Samstag , 22 Juli 2017
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Die Müllcontainer vor dem Butterberg

256px-Freegan_at_workEs ist ein Prozesstag und auf der Anklagebank des Amtsgerichts in Eschwege sitzen drei Jugendliche – Studenten, die sich eines Strafdeliktes verantworten müssen und Einspruch erwirken wollen. Das Urteil wurde bereits ausgesprochen, entweder droht den Angeklagten eine dreimonatige Gefängnisstrafe oder aber das Aufkommen einer Strafzahlung von insgesamt 4500 Euro. Gegen dieses Urteil haben die Verurteilten Einspruch erhoben, sie werden beschuldigt, weggeworfene Lebensmittel aus einem Müllcontainer auf dem Gelände eines Supermarktes entwendet zu haben, was in Deutschland eine Straftat bedeutet.

Die vorgeworfene Tat soll bereits im Sommer letzten Jahres stattgefunden haben. Die Studenten wurden während einer nächtlichen Pkw-Durchsuchung durch die Polizei mit ihrer Beute auffällig, lagen im Auto tatsächlich mehrere Lebensmittel, die nicht wirklich auf einen regulären Einkauf deuteten. Die sichergestellte Beute: abgepackte Brote, Obst, Gemüse – alles nicht mehr im verkaufsoptimalen Zustand aber durchaus noch essbar. Das Problem, der Markteiter eines Supermarktes gab den Einbruch auf sein Gelände zu Protokoll, der Müllcontainer auf dem abgeschlossenen Gelände wurde gewaltsam geöffnet, der darin befindliche Inhalt, weggeworfene Lebensmittel wurden als gestohlen gemeldet. Auch wenn die Lebensmittel vernichtet worden wären, handelt es sich, gemäß des aktuellen Gesetzes um Diebstahl. Insofern ist die Anklage zwar wenig nachvollziehbar entspricht aber der aktuellen Gesetzsprechung. Nur, in diesem Fall kann den “Gesetzesbrechern“ die Straftat gar nicht eindeutig nachgewiesen werden, weil die Entwendung von abgelaufenen Lebensmitteln weder überwacht oder gefilmt wurde. Es gilt dann die Unschuldsvermutung. Dennoch sollen die Angeklagten die geforderte Summe bezahlen oder aber für drei Monate ins Gefängnis wandern. Aktuell läuft der Einspruch gegen das Urteil, die Verhandlung wird dieser Tage fortgeführt und erreicht ein hohes Maß an öffentlichem Interesse, viele Medien berichten darüber. Wird hier also die Gelegenheit genutzt ein Exempel zu statuieren? Geht es um kriminelle Machenschaften oder handelt es sich beim „Containern“ um eine Form des gesellschaftlichen Protests? Das Thema polarisiert sehr stark und es symbolisiert die Wertegesellschaft als Wegwerfgesellschaft, gleichermaßen die Konsumbereitschaft der westlichen Welt, weiterhin wird hier offen gegen den Kapitalismus demonstriert.

Deutschland gleich Wegwerfgesellschaft?

Anhand dessen, was täglich an Lebensmitteln im Müll landet, lässt sich der Luxus der uns im Leben umgibt ablesen. Wir kaufen so viel ein, was wir gar nicht bereit sind aufzubrauchen, nur weil uns die Angebotsvielfalt eine Form von Freiheit suggeriert – natürlich ist damit nicht jeder einzelne Bürger gemeint, sondern wir als Gesellschaft. Durch billige Preise, einem Überangebot von Produkten und einer verkehrten Wertevorstellung unterstützt die Bevölkerung von Deutschland, das kalkulierte Streben nach Macht und Gewinn der großen Konzerne. Im Supermarkt wird dieses Problem in Form von Dekadenz sichtbar. Supermarktdesigner, Lebensmittelexperten und Psychologen widmen sich alleine dem Thema, wie können Lebensmittel produziert und präsentiert werden, damit die Käufer mehr kaufen und mehr Geld ausgeben aber das Gefühl haben, diese Dinge besitzen zu müssen. Wer mit wachsamen Augen durch die designten Nahrungswelten der Supermärkte wandelt, wird sich schnell mit dem Überangebot an Auswahl überfordert fühlen, sanfte Klänge unterstützen den Streifzug durch das Konsumparadies. Die Aussage: Auswahl und Angebot bedeutet mehr Lebensqualität, das hat natürlich seinen Preis. Diese Wertprodukte gibt es nicht umsonst, auch wenn uns Preisaktionen und Rabatte das Gegenteil vermitteln sollen. Um sich dieses Angebot an Waren leisten zu können, dafür muss hart gearbeitet werden, was wiederum weniger freie und selbstbestimmte Zeit bedeutet – bedeuten muss. Was wäre aber, wenn wir wieder mehr Zeit aber dafür weniger materiellen Besitz hätten? Das mag, wenn man es mal ausprobiert und sich umgestellt hat, (Konsumentzug) sicher der persönlichen Zufriedenheitsgestaltung dienlich sein, die Wirtschaft wird davon aber nicht reicher. Darum geht es doch oder? Deutschlands Wirtschaft muss wachsen, damit es den Bürgern weiterhin so gut geht wie bisher. Sollen wir das wahrhaftig glauben?

