Inge Höger: „Es war ein kriegerischer Akt Israels!“
Inge Höger, die deutsche Politikerin, die sich auf einem der Schiffe befand, die, mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen beladen, von der israelischen Armee angegriffen wurden, erzählte der österreichischen Tageszeitung Kurier von ihren Erlebnissen. Wie allgemein verlautet wird, lehnt Israel eine internationale Untersuchung des Vorfalls ab, wäre aber bereit, ausländische Beobachter bei den eigenen Ermittlungen zuzulassen. Während die Türkei weiter auf Konsequenzen besteht, dürfte der Staat Israel, durch den Vorfall, der zumindest neun Menschen das Leben gekostet hatte, in der Weltöffentlichkeit deutlich an Sympathien eingebüßt haben.
Wird ein Gefangener freigelassen oder ausgewiesen? Es scheint sonderbar, dass manche Medien, allen voran die internationale Nachrichtenagentur Reuters, den Begriff „ausgewiesen“ vorzieht. Der Kurier, dem sich Inge Höger für ein Interview zur Verfügung stellte, verwendet sogar den Begriff „abgeschoben“. Wie immer der unfreiwillige Flug mit einer Maschine der israelischen Linie El Al nach Berlin auch genannt werden mag, Inge Höger ist froh, wieder in Deutschland zu sein.
„Mit diesem Blutbad hat niemand gerechnet“, erklärt sie gegenüber der Kurier-Redakteurin Conny Bischofsberger. Sie spricht von Soldaten mit Masken vor den Gesichtern, von Tränengas und von Maschinenpistolen. Die Bilder der blutverschmierten T-Shirts helfender Ärzte, werden ihr noch lange im Gedächtnis bleiben.
Auf die Szenen der Videos angesprochen, die Besatzungsmitglieder zeigen, die mit Holzstöcken auf israelische Soldaten einschlagen und einen sogar über Bord werfen, antwortete sie: „Wir Frauen wurden ja, als die Kommandoaktion um halb fünf Uhr morgens startete, erst mal unter Deck eingesperrt. Es ist unklar, ob von den Israelis oder - zu unserem Schutz - von der türkischen Besatzung, ich vermute letzteres. Deshalb bin ich bei der Erstürmung selbst nicht direkt dabei gewesen.“ Ohne die schrecklichen Ereignisse selbst beobachtet zu haben, ist sie aber trotzdem der Meinung, dass es sich bei der Verteidigung mittels Holzstöcken gegen eine gewaltsame Kommandoaktion, in ihren Augen, um Notwehr handle. Ferner verwies sie auf die friedlichen Absichten und fügte hinzu: „Ich dachte, wenn Abgeordnete dabei sind, wäre es auch ein Schutz für das Schiff, um es durchzulassen.“
Die Kurier-Redakteurin sprach Inge Höger darauf an, dass sie den Angriff als „Krieg“ bezeichnet hätte, und Norman Paech, ihr Kollege von der Linkspartei, sogar als „Kriegsverbrechen“. Dazu Inge Höger wörtlich: „Dazu stehe ich. Es war ein kriegerischer Akt Israels, auf einem internationalen Gewässer einen Hilfskonvoi anzugreifen. Damit hat Israel bewiesen, dass es an einer friedlichen Lösung des Nahost-Konflikts keinerlei Interesse hat.“
Als provokant bezeichnet sie die Aktion der israelischen Militärs, nicht die der Friedensaktivisten.
Dass Waffen an Bord waren, kann Inge Höger sich nicht vorstellen. Gesehen hat sie jedenfalls keine. Auch die Militärangehörigen, die alle Gepäckstücke durchsuchten, viele dabei mit Messern aufschlitzten, haben offensichtlich keine Waffen gefunden.
Auch nach dem Vorfall und der kalten Reaktion Israels sowie den Vorwürfen von Provokation, verweist Inge Höger auf die friedlichen Absichten. Dabei erinnert sie an unabhängige internationale Berichte, auf die humanitäre Not, auf den Mangel an Wasser und Lebensmittel im Gaza-Streifen.
Die Zahl der Toten? Es wird von 9 gesprochen, doch erinnert sich Inge Höger, dass anfangs 19 genannt wurden.
Eine unabhängige Untersuchung wäre in ihren Augen das Mindeste. „Dieses Verbrechen gegen das Völkerrecht muss aber auch international verurteilt werden, denn Untersuchungspapiere landen doch ohnehin nur in einer Schublade, das bringt gar nichts“, machte sie ihre Meinung deutlich.
Auf die Frage, ob sie selbst noch einmal bei so einer Solidaritätsfahrt mitmachen würde, antwortete sie: „Um das zu entscheiden, brauche ich noch Zeit. Ich muss das Erlebte erst noch verdauen.“
Quelle: Kurier.at, Online-Ausgabe vom 3. 6. 2010





