Wal-Mart – Die Auswüchse von wildem Kapitalismus
Zwar missglückte der Versuch, in Deutschland Fuß zu fassen, trotzdem ist Wal-Mart, mit Niederlassungen in 15 verschiedenen Ländern, das weltweit größte Privatunternehmen. Ein überaus breites Spektrum verschiedenartigster Produkte zu oft unglaublich niedrigen Preisen, gehören zu den ersten Kriterien des Erfolgsrezepts. In den USA ist Walmart der größte private Arbeitgeber. Das erwirtschaftete Vermögen ist legendär. Lässt sich, bei so einem wundersamen Aufstieg, überhaupt noch etwas Negatives erwähnen? Mit Sicherheit. Und zwar, eine ganze Menge.
Wal-Mart ist nicht über Nacht groß geworden. Alles begann mit einem Billigladen, den Sam Walton, 1945, im Franchising-System übernahm und mit großem Erfolg führte. Dann folge „Waltons Five and
Dime Store“, wo ebenfalls Produkte um wenige Cents zu erwerben waren. 1962 gründete er schließlich den ersten Diskontladen unter dem Namen Wal-Mart. Innerhalb der ersten fünf Jahre vergrößerte sich das Unternehmen auf 24 Niederlassungen. In dieser Epoche ständig wachsender Märkte, genügte es übrigens, die Gewinnspanne etwas niedriger zu halten als die Konkurrenz. 1968 expandierte das Unternehmen über die Grenzen des Bundesstaates Arkansas hinaus. Beim 25jährigen Gründungsjubiläum, 1987, zählte man bereits 1.198 Geschäfte mit 200.000 Angestellten, die sich bei Wal-Mart „Partner“ nennen dürfen. Der Jahresumsatz betrug 15,9 Milliarden Dollar.
Mittlerweile gibt es alleine in den USA über 800 Discount-Stores mit einer Durchschnittsgröße von fast 10.000 Quadratmeter, und mehr als 2.700 sogenannte „Supercenter“ mit deutlich größerem Nahrungsmittelangebot und etwa doppelt so großer Verkaufsfläche. Das mit 31. Januar 2009 endende Geschäftsjahr brachte einen Umsatz von 404 Milliarden Dollar mit einem Reingewinn von 13,6 Milliarden.
Der, 1992 verstorbene, Gründer des Geschäftes, Sam Walton, hinterließ vier Kinder, S. Robon, John T., Jim und Alice. John T. Walton, Pilot bei der amerikanischen Luftwaffe und Vietnam-Veteran, kam im Jahr 2005 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Sein Vermögen ging an seine Frau Christy. Ein Blick in die, 2009 im Forbes-Magazin veröffentliche Liste der Milliardäre (die neuesten Zahlen weichen davon etwas ab), zeigt die vier Walten-Erben auf den Rängen 11 bis 14. Jeder von ihnen verfügt über 17,6 Milliarden Dollar, zusammen also rund 70 Milliarden. Zum Vergleich, der angeblich reichste Mann der Welt, Bill Gates, wurde im gleichen Jahr auf „bloß“ 40 Milliarden eingeschätzt.
Es wäre einfacher, aufzuzählen, was es bei Wal-Mart nicht gibt, als umkehrt. Turnschuhe, Autoreifen, Kinderspielzeug, Marmelade, Uhren, Kochtöpfe, Mobiltelefone, Bilderrahmen, Kartoffelchips, Nähnadeln, also, praktisch alles, was kaufbar ist. Der einzig verbindende Faktor ist der Preis. Praktisch alles ist spottbillig. Der Konsument darf sich freuen.
Grundsätzlich wäre alles wunderbar, wenn es auf dieser Welt, oder im betroffenen Land, nur Konsumenten gäbe. Es gibt aber auch Kleinbetriebe und – vor allem – es gibt Arbeitnehmer. Dass der Wal-Markt-Kunde die Unpersönlichkeit und das nichtvorhandene Service in derart riesigen Geschäften in Kauf nimmt, liegt eindeutig am niedrigen Preis der Waren. Sobald Wal-Mart in einer bestimmten Region einen neuen Markt eröffnet, steigt die Zahl der Geschäftsschließungen im Einzelhandel sprunghaft an. In Extremfällen sind es bis zur Hälfte der eingeführten Klein- und Mittelbetriebe, die dem Giganten regional zum Opfer fallen. Die allgemein hochgelobt Arbeitsplatzbeschaffung führt somit zu einem negativen Resultat. Es werden mehr mittelständische Arbeitsplätze ruiniert als neue geboten werden, was in Statistiken jedoch grundsätzlich nicht ausgewiesen wird.
In den Vereinigten Staaten ebenso wie in Kanada kümmert sich der Staat ziemlich wenig um Arbeitsbedingungen. Dies wird Gewerkschaften überlassen. Zwar sind die Regelungen in den Bundesstaaten unterschiedlich, doch liegen vorgeschriebene Mindestlöhne bei unter 10 Dollar pro Stunde, der jährliche Urlaubsanspruch beträgt meist nicht mehr als eine Woche pro Jahr und im Krankheitsfall wird die Lohnzahlung eingestellt. Einem, unter Grippe leidenden, Angestellten gegenüberzustehen, ist in Amerika keine Seltenheit. Dafür gibt es ja schließlich Pillen.