Die Wahrheit liegt irgendwo dort draußen – oder gleich im Müllcontainer voller Lebensmittel

Bevor der Weg beim Müllcontainer hinter und nicht vor dem Supermarkt endet, an dieser Stelle noch der Hinweis darauf, dass sich die Wirtschaft längst darauf verständigt hat, ein bestimmtes Maß an Abfall sich nicht nur einzugestehen, sondern bewusst zu produzieren. Lebensmittel, darunter natürlich auch Fleisch- und Milchprodukte werden also bewusst als Abfall eingeplant und gefertigt. Etwa 10 % der Absatzwaren werden für den direkten Weg in den Müll kalkuliert. Lebensmittel wie Wurst, Käse, Milch oder Fleischfrikadellen werden aber nicht irgendwo angebaut oder künstlich erschaffen, das, was am Ende als Endprodukt weggeworfen wird, hat einmal gelebt, wenn auch nur sehr kurz und in den Augen vieler Menschen sowieso nur aus dem Grund damit wir Nahrung haben. Das mag einfach nicht in unserer die Köpfe hinein. Der Weg zum Müllcontainer ist mit solchen Ungerechtigkeiten gepflastert, an den Gängen wachsen auf beiden Seiten Lebensmittelregale in die Höhe, welche vollgestopft mit Verpackungen und Inhalten irgendeines nicht nachvollziehbaren Ursprungs sind. Aus dem Hintergrund wird ständig Nachschub produziert und nachgeschoben, während dafür die Schlagzahl erhöht wird, fallen die Produkte vorne aus den Regalen, nicht nur in die Einkaufswagen, sondern auch direkt auf das unsichtbare Fließband Richtung Müllcontainer. Damit diese Ungerechtigkeit, diese Verschwendung nicht sichtbar und dadurch öffentlich wird, ist der Zugriff auf die Müllcontainer verboten und gesetzlich untersagt.

Während viele Menschen schon lange Teil dieses Uhrwerks sind und beständig im Takt ticken, aufnehmen, was an Geld und Konsum vorgegeben wird, wächst auch auf der anderen Seite der Anteil derer, die scheinbar weniger haben – vorweisen können und sich mit dem was sie verdienen begnügen müssen. Dass dies oftmals so wenig ist, dass Nahrung zum Luxus wird, ist die eine Sache aber nicht unbedingt der Umstand, den einige Menschen so verstehen wollen. Die Bezeichnung “Containern“ ist längst zum Leitbild frei denkender und ökologisch wachsamer Menschen geworden. Es sind Leute wie die drei angeklagten Studenten, die mit diesen Aktionen Aufmerksamkeit und Gerechtigkeit bezwecken wollen. Die Gesellschaft sollte für diese soziale Avantgarde dankbar sein, schaffen es diese Menschen doch, sich gegen den Strom der Gleichgültigkeit zu stellen und Widerstand zu leisten. Nicht nur dass, sie sind Augenöffner und Vorreiter einer vielleicht wieder bewusster handelnden Gesellschaft. Natürlich hat die Beschaffung von Nahrung, die weder schlecht noch schimmelig ist auch einen praktischen Nutzen, die Leute müssen weniger Geld ausgeben. Geld, das meist nur privilegierten Bürgern zusteht, aber es ist doch bekannt, dass mit dem Geld auch die eigene Freiheit schwindet. Oftmals werden sich Dinge aufgebürdet, die man sich zwar leisten kann, die aber zum wirklichen Leben eher ungeeignet sind.

