Gaza-Aktivisten: Zeuge spricht von 16 Toten
Am vergangenen Wochenende traf der kanadische Schiffsingenieur Kevin Neish in seiner Heimatstadt Victoria ein. Drei Tage wurde der 53jähige in israelischen Gefängnissen festgehalten, eigenen Angaben nach, brutal behandelt und mit dem Tode bedroht. Während die Medien offiziell von 9 Todesopfern informiert wurden, erklärte Neish Reportern, dass er 16 Tote gezählt hätte. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, dessen Krimis sich in Israel bester Erfolge erfreuen, gab schon am Donnerstag ein Interview gegenüber der englischen Zeitung Guardian, in dem er erklärte, dass alles, was er bei sich hatte, gestohlen wurde.
Israel wehrt sich vehement, die Ermittlungen über den Vorfall einer internationalen Kommission zu überlassen. Am 31. Mai hatten israelische Kampftruppen einen, aus sechs Schiffen bestehenden, Hilfskonvoi in internationalen Gewässern angegriffen. Zumindest 9, nach Neish’ Angaben 16, Menschen kamen ums Leben. Über die Opfer sind kaum Angaben bekannt. Der israelische Premierminister Natanjahu sprach am Sonntag von „Dutzenden von Strolchen“.
Die offizielle Pressekonferenz wurde von Kevin Neish zwar erst für Montag angekündigt, doch gab er neugierigen Reportern bereits einige Angaben zu den Vorfällen. Seinen Beobachtungen nach, hätten die israelischen Soldaten zuerst Feuer eröffnet. Erst danach hätten die Passagiere der Mavi Marmara nach „Objekten“ Ausschau gehalten, um sich zu verteidigen. Aus dem, von den israelischen Kriegsstreitkräften veröffentlichten, Video, das Passagiere zeigt, die auf Soldaten mit Stöcken einprügeln, geht nicht hervor, ob bereits davor Schüsse gefallen sein könnten.
Während die israelischen Soldaten alle Fotoapparate und Mobiltelefone beschlagnahmt hatten, gelang es Neish, den Memory-Chip aus seiner Kamera zu nehmen und sich dieser zu entledigen, was ihn vor Leibesvisitationen schützte.
Noch während er in der Türkei war, hatte er einem CBC-Reporter von seinen Erfahrungen in Israel erzählt: „Während 15 Stunden durfte ich keine Toilette besuchen. 24 Stunden lang durfte ich nicht aufstehen. Sie hielten mir Gewehre vors Gesicht. Sie hielten mir einen Revolver vors Gesicht. Jedes Mal, wenn ich mich strecken wollte, wurde eine Waffe auf mich gerichtet, schnappte ein Hund nach mir!“
Auch der schwedische Schriftsteller Henning Mankell erzählte einem Reporter des Guardian am vergangenen Donnerstag in Berlin von seinen Erlebnissen. Die 25 Passagiere auf dem Schiff, auf dem er sich befand, hatten beschlossen, sich kampflos zu ergeben. „Wir sahen diese schwarzen Schlauchboote mit den maskierten Soldaten“, zitiert ihn der Artikel, „und sie kletterten an Bord. Sie waren sehr aggressiv. Da war dieser alte Mann, er war vielleicht etwas langsam, und sie schossen ihn mit einer elektrischen Waffe in den Arm, etwas sehr, sehr schmerzvolles. Einen anderen Mann haben sie mit Gummiprojektilen beschossen.“
Mankell, dessen Fotoausrüstung, Handy, Kreditkarte und sogar seine Socken die Israelis behielten, wurde bedroht, wegen illegaler Einreise auf längere Zeit eingesperrt zu werden. Nachdem er den Soldaten aufgeklärt hatte, dass er aus internationalen Gewässern gekidnappt worden sei, erklärte ihm dieser, dass er eines seiner Bücher gelesen hätte!
Gleichzeitig schreibt die israelische Zeitung Jerusalem Post in der Online-Ausgabe vom 7. Juni: „Wir müssen die Hysterie, Feigheit und den blanken Unsinn beachten, der in weiten Kreisen des Westens, nach dem Vorfall mit der Flotte, vorherrscht.“ Im gleichen Artikel wird erklärt, dass Lockerungen im Boykott gegen den Gaza-Streifen nur sofern möglich sind, dass Hamas dadurch nicht unterstützt werden könnte. Baumaterialen, um den unzähligen Obdachlosen einen Unterstand zu schaffen, könnten auch zur Errichtung von Bunkern Verwendung finden und somit Hamas „militärisch“ stärken. Selbst Güter für den täglichen Bedarf könnten, so die Jerusalem Post, den Hamas-Mitgliedern als Belohnung dienen.
Im, seit drei Jahren komplett isolierten, Gaza-Streifen leben auf rund 360 Quadratkilometern 1,5 Millionen Menschen.




