, Finanzkrise und Wirtschaftsaufschwung zugleich? Ökonomen haben dafür eine einleuchtende Erklärung. In den letzten Jahren sind Unsummen deutscher Gelder ins Ausland geflossen, um dort risikoreich und mit hohen Renditen investiert zu werden. Diese Gelder kehren nun zurück. Es ist einfach zu riskant geworden im Ausland und jetzt sucht man das sichere Investment zu Hause. Es fließen viele hundert Milliarden Euro zurück und das führt zum speziellen und bewunderten deutschen Aufschwung. Der Wirtschaftsboom ist also kein Gegenargument gegen die Krise, sondern deren Bestätigung.

Das enorme Wirtschaftswachstum in Deutschland hat einen weiteren Effekt, der sich sehr gefährlich auswirkt. Der Boom wirkt beruhigend – auf die Bürger und auf die Politiker. Die Deutschen sind ohnehin nur wenig bereit, sich den Ausmaßen der Krise zu stellen, wie Umfragen diese Woche zeigten. Zwei Drittel sehen ihre Ersparnisse in Gefahr, aber nicht einmal ein Fünftel will etwas dagegen unternehmen und andere Anlageformen suchen.

Und bei den Politikern kommt langsam Feierstimmung auf. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle reist als neuer Ludwig Erhard durchs Land, während Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel weitere Milliarden für die EU abliefern kann. Von Reformen oder vom Sparen redet niemand mehr. Deutschland fällt in die Lethargie der überkommenen Scheckbuch-Politik zurück, zu Hause und in Brüssel. Man gibt das Geld den Lobbygruppen oder der EU-Bürokratie, kein Problem, der Aufschwung ist da. Gerade in dem Augenblick, in dem die Finanz- und Eurokrise zu entschlossenen und zukunftsgerichteten Handeln motiviert hätte, scheint sie vorbei. Das passierte schon oft bei den Wirtschaftskrisen der letzten 20 Jahre. Die Folge war ein sich stetig weiter aufbauender Reformstau. Auch jetzt scheint es wieder diesen Weg zu gehen. Klar ist aber auch, die nächste Krise kommt bestimmt und wird dann umso härter ausfallen.

Diese doppeldeutige Dialektik des deutschen Aufschwungs muss man auch vor dem Hintergrund sehen, dass die Lage der Weltwirtschaft sich zu komplizieren droht. Die US-Notenbank druckt permanent Dollars und überschwemmt damit die Welt. Diese Geldschwemme aus den USA setzt viele andere Länder enorm unter Druck. Brasilien spricht daher jetzt nicht mehr nur von einem Währungskrieg, sondern schon von einem Handelskrieg und will sich mit staatlichen Maßnahmen gegen den schwachen US-Dollar wehren. Auch die Schwellenländer beginnen Geld zu drucken und so entsteht ein weltweiter Wettlauf der Notenpressen. Ein riesiger Inflationsschub droht. Wirtschaftswissenschaftler sehen das Ende der Dollar-Dominanz oder sogar des Papiergeldes, wenn stattdessen Gold oder Rohstoffe als Verrechnungseinheit eingeführt werden.

Überhaupt tragen den gegenwärtigen Aufschwung der Weltwirtschaft sehr stark Schwellenländer wie Brasilien und insbesondere China. Die Abhängigkeit der westlichen Wirtschaft, und auch Deutschlands, von China wird immer größer. Dies kann ein Problem werden, denn der chinesische Wirtschaftsboom ist sehr fragil und die sich derzeit aufbauende ökonomische Blase im Reich der Mitte kann jederzeit explodieren und der Weltwirtschaft den Todesstoß versetzen. Auch in Deutschland wäre dann der Aufschwung vorbei und natürlich die Ratlosigkeit wieder einmal groß.

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