Die Mehrzahl der Arbeitnehmer in Amerika ist jedoch nicht gewerkschaftlich organisiert, was nicht zuletzt auf die Unternehmenspolitik vieler Großbetriebe zurückzuführen ist. (Wal-Mart ist dabei übrigens nicht das einzige Beispiel.) Im Jahr 2005 wurde in der kanadischen Stadt Jonquiere eine Niederlassung geschlossen, nachdem die Mitarbeiter einer Gewerkschaft beigetreten sind. Also, den schlechten Arbeitsplatz entweder akzeptieren oder ganz verlieren. Der Öffentlichkeit gegenüber wurden als Gründe natürlich zu schwache Umsatzzahlen genannt, die es nicht erlaubten, den Forderungen der Gewerkschaft nachzugeben.
Dass Angestellte von Wal-Mart als „Associates“ also „Partner“, bezeichnet werden, hat absolut nichts mit einer Unternehmensbeteiligung zu tun. Es handelt sich dabei um nichts anderes als einen schmeichelnden Begriff. Dazu eine Aussage des Gründers, Sam Walton: „Ich zahle niedrige Löhne. Ich kann Vorteil daraus ziehen. Wir werden erfolgreich sein, aber die Voraussetzung ist ein Konzept sehr niedriger Löhne und Sozialleistungen!“
Das durchschnittliche Stundeneinkommen, leitende Angestellte der einzelnen Märkte dabei eingeschlossen, beträgt z. Z. $ 10,84, was bei 34 Arbeitsstunden pro Woche mit einem Brutto-Jahreseinkommen von $19,165 korrespondiert. Wie durch unzählige Gerichtsverfahren belegbar ist, weigert Wal-Mart sich regelmäßig, Überstunden zu bezahlen oder gesetzlich vorgeschriebene Arbeitspausen zu gewähren. Ein kurzer Überblick dazu findet sich bei Wikipedia:
Im Dezember 2005 wurde Wal-Mart von einem Gericht in Kalifornien zu einer Zahlung in Höhe von 57 Millionen Dollar verurteilt. Das Geld geht an 116.000 frühere und derzeitige Mitarbeiter, denen Wal-Mart eine vorgeschriebene 30-minütige Pause verwehrte. Des Weiteren wurde Wal-Mart zu einer Strafzahlung in Höhe von 115 Millionen Dollar verurteilt, weil das Unternehmen den Mitarbeitern keine Mittagspause zugestand.
Im Oktober 2006 wurde der Konzern aufgrund unbezahlter Mehrarbeit zu einer Zahlung von 78,5 Millionen Dollar an seine Mitarbeiter im US-Bundesstaat Pennsylvania verurteilt. Nach Medienberichten sind weitere 70 Verfahren anhängig.
Derzeit laufen über 1000 weitere Verfahren gegen die Kette wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das Arbeitsschutzrecht.
Abgesehen davon, dass Wal-Markt allein in den USA mehr als eine Million Menschen unter derartigen Voraussetzungen beschäftigt, woher stammten die Produkte? Zwar bediente sich Wal-Mart während der 1980er Jahre des Slogans „Buy American“, doch selten finden sich in den dortigen Regalen Produkte, die auch wirklich in Amerika erzeugt wurden.
Exakte Angabe über Prozentsätze der importierten Waren lassen sich schon deswegen nicht finden, weil Wal-Mart auch von, in Amerika ansässigen, Importunternehmen kauft und den Ursprung dieser Produkte, nach eigenen Angaben, nicht überprüft. Bei Wakeup Wal-Mart finden sich dazu einige Angaben (Gewerkschaften sind schließlich über den Ausfall der Mitgliedsbeiträge auch nicht glücklich):
China Business Weekly schrieb schon am 29. November 2004: „70 Prozent aller waren auf den Regalen von Wal-Mart stammen aus China!“
US-China Business Council 2008: “Wäre Wal-Mart ein eigenständiger Staat, würde er als Importeur chinesischer Waren an achter Stelle rangieren, noch vor Russland und Indien.“
The Irish Times, 15 Mai 2008: “Mehr als 80 Prozent von Wal-Marts Zulieferern sind in China stationiert.”
Dass es diesbezüglich natürlich auch an Vorwürfen regnet, dass Kinderarbeit und Arbeit chinesischer Strafgefangener genutzt würden, entspricht den Erwartungen.
Und Wal-Mart wächst weiter. Nicht nur Kleinbetriebe müssen dem Giganten weichen, sondern auch spezialisierte Ketten leiden unter diesem Konkurrenzdruck. Ein plakatives Beispiel dazu wäre die Spielwarenbranche. Während diese ganzjährig ihre Räumlichkeiten und Infrastruktur zu erhalten hat, um vor Weihnachten das große Geschäft zu machen, verändert Wal-Mart, während der umsatzträchtigen Zeit, einfach ihre Bereiche. Statt Bademoden und Camping-Bedarf wird eben Spielzeug angeboten.
Unter dem Druck eines derartigen Monsters leiden also Produktionsbetriebe, der Einzelhandel und Arbeitskräfte und somit letztendlich auch der ganze Staatshaushalt. Löhne, die unter der Steuergrenze liegen sind dabei ebenso zu berücksichtigen wie der Ausfall der Steuerleistung des Mittelstandes.
Schon jetzt lässt sich sehr leicht erkennen, dass eine derartige Situation mit Sicherheit nicht als „gesunde Wirtschaft“ bezeichnet werden kann. Und wo liegen die Grenzen? Zwar noch langsam, doch beginnt Wal-Mart sogar mit der Eröffnung sogenannter Neighborhood Markets, kleineren Geschäften, die überall dort geplant sind, wo sich ein großes Center nicht lohnt. Ohne Karl Marx lobend erwähnen zu wollen, doch derartige Entwicklungen hat dieser schon vor 150 Jahren vorhergesehen. Ob es nicht an der Zeit wäre, Ernst Friedrich Schumachers Idee, die unter dem Begriff „Small is Beautiful“ bekannt ist, etwas mehr Beachtung zu schenken?