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Raphael Fellmer – Mit Ruhe zur Mitte – Foto von Stefan Benz. Herzlichen Dank für die Erlaubnis zur Nutzung

Solche Menschen braucht nicht nur das Land, sondern die ganze Welt

Einen scheinbar extremen Weg hat sich Raphael Fellmer zugewendet. Er lebt das Prinzip ohne Geld leben zu können. Mit seiner Philosophie sticht er mitten ins Herz der Konsumgesellschaft und vermittelt dabei Werte, die eigentlich kaum mit den hiesigen Werten einhergehen können. Raphael lebt, wie es auf seiner Website (www.raphaelfellmer.de)steht seit 2010 im Geldstreik, um damit auf Missstände hinzuweisen. Dazu gehört nicht nur die soziale Ungerechtigkeit, sondern auch das Umweltbewusstsein. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich durch die Hilfsbereitschaft anderer Menschen, die in ihm ein Vorbild sehen. Er ist einer, der extreme aber auch aufsehenerregende Mittel zur Lebensgestaltung für sich gewählt hat und damit auch vielen anderen Menschen aus den Herzen spricht. Er hat zum Beispiel die Initiative Foodsharing ins Leben gerufen, ein soziales Netzwerk, bei dem sich Menschen helfen und zum Beispiel nicht mehr benötigte Lebensmittel der Allgemeinheit anbieten können. Raphael Fellmer hält Vorträge, war schon öfters geladener Gast im Talk-TV und berichtet dabei von Mitteln und Wegen, um aus der Falle des Überflusses entkommen zu können. Interessenten, die sich über diesen Weg informieren möchten, dürfen sich sein E-Book „Glücklich ohne Geld“ sogar (aber eigentlich auch logischerweise) kostenlos aus dem Internet laden. Wer Raphael Fellmer unterstützen möchte, findet auf seiner Website auch den Bereich wo Hilfe oder materielle Zuwendungen entgegen gebracht werden können.

Menschen wie Rapahel einer ist, werden immer mehr. Diese Bewegung wächst gegengesetzt zum vermeintlich sicheren wirtschaftlichen Wachstum. Dass dies irgendwann ein Ende hat, weil die Rohstoffe endlich sind, wird von den Menschen wie den drei Angeklagten im Müllcontainer-Prozess nicht nur wahrgenommen, sondern eben auch praktiziert. Containern ist nicht nur ein ökologischer Trend, sondern eine Demonstration gegen eine Gesellschaft, die von der Wirtschaft gelenkt wird. Die immer weiter wachsende Auswahl an Lebensmitteln und anderen Produkten ist der gewinnmaximierte Weg durch Geld eine Illusion, die Freiheit der Menschen aufrechtzuerhalten. Der Kreislauf entpuppt sich dabei als Hamsterrad. Wir rennen und arbeiten immer schneller und mehr, nur um uns Dinge zu leisten, die weniger haltbar sind und stets nur kurzweilig befriedigen können. Der Durst nach dem Mehr wird unstillbar.

Wenn sich Leute vom Produktionsüberschuss – dem Müll aus den Supermarktcontainern bedienen, geht es also nicht um den Diebstahl, sondern um die Offenlegung eines völlig kranken Systems, deren Auswüchse aus Sicht der Produzenten lieber versteckt und unentdeckt bleiben sollen. Dennoch ist dieser Akt illegal und gleichzeitig mit einer kriminellen Handlung behaftet – ist das ein Zufall?

Hungerleid und Butterberg

Die alleinige Schuld der Überproduktion bei den Produzenten der Waren zu suchen könnte durchaus im Sinne des Staates sein. Dabei ist es die Regierung, die durch Subventionen diesen Stein ins Rollen gebracht hat. Die Problematik der Überproduzierung ist weder neu noch hat sich der Zustand groß verändert, ist also keineswegs eine monströse Ausgeburt der EU – die Europäische Kommission bedient sich einfach nur der bewährten Mittel. Im Laufe der 80er Jahre wurde die Bezeichnung des “Butterberg“ geläufig und eng mit der Nahrungsarmut der Dritten Welt in Verbindung gebracht. Schon die damalige Überproduktion aufgrund von Staatssubventionen brachte das Bildnis, das westliche Länder auf einem Berg von Nahrungsmitteln sitzen, während Menschen armer Länder an Hunger leiden und daran sterben. Im Prinzip hat sich an diesem Zustand kaum etwas verändert. Das Containern lenkt die Aufmerksamkeit dieses wirtschaftlichen Ungleichgewichts aber nicht in eine weit entfernte und kaum erfassbare Welt, sondern direkt vor unsere Haustüren und Supermärkte, dort wo die Mülltonnen voll mit überproduzierten, subventionierten Lebensmitteln sind.

Leute, die sich nachts an den Müllcontainern bedienen, fügen den Konzernen wahrhaftig ernsthafte Risse in deren Fassade zu. Es wird Zeit, dass wir diese Schlupflöcher nutzen, um hinter das System zu schauen und unser Handeln ernsthaft hinterfragen.

Erstes Bild: By Khalid Aziz  via Wikimedia Commons, Mit Ruhe zur Mitte von Raphael Fellmer von Stefan Benz

 

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